Donnerstag, 29. Mai 2014

Der Papst und ein paar Feste


Am Montag kam der Papst nach Jerusalem. Ich hatte mich vorher über sein Programm informiert und hatte vor, um 9:30 Uhr auf den Herzl-Berg zu gehen um ihn bei der Kranzniederlegung am Grab Theodor Herzls, dem Begründer des modernen Zionismus, zu sehen. Itai hatte mir am Abend zuvor erzählt, dass der Papst bei uns um die Ecke übernachten würde, da wir hier ja in einer ziemlich noblen Gegend und unweit des Regierungssitzes wohnen. Schon am Abend, als ich in einem kleinen Restaurant an der Aza-Street, der Hauptstraße hier etwas essen war, fuhren dutzende Polizeiwagen vorbei. Also stand ich am nächsten Tag extra früh auf, um rechtzeitig auf den weiter westlich gelegenen Herzl-Berg zu kommen. Als ich an der Bushaltestelle ankam, stellte ich allerdings fest, dass es schon zu spät war. Die Straße war komplett abgeriegelt, kein Auto, geschweige denn Bus fuhr mehr. Also beschloss ich, einfach dort zu warten und den Papst wenigstens vorbei fahren zu sehen. Ich postierte mich auf einer Bank vor jenem Restaurant, in dem ich am Abend vorher noch essen war und hielt ein Pläuschen mit einem Polizisten der dort rumstand und sichtlich gelangweilt war von seinem Job dort. Und ca. eine halbe Stunde später fuhr tatsächlich eine riesige Autokolonne vorbei. Und in einer dieser fetten, schwarzen Limousinen saß er -Franziskus! Ich hatte genau eine Sekunde lang einen Blick auf seinen Kopf durch das geöffnete Fenster. Wahnsinn! Extrem unspektakulär, aber hey, ich kann nun behaupten ihn live gesehen zu haben.



Nachdem der Spuk vorbei war und ich mich bei dem Polizisten beschwerte, dass er viel zu schnell vorbei gefahren sei, sagte er, dass die Delegation auch den gleichen Weg zurück fahren würde, in ca. einer Stunde. Also lief ich kurz nach Hause, schnappte mir ein Buch, um die Warterei zu verkürzen und setzte mich an die Bushaltestelle, um dort zu warten. Irgendwann setzte sich eine alte Dame neben mich, mit der ich kurz darauf ins Gespräch kam. Sie wartete nicht auf den Papst, sondern nur auf den Bus, der natürlich noch nicht fuhr. Ich fragte sie woher sie kommt und erfuhr, dass sie aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammt, 1928 geboren ist und während des Krieges nach Theresienstadt deportiert wurde. Sie hat dort drei Brüder und ihren Vater verloren und kurz bevor sie weiter nach Auschwitz deportiert werden sollte, wurde das Lager von der roten Armee befreit. Es war unglaublich mit ihr zu reden. Vor allem so surreal, an einem so schönen, warmen Tag an einer Bushaltestelle zu sitzen und zufällig jemanden mit so einer Geschichte kennen zu lernen. Sie gab mir dann auch ihre Nummer und ihre Adresse, es stellte sich heraus, dass sie nur ein paar Häuser von mir entfernt wohnt, und lud mich ein sie einmal zu besuchen. Sie hat auch ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben, dass sie mir gerne geben würde. Allein schon wegen dieser Begegnung hatte sich das frühe Aufstehen gelohnt!
Und irgendwann kam dann auch tatsächlich der Auto-Korso vom Papst zurück. Nur war es diesmal sogar noch unspektakulärer, da das Autofenster geschlossen war und man daher rein gar niemanden mehr sehen konnte. Aber kaum, dass die Autos alle weg waren, wurden die Absperrbänder von der Straße entfernt und innerhalb von ein paar Sekunden rollte der Verkehr wieder als wäre nichts gewesen. Es war generell eine seltsame Atmosphäre auf der Straße dort. Ich schätze, dass außer mir vielleicht noch zwei oder drei andere Christen dort standen und auf Franziskus warteten. Insgesamt waren kaum mehr Menschen dort als gewöhnlich und die meisten Israelis warteten dort entweder auf den Bus oder waren einfach neugierig. Kein Vergleich natürlich zu Bethlehem, wo er einen Tag zuvor eine Messe gefeiert hatte und deutlich mehr Christen leben als in Jerusalem.

Ich verabschiedete mich von der Frau, Shoshana, mit dem Versprechen mich bei ihr zu melden und ging nach hause. Ein paar Stunden später hatte ich einen Meeting Point mit Shuki Borkovsky. Vorher wollte ich allerdings noch mein Portfolio auf den neuesten Stand bringen und musste daher ein paar Bilder einscannen. Ich hasse diese Computerarbeit, da irgendwas leider immer schief läuft und ich mit meinen begrenzten Kenntnissen in InDesign & Co. leider sehr schnell an den Rand der Verzweiflung gelange. Aber es klappte erstaunlich gut - zumindest bis es ans Abspeichern ging - aber ich will euch nicht langweilen. Ich konnte das Portfolio zumindest, wie ich es geplant hatte, an eine Professorin in Düsseldorf versenden um mich bei ihr für ein gastsemester zu bewerben. Nun heißt es wieder mal hoffen und warten.
Das treffen mit Shuki lief wieder mal erstaunlich gut, obwohl ich ein eher ungutes Gefühl im Vorfeld hatte, da ich ich keine meiner "Hausaufgaben", die er mir über die Pessach-Ferien aufgegeben hatte, erledigt hatte. Aber nichtsdestotrotz war es wieder ein sehr interessantes und erkenntnisreiches Gespräch!

Am Dienstag wie immer der Drawing-Kurs, der eigentlich umbenannt werden sollte in Art-history, da es seit Wochen so abläuft, dass unser Lehrer Arkadiusz uns Bilder auf dem Computer zeigt von Künstlern oder Epochen die ihn interessieren und sehr lange Monologe darüber hält. Eigentlich ist es recht interessant, nur leider ist es wie in den 10-Uhr-Vorlesungen an der Aka in Stuttgart, dass es mir einfach furchtbar schwer fällt dabei nicht einzuschlafen... Aber zu meiner Überraschung verkündete er uns später, dass wir nur noch insgesamt zwei Treffen hätten bis das Semester vorbei ist, bedingt durch Feiertage nächste Woche. Die Zeit verfliegt!
Am Abend traf ich mich mit den Mädels und Yuval, Evas Nicht-Freund bei Tamara zum Cocktail trinken. Da an diesem Tag der sogenannte Students-day war, gab es am Abend ein Festival und viele Konzerte in der Stadt. Ich hatte mir bewusst kein Ticket dafür gekauft, weil ich nicht so der Fan von Menschenaufläufen und Festivals bin, aber zum Vorglühen kam ich natürlich gerne. Wir trafen uns also bei Tamara, und leerten eine Flasche Rum, gemixt mit diversen Fruchtsäften und Minze. Danach war ich verständlicherweise so gut gelaunt, dass ich mich doch noch überreden ließ mit zu dem Festival zu kommen. Wir schafften es sogar mich ohne Karte auf das abgezäunte Parkgelände zu schleusen. Und es lohnte sich wirklich! Eine israelische HipHop-Band und ein scheinbar ziemlich bekannter, schon etwas älterer Gitarrist sorgten für eine wahnsinns Stimmung dort! 


Gestern ging ich zum Markt um frisches Obst zu kaufen. Ja, ich KAUFTE tatsächlich einmal etwas dort. Kam mir auch ziemlich seltsam vor, da ich ja in den letzten Monaten hauptsächlich dort war um das auf dem Boden liegende Obst und Gemüse aufzuklauben, aber diesmal hatte ich einfach Lust auf frische, makellose Pfirsiche... Jedenfalls lief ich zufällig auf dem Nachhauseweg in eine Parade von sehr patriotischen Israelis. Ich hatte keine Ahnung was denn jetzt schon wieder gefeiert wurde und fragte eine junge Soldatin, die dort am Absperrzaun stand, was denn er Anlass sei: "Jerusalem-Day" - aha. Ich nahm mir also vor, zuhause danach zu recherchieren und sah dem Treiben auf der Straße noch eine Weile zu. Es war eine Stimmung als hätte das israelische Fußballteam gerade die WM gewonnen. Ein Fahnenmeer und überall tanzende und singende Menschen. Allerdings fiel mir auf, dass der Großteil ziemlich konservativ, bzw. religiös aussah, also Männer mit Kippas und viele Frauen mit langen Röcken und bedeckten Haaren. Ich fühlte mich irgendwie nicht sonderlich wohl dort und ging nach einigen Minuten nach Hause. Später fand ich heraus, dass der Jerusalem-Day an die Eroberung von Ost-Jerusalem nach dem Sechs-tage-Krieg 1967 erinnert. Also unter anderem die Rückeroberung der Klagemauer und dem Teil der Stadt, der von den Palästinensern regiert wurde. Es gibt scheinbar große Kontroversen um diesen Tag, der natürlich hauptsächlich von rechts eingestellten und Zionisten gefeiert wird. Es hatte scheinbar auch eine Demonstration von Palästinensern gegeben die, natürlich, schnell mit Polizeipferden und Granaten aufgelöst wurde. Es versteht wohl doch von selbst, dass dieser Tag für die palästinensische Bevölkerung eine reine Provokation bedeutet. Danach wurde mir wieder einmal klar, wie kompliziert dieses Land doch ist. Es gibt so viele verschiedene Gruppierungen auch innerhalb der verschiedenen Völker und Religionen - es ist wirklich kein Wunder, dass eine Lösung des Konflikts, bzw. der Konflikte nahezu aussichtslos erscheint. Dagegen erscheint mir Deutschland wie ein einheitliches und friedliches Land. Klar gibt es dort auch Probleme und Konflikte mit verschiedenen Gruppierungen, aber die sind verglichen mit der Situation doch eher unbedeutend...







Samstag, 24. Mai 2014

Caros Besuch


Vom 12. bis zum 21. Mai war Caro hier zu Besuch. In dieser Zeit ist natürlich wahnsinnig viel passiert was ich unmöglich alles aufschreiben kann. Was aber sehr prägend war und bis heute ist, waren zwei Begegnungen mit dem männlichen Geschlecht, sowohl arabisch als auch jüdisch (genauer gesagt war es sogar ein Rabbi), die uns deutlich gemacht haben, dass Männer doch größtenteils mit etwas anderem als ihrem Kopf denken. Ich gehe jetzt nicht ins Detail, aber es gab ein paar Situationen in denen sie ihre Finger ruhig hätten bei sich lassen können.
Aber zur Zusammenfassung über Caros Aufenthalt hier ein kurzer Überblick:

Montagabend, bzw. nachts kam sie an. Da ich am nächsten Tag Kurs hatte, versuchten wir trotzdem früh schlafen zu gehen, was uns, da wir uns so lange nicht mehr gesehen und dementsprechend viel zu erzählen hatten, nicht besonders gut glückte. Wir hatten in dieser Nacht nur vier Stunden Schlaf. 
Am Dienstag kam Caro mit mir in den Drawing-Kurs und danach gingen wir in die Altstadt, aßen Falafel und liefen durch die Altstadt - das Standardprogramm eben.


Am Mittwoch ging Caro, während ich den etching-Kurs hatte, mit Itai in seine Brauerei und wir trafen uns später am Nachmittag um auf den Ölberg zu gehen und den Sonnenuntergang anzuschauen.



Donnerstags hatten wir eigentlich vorgehabt nach Tel Aviv zu fahren. Da Caro am Abend zuvor aber noch mit Itai in der Stadt feiern war (ich selber hatte eine Lust und telefonierte währenddessen einige Stunden mit meinem werten Herrn Freund), verschliefen wir den halben Tag und starteten erstmal mit einem ausgiebigen Pfannkuchenfrühstück. Ein typischer Rumgammeltag. Herrlich!


Am Freitag fuhren wir früh mit dem Zug nach Akko, einer kleinen Stadt direkt an der Mittelmeerküste bei Haifa. Dort machten wir eine jener Erfahrungen mit Männern, die für Caros Empfinden um einiges schlimmer war als für meins, was mir bewusst gemacht hat, wie unterschiedlich Menschen doch ein und die selbe Situation einschätzen und bewerten. Im Nachhinein betrachtet ist es extrem interessant, auch wenn Caro sich alles andere als wohl fühlte. Aber ich habe die Geschichte jetzt in den letzten Tagen so oft erzählt, dass ich einfach keine Lust mehr habe sie aufzuschreiben. Es gab Szenen die, wenn ich sie meinen Freunden hier erzählt habe, für sie heftig klangen, aber im Grunde genommen harmlos waren. Es kommt eben darauf an wie man den oder die Menschen mit denen man es zu tun hat einschätzt und welche Erfahrungen man vorher gemacht hat. 
Nachdem wir in Akko übernachtet hatten, fuhren wir am Samstag mit dem Sherut nach Haifa. Dort saßen wir sehr lange in einem wunderschönen Restaurant und aßen hervorragendes Essen. Danach wollten wir eigentlich noch zum Strand gehen und dort bleiben bis die Busse nach Jerusalem wieder fuhren (es war ja Sabbat...) Allerdings erfuhren wir von der netten Bedienung, dass der Strand zwar quasi vor der Haustür lag, also wirklich nur ein paar Meter von dem Restaurant entfernt, aber der Zugang mit einem Zaun abgesperrt sei. Es gab öffentliche Strände, die aber einige Fahrminuten mit dem Bus entfernt lagen. Also entschieden wir uns dorthin zu fahren. Als wir an der Endstation ankamen, stellten wir fest, dass es sich dort auch um den Busbahnhof handelte und erfuhren zufällig, das der Bus nach Jerusalem von dort nur alle fünf Stunden abfuhr -  der nächste schon in einer halben Stunde. Also vergaßen wir die Sache mit dem Strand und warteten auf den Bus. Dort trafen wir zufällig Andrew, einen Urlauber aus Tschechien - bereits zum dritten mal innerhalb von drei Tagen. Das Erste mal hatten wir ihn auf dem Ölberg kennen gelernt, das zweite mal auf der Straße in Akko getroffen und nun also dort auf dem Busbahnhof. Er war auf dem Weg nach Tel Aviv, da er am nächsten Tag zurück nach Hause flog. So warteten und fuhren wir letztendlich also zurück gen Süden.








Am Sonntag machten wir uns sehr früh auf den Weg zum Mount Scopus zur Akademie um die Ausstellung von den Exchange Students abzubauen, die eine Woche zuvor eröfnet worden war. Danach hatte ich ein "Photoshooting" mit Tamara. Sie half mir bei der Produktion einer Fotoserie für unser "concept-artwork" das wir in unserem drawing-course anfertigen sollten. Nachdem wir wieder zuhause waren spurtete ich gleich weiter in die German Colony, wo sich der Making-of-Jerusalem-Kurs diesmal traf. 
Montags fuhren wir ans tote Meer, zuerst nach Masada, einer Ausgrabungsstädte und Weltkulturerbe auf einem Felsen in der Wüste und danach natürlich ins Wasser, dass durch die extreme Hitze schon fast unangenehm warm war. Abends gingen wir noch "kurz" in Itais Bar und versackten dort bis um drei Uhr morgens. Also wieder nur vier Stunden Schlaf für mich, Drawing-Kurs sei Dank...









Nach dem Kurs trafen wir uns mit Itai auf dem Markt um mit ihm in einem Restaurant, in dem eine Freundin von ihm arbeitet, Mittagessen zu gehen. Witzigerweise handelte es sich um genau das Restaurant, in dem Hanna und ich anfang April zufällig gelandet und von dem wir so begeistert waren. Eben jenes Restaurant, was übrigens auch laut Hanna in der Arte-Dokumentation "24 Stunden Jerusalem" erwähnt wird. Vielleicht weil es, wie Itai erklärte, das allererste Restaurant war, das auf dem Markt eröffnet wurde. Auf jeden Fall war es wieder köstlich und dank der Beziehungen meines Mitbewohners gab es auch ein paar Kostproben und Nachtisch for free. Um fünf Uhr in der Nacht wurde Caro dann vom Nesher-Taxi abgeholt und zum Flughafen gebracht - mit zehn Kilo mehr Gepäck als auf dem Hinflug!

Das war also mein letzter Besuch aus Deutschland und die Zeit rast dahin wie nichts. Ich kann kaum fassen, dass die fünf Monate schon fast vorbei sind. Und ich bin wieder in diesem Zwiespalt von wegen arbeiten, also zeichnen, oder doch lieber das Land erkunden. Wobei ich nach dieser ereignisreichen Woche schon wieder meine Ruhe während der Arbeit genieße.






Montag, 12. Mai 2014

Memorial-Days

Bevor Caro, mein letzter Besuch aus Deutschland, heute Abend hier ankommt, nutze ich die freie Zeit um kurz ein paar Fotos und Infos der letzten Woche online zu stellen.
Ich bin im Moment in einer etwas seltsamen Stimmungslage, weshalb ich auch in letzter Zeit ziemlich faul war, was den Blog betraf. Nachdem Johannes abgereist war, wurde mir plötzlich klar, dass mir "nur noch" zwei Monate in Israel verbleiben. Und ich war nicht sicher, ob ich darüber traurig sein sollte, oder mich freuen, was mich ziemlich verwirrt hat. Und so geht es mir inzwischen die ganze Zeit hier. Immer wenn ich in meinem Zimmer sitze und zeichne, oder andere Dinge tue, kommt mir automatisch der Gedanke, ich sollte doch gefälligst raus gehen und die Stadt, bzw.das Land erkunden, bevor es zu spät ist. Also eigentlich genau das Gegenteil von dem wie es mir in Deutschland geht. Da ist es nämlich so, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht in meinem Atelier sitze um zu arbeiten. Aber irgendwie reizt mich die Stadt hier kaum noch. Ich kenne mich inzwischen ziemlich gut aus und habe fast alles gesehen, was mich interessiert. Ich würde wahnsinnig gerne das Land und seine Natur erkunden. Nur leider ist das öffentliche Verkehrsnetz nicht sehr einladend. Es fahren nur Busse durch das Land und auf die ist ja bekanntlich kein Verlass. Ich habe keine Lust mir ein Auto zu mieten und alleine zu Trampen ist ja auch nicht sonderlich empfehlenswert. Ich weiß, das sind im Grunde nur billige Ausreden, weil ich doch letztendlich zu faul bin - oder auch im Zwiespalt. Denn ich habe tatsächlich auch den Ehrgeiz hier etwas Gutes abzuliefern und meinen Professoren sowie hier, als auch in Deutschland, etwas zu präsentieren. Bei meinem Tempo muss ich gezwungenermaßen lange zuhause rumsitzen und arbeiten. Und eigentlich habe ich auch keine Lust wie eine asiatische Touristengruppe einer Sehenswürdigkeit nach der anderen hinterher zu jagen. Es ist nur immer wieder sehr frustrierend die Fotos der anderen Exchange Students bei Facebook zu verfolgen und zu sehen wo sie schon überall waren und was sie schon alles erlebt haben. Andererseits habe ich, dank meiner unkommunikativen, oder auch unsozialen Art, wie auch immer man es nennen will, keine Lust mich einer Gruppe anzuschließen, nur der Bequemlichkeit willen. Aber ich will euch auch nicht langweilen mit meinen komischen Erklärungsversuchen, warum ich nicht ganz so aktiv bin wie man es von einem Austauschstudenten vielleicht erwartet. Ab morgen habe ich ja wieder Besuch und somit auch einen Grund und Motivation raus zu gehen!

Nun zu den letzten zwei Wochen. Sie waren geprägt von zwei Tagen der Trauer und einem Tag der Freude. Am Montag als Johannes zurück nach Deutschland flog war der Holocaust-Gedenktag, den ich ja wie schon erwähnt, größtenteils verschlief. Eine Woche später gab es den Gedenktag für die gefallen Soldaten. Am Abend vorher gab es um punkt acht Uhr die erste Sirene, die ich dank der späten Stunde, auch miterlebte. Allerdings war ich zuhause und konnte so nicht sehen wie die Menschen erstarrten. Aber die Sirene war an sich schon gruselig genug. Im Gegensatz zu der Sirene, die hier jeden Freitagabend ertönt, um den Sabbat einzuläuten, war diese nicht monoton, sondern klang so als würde die Luft vibrieren. Ich habe noch nie so einen seltsamen Ton gehört und wäre, hätte ich nicht gewusst, dass es sich um das Signal für die Andacht handelt, wahrscheinlich ziemlich erschrocken gewesen. Es klang fast schon wie etwas Außerirdisches. Sehr bizarr... Da ich in dieser Nacht wieder bis morgens durch arbeitete, verpasste ich dann natürlich auch wieder die zweite Sirene um 10 Uhr. Aber für all diejenigen die es interessiert, habe ich hier ein Video gefunden, dass jemand vor zwei Jahren am Holocaust-Gedenktag auf dem Markt aufgenommen hat:



Am Abend dieses Gedenktages war ich mal wieder bei Eva zu einem Essen auf ihrer Dachterrasse eingeladen, um in den Independence-Day, den Unabhängigkeitstag, rein zu feiern. Als ich mit ihr und ihrem Freund Yuval aufs Dach stieg, stellten wir allerdings fest, dass ihre Nachbarn die gleiche Idee hatten, und mit Grill und Lampen perfekt ausgestattet waren. Also setzten wir uns dazu und feierten zusammen. Von allen Seiten gab es zwischendurch Feuerwerk zu sehen und Musik zu hören. Es war eine echt schöne, ausgelassene Stimmung. Scheinbar hatte die Regierung absichtlich beschlossen, die Trauertage und den Tag der Freude so dicht zusammen zu legen. So wie es in der jüdischen Tradition üblich ist, liegen Trauer und Freude hier sehr nah beieinander. Die Israelis erklärten uns schon des Öfteren mit einem sarkastischen Unterton, dass es bei den zahlreichen Feiertagen im Grunde immer nur darum geht, dass das jüdische Volk beinahe vernichtet worden wäre, mal hier mal dort, dass es aber irgendwie immer geglückt sei dem knapp zu entkommen, 
Wir saßen ewig auf dem Dach und redeten über Gott und die Welt, bis Eva uns mehr oder weniger rausschmiss, weil sie unbedingt mit uns tanzen gehen wollte, wozu die meisten Gäste, aufgrund der Kombination von billigem Wein und Arak (arabischer Schnaps) garnicht mehr in der Lage waren. Und so verabschiedete ich mich auch, nachdem nur noch Eva, Yuval und ich von unserer Gruppe übrig geblieben waren und ging nach Hause. Auf die Party mit den fahnenschwenkenden Teenies in der Stadt hatte ich dann doch keine Lust. Die Stimmung auf der Straße glich einem Sieg bei der Fußball-WM in Deutschland. Aber irgendwie hatte dieses Fest für mich, aufgrund der historischen Bedeutung, einen leicht bitteren Beigeschmack...
Am nächsten Tag, also dem eigentlichen Unabhängigkeitstag, war es Tradition, dass sämtliche Bewohner der Stadt sich in den Parks versammeln und ein Rudel-Grillen veranstalten. Wie Evas Freundin mir am Abend vorher erklärte, sei dieser Tag der "worst day for all israeli cows and chicken...". Und ich saß währenddessen mal wieder an meinem Schreibtisch und versuchte den Duft von gebratenem Fleisch auszublenden. Zwischendurch flogen immer wieder Flugzeuge so tief über das Haus, dass ich jedesmal dachte, jetzt beginnt doch noch der Krieg. Keine Ahnung was die da veranstaltet haben, da man nichts sehen konnte, nur eben hören. Vermutlich handelte es sich dabei auch um irgendeinen festlichen Akt, auch wenn es bei mir eher gegenteilige Assoziationen hervorrief...

Tja, das waren die "besonderen" Ereignisse der letzten Zeit. Ihr dürft nicht denken, dass ich wirklich nur zuhause sitze und nichts von dem Leben hier mitbekomme. So ist es nicht! Natürlich gehe ich zum Markt, mache Spaziergänge, gehe, seitdem die Pessach-Ferien wieder vorbei sind an die Akademie und treffe ab und zu Leute, aber das ist hier inzwischen so banal für mich geworden, dass ich es kaum erwähnenswert finde. Daher folgen nun einfach ein paar weitestgehend unkommentierte Fotos aus den letzten zwei Wochen





Shulas neueste Taktik um in mein Zimmer zu gelangen