Dienstag, 24. Juni 2014

Yes, I really enjoy it! (trotz Taschendieb und Zombie-Gesicht)


Der Tag heute war einfach wundervoll! Ich weiß jetzt wie ich die letzten Tage in Jerusalem am besten genieße. Es hängt ganz stark von den Menschen ab, mit denen ich mich hier unterhalte und denen ich immer wieder, teils zufällig, teils beabsichtigt, begegne. Für die meisten wahrscheinlich keine wirklich neue Erkenntnis, für mich aber, die sich gerne in ihrem Zimmer oder Atelier verkriecht und am liebsten die Zeit alleine verbringt, tatsächlich eine Überraschung. Aber ich fange wohl am besten mal von vorne an. 
Die Woche fing schon ziemlich turbulent an. Am Samstag ging ich vormittags noch einmal ins Israel Museum. Dort gab es eine neue Ausstellung von James Turrell, einem Lichtkünstler aus den USA, der dort einige Räume bespielt hat 



                   


Diesmal schaute ich mir auch den Skulpturengarten etwas genauer an. Was sich auch gelohnt hat!


Der "Schrein des Buches" Dort drin befindet sich die Thora, die vor ein paar Jahren in der Qumran-Wüste gefunden wurde 

Ein Modell des alten Jerusalems zur Zeit des zweiten Tempels

Später am Abend traf ich mich mit Tamara, Eva und Evas japanischem Besuch Mitsu in der Bar, in der ich mir letzte Woche schon allein das Spiel Deutschland -Portugal angeschaut hatte. Der Barkeeper war so nett und hat mir während des Spiels ein paar Schnäpse ausgegeben und sich zu mir gesellt. Er war zwar gegen Ende des Spiels auf einmal für Portugal, mit der Begründung dass es ja sonst ein unfaires Spiel wäre (???), aber nichtsdestotrotz setzten wir vier uns dort vor die Leinwand und fieberten mit unseren Jungs. Das dieses Spiel ziemlich nervenaufreibend war brauche ich wohl nicht nochmal zu erwähnen. Aber der Abend nahm dann noch eine andere eher unerwartete Wende. Irgendwann setzte sich ein etwa 40-jähriger Typ auf den Stuhl neben mir und schaute sich ebenfalls das Spiel an. Bei dem ersten Tor für Ghana sprang er auf einmal auf, jubelte übertrieben laut herum und stieß fast den Tisch vor uns um auf dem mein Bierglas stand. Nachdem er dabei fast noch auf mich drauf gefallen wäre stieß ich ihn genervt mit einem nicht zu überhörenden "Fuck you!" weg, worauf sich der Barkeeper vor uns umdrehte um zu sehen was los war. Aber er beließ es dabei und schaute weiter das Spiel an. Nach ein paar Sekunden bemerkte ich, dass mein Rucksack nicht mehr neben meinen Füßen stand, sondern näher zu meinem Sitznachbarn gerutscht war, woraufhin ich ihn natürlich wieder zu mir zog und wieder neben meinen Füßen verstaute. Bei dem folgenden Tor für Deutschland jubelte der dann auf einmal mit uns mit, was mich ziemlich wunderte, worüber ich aber nicht weiter nachdachte. Einige Minuten später, in denen ich wie gebannt auf die Leinwand starrte, weil das Spiel so spannend war, kam auf einmal ein junger Typ zu mir und fragte mich "Hey, did you have a bag with you?", woraufhin ich natürlich sagte "Of course, I have a bag!", zu meinen Füßen schaute - und feststellen musste, dass meine Tasche weg war! Dem Typen, der meinen Sitznachbarn scheinbar beobachtet hatte, war sofort klar was los war und rannte ihm nach, ich natürlich hinterher. Ein paar Meter um die Ecke des Cafes kam irgendjemand zu mir und fragte ob das meine Tasche wäre, die dort auf einer Bank lag. Erleichtert stellte ich fest, dass es wirklich mein Rucksack war und das sogar noch alles drin war, vom Geldbeutel bis zum Reisepass. Der Dieb stand dort, von ein paar Leuten festgehalten und spielte natürlich den Unschuldigen. Sie hielten ihn dann in der Bar fest und warteten, darauf, dass die Polizei eintraf - was dann ganze 20 Minuten später erfolgte. Ich war irgendwie in einer komischen Verfassung. Konnte gar nicht richtig realisieren was für ein wahnsinns Glück ich hatte und setzte mich zurück an den Tisch um weiter das Spiel zu schauen. Als die Polizei dann endlich da war, verluden sie den Dieb hinten im Auto und ich musste vorne mitfahren um auf dem Revier meine Aussage zu dem Vorfall zu machen. Ich saß also auf dem Sitz vor dem Taschendieb, zum Glück mit einer Glasscheibe von ihm getrennt, während mein Knie an dem Maschinengewehr des netten Polizisten lehnte, der mir natürlich die üblichen Fragen stellte ("Where do you come from, what are you doing here..."). Das Polizeirevier entpuppte sich als ein Container auf einer Baustelle. Für ein paar Sekunden dachte ich wirklich das wäre alles eine Falle gewesen um mich dorthin zu locken. Aber als wir in den Container traten, warteten dort schon ein paar andere Leute. Ein paar blutjunge "Polizisten" oder einfach Wachmänner mit Maschinengewehren standen sichtlich gelangweilt dort und checkten ständig mit ihren Smartphones die Lage auf Facebook, während vor ihnen ein paar Ultra-Orthodoxe Juden saßen, teilweise in Handschellen, die, den Blutspuren auf ihren Hemden und den zerknitterten Hüten nach zu schließen, scheinbar eine Schlägerei hinter sich hatten, was den einen aber nicht davon abhielt, sich in Seelenruhe, soweit das mit seinen gefesselten Händen möglich war, Wasser einzuschenken  und ein Brot zu essen. Der Polizist mit dem ich gefahren war versprach mir, dass ich die nächste in der Reihe sein würde, die ihre Aussage macht, was die anderen wartenden Leute dort aber absolut unbeeindruckt ließ. So wartete ich mit den Mädels und Mitsu, die netterweise mitgekommen waren, fast zwei Stunden darauf, dass ich endlich in den Raum gehen konnte, in dem das Protokoll aufgenommen wurde. Irgendwann kam "mein" Polizist wieder und sorgte dafür, dass ich wirklich als nächste dran kam. Die Polizistin, die meine Aussage aufnahm war sehr nett, aber auch sehr genau. Sie fragte nach jedem Detail des Geschehens, und ich konnte mich natürlich nicht mehr an alles erinnern weil es so unglaublich schnell ging. Aber gegen halb 3 Uhr morgens konnten wir endlich das Revier verlassen. Das Gute an dieser Situation war, dass ich so von dem schlechten Spiel der deutschen Nationalmannschaft abgelenkt und einfach froh war, meine Tasche noch bei mir zu haben...

Am Sonntag hatte ich ein Treffen mit Yossi, einem der Fashion design Studenten, denen ich versprochen habe für sie bei ihrer Präsentation Model zu stehen. Er ist einer, der es dabei ganz besonders ernst nimmt und alles perfekt haben will. Deswegen wollte er vorab einen Film drehen, den er am Montag bei der Präsentation zeigen wollte. Dieser Film sollte die Entwicklung zwischen seinem Entwurf vom letzten Semester zum jetzigen dokumentieren. Und so durfte ich meinen "Mädchentraum" erfüllen und ein mittelalterliches Kleid wie aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" anziehen. Allein schon für diese paar Minuten hatte sich das Mitmachen gelohnt!!!


Am Montag war dann der Tag der Präsentation. Yossi hatte mir angekündigt, er hätte eine Hairstylistin und eine Make-up-Artist extra für mich bestellt, die sich dann als normale Studenten entpuppten, was mir aber ziemlich egal war. Ich ließ alles auf mich zu kommen. Ich saß also dort in dem Umkleideraum, während die Mädels mir Haufenweise Make-Up ins Gesicht schmierten, ewig meine Lippen bemalten und meine Haare mit einer halben Tube Gel nach hinten kämmten. Als ich mich danach das erste Mal im Spiegel sah, war ich so erschrocken und schockiert - ich habe mich wirklich nicht mehr erkannt! Ich sah, meiner Meinung nach, aus wie eine Mischung aus Zombie, Gespenst und Vampir., vor allem in Kombination mit Yossis ziemlich futuristischem Entwurf bestehend aus Leggings, sehr extravagantem Jackett und den schwarzen Lack-Mörderschuhen! Alle um mich herum waren allerdings ziemlich begeistert von meinem Aussehen, was ich absolut nicht nachvollziehen konnte, aber an diesem Tag ließ ich einfach alles über mich ergehen. Nach der Präsentation, die natürlich auf hebräisch ablief, sodass ich nur erahnen konnte, ob es gut oder schlecht lief, ging es weiter zum Fotoshooting und danach konnte ich endlich raus aus dieser Maskerade. Ich habe bestimmt eine Viertelstunde gebraucht um mein Gesicht von der ersten Schicht Make-Up zu befreien. Und meine Haare musste ich gleich zweimal waschen um das Gel größtenteils wieder raus zu kriegen. 
Danach ging es weiter mit der Präsentation von Inbar, einer anderen Studentin, die sich tausend mal bei mir bedankte und mich dann sogar mit einem kleinen Geschenk fürs Mitmachen überraschte. In ihrem Fall musste ich ein recht schönes altrosanes Abendkleid präsentieren und das Make-Up fiel auch etwas dezenter aus. Gott sei Dank! Nach ihr musste ich noch für Eva, meine Freundin aus Karlsruhe modeln. Sie war, vielleicht typisch deutsch, eher auf Natürlichkeit aus. Statt auf High Heels sollte ich barfuß gehen und statt Gel- oder Hochsteckfrisur ließ sie meine Haare einfach offen. Ihre Holz- und Hemdkonstruktion war ziemlich extravagant, aber die Jury war begeistert und ich war froh, dass ich endlich mal etwas von dem was sie sagte verstand, da sie natürlich wegen Eva auf englisch redete.
Es war letztendlich halb 7 als ich mit Eva und Mitsu endlich die Akademie verließ und ich war so geschafft von diesen paar Stunden wie schon lange nicht mehr. Ich kann gar nicht genau erklären was so anstrengend war, aber das werd ich bestimmt so schnell nicht wieder machen!

Heute morgen lief ich in die Altstadt um auf den katholischen Friedhof zu gehen und mir das Grab von Oskar Schindler anzuschauen. Da ich nicht genau wusste, wie man dort hinkommt, hatte ich mir vorher eine Wegbeschreibung aufgeschrieben, doch natürlich fand ich ihn nicht auf Anhieb. Also fragte ich mich durch, bis ich irgendwo in der Pampa stand und schon bei Google maps nachschaute wie ich nun am besten dort hin kam. Doch schon nach ein paar Sekunden stand auf einmal ein Mann vor mir der mir irgendwie bekannt vor kam und mich fragte was ich denn suche. Plötzlich fiel mir ein, dass es niemand anderes als David war, der Mann der mich vor einigen Wochen schon spontan durch die Dormitiokirche und das Davidsgrab geführt hatte. Er konnte sich, vor lauter Touris, nicht mehr an mich erinnern, zeigte mir aber natürlich gerne den Weg zum Friedhof. Wie ich ihn schon kannte, war er wieder sehr überschwänglich was seine Umarmung und Küsschen-links-Küsschen-rechts anging, aber in dem Moment freute ich mich einfach ihn wieder zu sehen. Er führte mich also direkt zum Grab, wo wir uns verabschiedeten und noch ein Erinnerungsfoto schossen

 
Ich schlenderte noch eine Weile auf dem schönen, kleinen Friedhof herum und genoss die Aussicht. Es gibt dort sehr viele arabische Gräber, und viele von ihnen haben Fotos oder Zeichnungen von den Verstorbenen auf dem Grabstein angebracht. 







Nach meinem Besuch auf dem Friedhof, beschloss ich noch einmal in den Laden auf der Via Dolorosa zu gehen, in dem ich letzte Woche ein intensives Gespräch mit den zwei arabischen Brüdern hatte. Ich wollte mich verabschieden, da ich davon ausging, dass dies mein letzter, oder vielleicht vorletzter Besuch in der Altstadt war. So lud mich Haitham, der jüngere von ihnen zu einem frisch gekochten Tee ein und wir unterhielten uns wieder ewig über Gott und die Welt, die arabische und europäische Kultur und den Sinn des Lebens. Es hat wirklich Spaß gemacht mit ihm zu reden. Er hat so eine offene und ehrliche Art, dass ich mich total frei gefühlt habe ihm alles was mich bewegt und beschäftigt zu erzählen. Ich bin wirklich froh über diese Art von Begegnungen hier!
Nach diesem Besuch ging ich wie beflügelt durch die Gassen der Altstadt zurück zum Damaskus-Tor und setzte mich in die Tram. Mein nächster Punkt war ein zweiter und letzter Besuch in Yad Vashem, dem Holocaust-Museum. Eigentlich war ich viel zu gut gelaunt um in ein so trauriges Thema einzutauchen, aber da ich die nächsten Tage schon so ausführlich verplant habe, war es die letzte Chance für mich dorthin zu fahren. Auf dem Weg fuhren wir an einem Bus und an eine paar Häusern vorbei, die auf die Entführung der drei israelischen Jugendlichen hinwiesen


Yad Vashem war natürlich wieder sehr ergreifend. Man kann es einfach nicht in Worte fassen. Ich kann einen Besuch dort nur wärmstens empfehlen. Ich will nicht beschreiben was es dort zu sehen gibt, man muss es einfach selber erleben. Aber hier noch ein paar Eindrücke von der Architektur dieses Ortes





Danach fuhr ich wieder zurück in die Stadt, schlenderte noch über den Markt und ging spontan noch in den Second-Hand-Laden, an dem ich immer voll bepackt mit Obst und Gemüse auf meinem Heimweg vom Markt vorbei laufe. Der Besitzer ist ein Mittvierziger Amerikaner, der wegen seines boyfriends aus New York nach Jerusalem gezogen ist und "for fun" diesen kleinen Laden eröffnet hatte. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen was es so gab, aber natürlich fand ich wieder mal ein Kleid, dass ich unbedingt haben musste. Erst recht, als er mir sagte, dass es nur noch die Hälfte, nämlich 75 Shekel kosten sollte. Und wo sonst finde ich schon ein Kleid aus 100% Seide für 15 Euro! Also, nach einem kleinen Abstecher zum Geldautomaten und wieder zurück, durfte ich das Kleid mein Eigen nennen. Ich plauderte noch ein bisschen mit dem Besitzer und einer Freundin von ihm und verabschiedete mich dann. 

Ich kann also nicht genau sagen was es ist, aber heute habe ich mich einfach rundum wohl gefühlt in dieser Stadt. Als wäre ich verliebt! Vielleicht ist es nur deshalb weil ich inzwischen alles mit dem Gedanken erlebe "es könnte das letzte Mal sein", oder einfach weil ich wirklich das Gefühl habe hier angekommen zu sein und mich absolut heimisch fühle - jedenfalls fühlt es sich einfach gut an durch die Straßen zu laufen, Leute zu treffen die mich inzwischen kennen und grüßen wie alte Freunde - und nach hause zu kommen, mit ein paar neuen gefundenen Schätzen, ob von der Straße, vom Flohmarkt, oder eben vom Second-Hand-Laden. Ja, ich genieße die letzten Tage tatsächlich in vollen Zügen!

Freitag, 20. Juni 2014

Nur noch 9 Tage...


Die letzten Tage in Israel. Von allen Seiten höre ich ständig den Spruch "Genieß die dir verbleibende Zeit hier!" Was mich zu der Frage führt: Wie genießt man eigentlich richtig? Gar nicht so einfach zu beantworten, zumindest in meinem Fall. Ich habe zum Beispiel die paar Tage am See Genezareth als sehr spannend und abwechslungsreich empfunden und es war wunderschön von der Landschaft und endlich wieder am Wasser zu sein - und trotzdem war ich wahnsinnig froh und erleichtert, als ich wieder zuhause in Jerusalem war, in meinem süßen, kleinen Zimmer, an meinem Schreibtisch, mit all meinen geliebten Habseligkeiten um mich herum, in der ruhigen, schönen Nachbarschaft mit den vielen vertrauten Cafés und den Menschen denen ich hier immer wieder zufällig auf der Straße begegne. Ich bin vielleicht wirklich ein typischer Couchpotato. Der Satz "Zuhause ist es doch am schönsten" trifft es bei mir einfach. Und deswegen bin ich auch jetzt, wo mir nur noch 9 Tage verbleiben um die "Zeit zu genießen", immer wieder erleichtert und froh, nach einem Spaziergang durch die Stadt, wieder nach Hause zu kommen.

Aber trotzdem versuche ich natürlich inzwischen ganz bewusst jeden Tag etwas zu unternehmen und Dinge von meiner noch-to-do-Liste abzuhaken. So bin ich vor ein paar Tagen mit der Straßenbahn nach Shoafat gefahren, einem Stadtteil in Ostjerusalem, der an drei Seiten von der Mauer umgeben ist und in dem, laut mehreren Dokumentationen die ich gesehen habe, vorwiegend palästinensische Flüchtlinge leben. Als ich Itai von meinem Plan erzählt hatte dorthin zu fahren, meinte er es gäbe dort kaum etwas zu sehen, da inzwischen auch viele Siedler dort wohnen und es wie eine normale Wohngegend wirkt. Nichtsdestotrotz fuhr ich dorthin - und stellte fest, dass Itai recht hatte. Es war ziemlich unspektakulär, weswegen ich relativ schnell wieder zurück fuhr und am Damaskustor ausstieg um in die Altstadt zu gehen. Ich wollte ein paar Souvenirs für zuhause kaufen. Also schlenderte ich durch die labyrinthischen Gassen der Altstadt und stellte fest, dass ich die Atmosphäre und die Menschen dort auf einmal völlig anders wahr nahm als noch bis vor ein paar Wochen. Was wahrscheinlich daran lag, dass ich schon etwas wehmütig war und ständig den Gedanken im Hinterkopf hatte, dass dies das letzte Mal sein könnte. Gingen mir die ständigen Sprüche und Aufdringlichkeiten der arabischen Händler bisher meistens auf die Nerven, so empfand ich es diesmal als amüsant, nett und interessant. Ich unterhielt mich über eine Stunde mit zwei arabischen Brüdern in ihrem christlichen Souvenir-Shop auf der Via Dolorosa über den Sinn des Lebens, Spiritualität und die arabische Mentalität. Irgendwie nahm ich die Händler an diesem Tag viel mehr als Menschen wahr als bisher. Das mag bescheuert klingen, aber es ist einfach so, dass man nach dem zweiten Besuch in der Altstadt einfach nur noch genervt ist von der Aufdringlichkeit dieser Leute und sie daher mit völliger Ignoranz bestraft. Und ich glaube sie waren erst überrascht aber dann doch ziemlich erfreut, dass eine vermeintliche Touristin sich auch mal etwas länger mit ihnen abgibt, ohne dass es dabei um ein Verkaufsgespräch handelt.

Am nächsten Tag versuchte ich meinen Plan, endlich zum Tempelberg zu kommen, zum zweiten mal in die Tat umzusetzen. Da der Tempelberg für nicht-Moslems nur bis 13:30 Uhr zugänglich ist und ich durch mein nächtliches Arbeiten ja immer erst gegen 12 oder 13 Uhr aufstehe, habe ich diesen Besuch bisher immer vor mir hergeschoben. Aber dann vor einer Woche hatte ich den tollen Plan gefasst, bis um 7 Uhr durchzuarbeiten und dann direkt in die Altstadt aufzubrechen. Das mit dem Arbeiten hat auch funktioniert. Nur dummerweise spielte mein Rücken bei diesem Plan nicht so mit wie ich wollte. Als ich mich bückte um meine Schuhe zuzubinden, gab es auf einmal einen Knacks und der bereits vertraute Schmerz im Steißbein stellte sich ein. Nach ein paar Schritten auf der Straße wurde mir klar, dass ich diesen Plan vergessen konnte und zusehen musste, wie ich am nächsten Tag zu Schmerzmitteln und Wärmflasche kam. Da ich bereits vor etwa einem dreivierteljahr dieses Problem hatte, wusste ich, dass dies das einzige ist, was wirklich hilft.
Am nächsten Tag hieß meine Rettung Tamara, die im Gegensatz zu mir bestens ausgestattet war mit erste-Hilfe-Zeugs und so konnte ich nach ein paar Stunden auch schon wieder halbwegs schmerzfrei sitzen.
Aber am Mittwoch habe ich es dann endlich geschafft den Tempelberg zu besuchen. Der einzige Eingang für nicht-Muslime führt über eine improvisierte Holzbrücke, die über die Klagemauer verläuft. Es ist ein sehr eigenartiges Gefühl dadurch zu laufen. Als wäre es etwas sehr exklusives. Und am Ende wird man durch hunderte von aufgereihten Polizei-Schutzschildern begrüßt, falls die Lage mal wieder eskalieren sollte - sehr beruhigend.


Der Tempelberg ist eine riesige Fläche , auf der unter anderem der berühmte Felsendom mit der goldenen Kuppel steht. Zunächst stand dort der erste Tempel Salomons, dann der zweite Tempel, der später von den Römern zerstört wurde, und von dem heute nur noch die Klagemauer vorhanden ist, dem höchsten Heiligtum der Juden. 691 n. Chr. machte der Bau des Felsendoms das Areal zum islamischen Heiligtum und ist heute die drittheiligste Stätte des Islam. Neben dem Felsendom ist die El-Aqsa-Moschee, ein paar Meter weiter, die wichtigste Stätte für Moslems in Jerusalem


Ich weiß nicht wie es sonst ist, aber an diesem Tag war es extrem ruhig auf dem Tempelberg. Es waren nicht sehr viele Touristen dort, vornehmlich gläubige Moslems die dort beteten - und ein paar Jungs die neben dem Felsendom Fußball spielten. Die Atmosphäre dort war sehr warm und friedlich. Überhaupt nicht steif und streng wie ich es in den meisten Kirchen empfinde. Es war schön einfach dort herumzulaufen, die Menschen zu beobachten und die Stille nach dem Treiben auf dem Basar zu genießen.



Ständig präsent: Israelische Polizisten in Einsatzbereitschaft




El-Aqsa-Moschee

Nach meinem Besuch auf dem Tempelberg fuhr ich hoch an die Akademie. Ich hatte ein Treffen mit Yossi vereinbart, einem fashion-design-Studenten, dem ich Model stehen sollte bei seiner Abschlusspräsentation. Ich hatte bereits am vergangenen Montag für zwei andere Studentinnen Model gestanden (Fotos folgen). Eigentlich hasse ich es, wenn mich fremde Leute anstarren und an mir herumzupfen, aber irgendwie habe ich es in dieser Situation als gar nicht schlimm empfunden, was wahrscheinlich auch an den traumhaften Kleidern lag, die ich tragen durfte. Jedenfalls stellte sich heraus, dass Yossi ein Paar Plateauschuhe für mich gekauft hatte, von denen ich niemals für möglich gehalten hätte, dass ich ICH mit meinen Entenfüßen in ihnen laufen könnte. Aber nach ein paar Metern an Yossis Hand fühlte ich mich tatsächlich in der Lage in ihnen halbwegs normal das kurze Stück zwischen Ankleideraum und Präsentationsraum zu laufen.


An diesem Tag ging es erst um eine Vorbesprechung mit seiner Professorin. Die eigentliche Präsentation erfolgt am kommenden Montag. Nachher kommt Yossi nochmal zu mir um eine letzte Anprobe zu machen.
Später fuhr ich zurück in die Stadt, machte noch eine kleine Besorgung auf dem Markt und schlenderte dann zurück durch Nahalaot, einem Stadtteil hinter dem Markt, der geprägt ist durch seine kleinen Häuser und Gassen mit vielen Bäumen und Blumen. Dieser Ort galt früher als sehr arme Gegend, in denen zum Teil sehr große Flüchtlingsfamilien aus Europa untergebracht wurden. Heute ist er mitten im Zentrum und sehr beliebt bei Studenten und auch viele ultra-orthodoxe Familien leben hier. Unterwegs wurde ich von einem alten Mann angesprochen, Shabi, der mit seiner nagelneuen Canon Spiegelreflex herumhantierte und mich fragte, ob er ein paar Fotos von mir machen dürfte. Erst war ich skeptisch, aber nachdem er mir erklärte, dass er vor kurzem in Rente gegangen ist, nun ein neues Hobbie, Fotografieren, ausprobieren wollte, und für seinen Foto-Kurs ein paar Portraitaufnahmen von mir machen wollte, willigte ich ein. Natürlich waren die meisten Fotos, die er mir am nächsten Tag mailte, wie immer furchtbar, da ich einfach alles andere als fotogen bin, aber das allerletzte Foto gefiel dann tatsächlich sogar mir



Nachdem ich in dieser Nacht wieder sehr lange gezeichnet hatte, stand ich am nächsten morgen zu spät auf, um meinen Plan ins Museum zu gehen in die Tat umzusetzen. Stattdessen verbrachte ich diesen Tag vorwiegend mit Shoppen in Second-Hand-Läden und dem wöchentlichen Flohmarkt. Dort traf ich auch zufällig Eva und ihren derzeitigen Besuch aus Japan. Die beiden Luden mich für später zum Essen auf Evas Dachterrasse ein, was ich mir natürlich nicht entgehen ließ. Nach den köstlichen (vegetarischen) Spaghetti Carbonara gingen wir drei in die nahe gelegene "First Station", der ersten Bahnstation von Jerusalem, die seit Jahren schon außer Betrieb ist und die inzwischen zu Geschäften und Restaurants umgebaut wurde. Wir hatten vorgehabt uns dort das Spiel Japan - Griechenland anzuschauen, mussten allerdings feststellen, dass es dort nirgendwo übertragen wurde und  stattdessen ein künstlicher Strand mit Ballermann-Musik und wahnsinnig aufgetakelten Leuten auf uns wartete. Wir verzogen uns dann auf ein Baumhaus, das eine Gruppe von Künstlern, die dort ihr eigenes kleines Reich inklusive Bahnwaggon, hingebaut hatten. Es war wie eine Oase inmitten dieses ganzen Komerz'. Dort saßen wir also eine Weile und lästerten über die Party-Leute unter uns ab. Irgendwann war ich so müde, dass ich beschloss nach hause zu gehen. Eva und ihr Freund begleiteten mich noch. Als wir auf der Aza-Street ankamen, der Hauptstraße unweit von meiner Wohnung, standen wir irgendwann vor dem "Traditional Jewish Restaurant", in das Eva und ich schon immer einmal hingehen wollten. Bisher dachten wir allerdings, dass es vorwiegend für religiöse Juden war und unsere Anwesenheit dort vielleicht nicht erwünscht wäre. Aber irgendwann kam der Chef des Restaurants raus und fragte uns woher wir kommen und ob wir nicht reinkommen wollten. Also gingen wir hinein und er lud uns ein, ein paar Dinge aus seiner Küche zu probieren. So servierte er uns typische osteuropäische, jüdische Küche, einen Eintopf mit Bohnen, Fleisch und Klößen aus Mehl und Karotten und etwas, das aussah wie braune Würmer und "Jerusalemer Kugeln" heißt, das aber tatsächlich nach süßen Nudeln schmeckte. Echt interessant. Wir unterhielten uns noch eine Weile mit ihm, er stellte uns den anderen, ausschließlich ultra-orthodoxen Gästen vor, die ein wenig auf Jiddisch mit uns plauderten (die meisten konnten kein englisch) und lud uns ein, am Freitag noch einmal zu kommen, da er an diesem Tag immer ein riesiges Buffet für den Sabbat vorbereitete. Heute haben wir leider zu lange geschlafen, um hin zu gehen. Ich hoffe nächste Woche klappt es dann. Für mich die letzte Chance...

Per Anhalter um den See Genezareth

Am Dienstag hatte ich den letzten Drawing-Kurs. Aus diesem Anlass hat sich unser Lehrer Arakadiusz etwas "ganz Besonderes" überlegt und ist mit uns auf das Dach der Akademie gegangen, wo wir uns gegenseitig portraitieren sollten.



Nach dem ersten Portrait von Keenan, einem Freund aus San Francisco, und einer kleinen, missglückten Studie von Annelies (den Hut habe ich dazu gedichtet), hatte ich allerdings schon genug, und verbrachte den Rest der Stunde vorwiegend damit, aus der knallenden Sonne zu flüchten um nicht verbrannt zu werden - leider ohne Erfolg, wie mein roter Nacken bezeugen kann. Irgendwann fing ich an, die Klasse beim Zeichnen zu fotografieren, was Arkadiusz dann zu einem Gruppenfoto motivierte



Am Ende des Kurses wusste keiner so richtig wie man nun auseinander gehen sollte. Wir saßen also in unserem Stuhlkreis, bis "die Amis" sich irgendwann ein Herz fassten und sich in aller Form bei Arkadiusz für den "awesome" Kurs bedankten und ihm am Ende noch die Hand schüttelten. Annelies, Adele aus Frankreich und ich sahen uns nur an und verließen schnell den Raum um diesem peinlichen Getue zu entgehen...

Eigentlich hätte ich am Nachmittag noch einen letzten Meeting Point bei Tamar Getter gehabt, der Professorin, die mich bei unserem letzten Treffen so niedergemacht hatte. Allerdings bekam ich am Montag eine SMS mit der Nachricht, dass der Termin wegen Krankheit ausfällt. Nachdem ich zuerst etwas enttäuscht war, schließlich hatte ich mir, auf Empfehlung von Drora Domini, einer anderen Professorin hier, vorgenommen ihr dieses Mal Paroli zu bieten, sah ich es dann doch als Zeichen an und war recht froh, dass das Treffen ausfiel. Wahrscheinlich hätte es mich nur wieder niedergeschlagen und verunsichert.
Also fuhr ich nach hause und packte meine Reisetasche für die kommenden Tage. Lisa und ich hatten uns nämlich auf dem Flug nach Israel vorgenommen, den Tip meines Friseurs in Stuttgart in die Tat umzusetzen und am See Genezareth reiten zu gehen. Wir hatten uns für einen Halbtagesritt bei einem Reiterhof angemeldet und ein Hotelzimmer in Tiberias gebucht. Ich fuhr also am Dienstagabend nach tel Aviv zu Lisa, wo wir uns die Ausstellung der Masterstudiengänge der Bezalel anschauten. Es stellte sich heraus, dass mein Drawing-teacher Arkadiusz selber noch Student war und dort seine Abschlussarbeit präsentierte, was schon viel über die Bezalel-Akademie aussagt...

Am nächsten Tag fuhren wir beide mit dem Bus weiter 3 1/2 Stunden nach Tiberias, der größten Stadt am See Genezareth. Laut meinem Reiseführer eignete sich die Stadt am besten um das Gebiet rundherum zu erkunden. Als wir dort ankamen, unser schäbiges Hotelzimmer bezogen und uns auf die Suche nach dem Strand begaben, stellten wir allerdings schnell fest, dass Tiberias eine wahnsinnig hässliche, nur von Touristen und ultra-orthodoxen Juden beherrschte Stadt war. 


"Hotel mit Meerblick"
 Nachdem wir etwa eine halbe Stunde lang am See entlangliefen und feststellten, dass alle Strände schon geschlossen hatten, fanden wir irgendwann eine öffentliche Stelle, an der man baden konnte. Es war zwar kein Strand aber wir waren so verschwitzt, das wir nicht lange fackelten und uns ins Wasser stürzten. Der See ist wirklich wundervoll zum baden!

Einer der vielen, nicht öffentlichen Badestrände (durch Zaun fotografiert)



Am Abend machten wir einen Spaziergang durch die Stadt, in der Hoffnung auch ein paar schöne Ecken zu finden. Was sich leider als aussichtslos erwies. Die Stadt bestand tatsächlich nur aus Ramschläden, Fast-Food-Restaurants mit wahnsinnig lauter Disco-Musik, billigen Hotels und den passenden, fetten Touristen dazu. Wir waren irgendwann einfach nur noch frustriert und beschlossen kurzerhand in eine Shopping-Mall zu gehen und den Abend bei H&M zu verbringen. So kamen wir schließlich wenigstens zu ein paar neuen Klamotten und gingen nach etwa 1 1/2 Stunden nicht mehr ganz so unglücklich, zurück in Richtung unseres Hotels. Zum Abendessen setzten wir uns an die Straße und gönnten uns einen Shawarma (Döner). Die Stadt war so eine bittere Enttäuschung, dass man es eigentlich nur noch mit Humor sehen konnte.

Am nächsten Tag aber brachen wir auf zu unserem Horse-riding-Trip. Auf Anraten unseres Hoteliers, wollten wir uns für diesen Tag ein Auto mieten, um unabhängiger von Ort zu Ort zu kommen. Bei der Vermietung stellte sich allerdings heraus, dass kein Auto mehr frei war. Wir hätten es am Abend zuvor vorbestellen müssen. Strange! Also liefen wir zur Central Station, um den Bus zu nehmen - der natürlich nicht fuhr. Da wir einen Termin um 10 Uhr hatten und die Zeit dahin raste, wurden wir etwas nervös und fragten schließlich einen Taxifahrer, was denn die Fahrt zu der Farm kosten würde: 150 Shekel - etwa 30 Euro! Ist klar. Wir wünschten diesen Fahrer zum Teufel und versuchten es schließlich an der Straße. Tatsächlich fanden wir dann auch einen Taxifahrer, der uns für 90 Shekel zu der Farm fuhr. 
Der Ritt war der Wahnsinn. Die 100 Euro für den Tag hatten sich auf jeden Fall gelohnt. Wir ritten im Western-Stil auf unseren Pferden Pellek und Nadia über die Hügel nach unten zum See, durchquerten Feigen-, Bananen- und Mangoplantagen, schwammen mit den Pferden im See und während Ben, unser Guide Kaffee und Tee für uns kochte, badeten Lisa und ich in unseren Schuhen und Klamotten im See. Übrigens habe ich eine Theorie wie Jesus es geschafft hatte über das Wasser des Sees zu laufen: Zwischendurch gibt es immer wieder Felsen und große Steine  unter Wasser, auf denen man problemlos stehen und bestimmt auch laufen und dabei eine große Show abziehen kann!







Nach einem kurzen Snack mit Pita-Sandwich, Datteln und etwas zu Trinken, machten wir uns auf einer anderen Strecke wieder auf den Rückweg. Ben lud uns ein, am Abend nochmal auf die Farm zu kommen, wo ein Barbeque stattfinden sollte, was wir natürlich gerne zusagten.
Diesmal versuchten wir unser Glück als Tramper, um wieder nach Tiberias zu kommen. Nach ein paar Minuten war allerdings das einzige Auto das anhielt ein Taxi und der Fahrer nahm uns tatsächlich, nachdem wir ihn ein wenig bearbeitet hatten, für 12 Shekel pro Person mit in die Stadt!
Danach gingen wir zurück ins Hotel, zogen uns um und gingen, mit unseren Badesachen bepackt zu der nahegelegenen Hauptstraße. Diesmal wollten wir an die gegenüberliegende Seite des Flusses nach Ein Gev, wo einer der schönsten Badestrände sein sollte. Nach ein paar Minuten hielt auch tatsächlich ein Auto an und zu unserer Überraschung war es ein ultra-orthodoxer Jude, der uns bis zur Hälfte unseres Weges mitnahm, Von dort aus dauerte es nicht lange, bis wir wieder jemanden fanden, der uns bis zu jenem Strand mitnahm. Dort angekommen stellten wir zwar fest, dass es sich nicht um einen Sandstrand, sondern um einen Kieselsteinstrand handelte, aber es war auf jeden Fall um einiges schöner dort als an der Stelle wo wir am Tag zuvor gebadet hatten. An diesem Tag war es ziemlich windig und durch die Wellen erinnerte der See schon fast ans Meer. Es war herrlich! 




Nach ein paar Stunden Aufentahlt am Strand und ein paar Minuten mit ausgestrecktem Finger an der Schnellstraße, fuhren wir wieder Richtung Tiberias, diesmal über die Nordseite des Sees. So hatten wir an diesem Tag einmal, für umsonst, den ganzen See umfahren. Itai hatte tatsächlich Recht als er meinte, es sei sehr einfach dort per Anhalter von A nach B zu kommen.

An diesem Abend versuchten wir also wieder auf die Horse Farm zu kommen. Nachdem allerdings diesmal kein Taxifahrer bereit war uns für unter 100 Shekel dorthin zu fahren, kein Bus mehr fuhr und unsere Hitchhiking-Versuche auch nicht fruchteten, es war ja schließlich auch schon gegen 9 Uhr, beschlossen wir nach ca. einer Stunde aufzugeben, deckten uns mit Falafel und Pizza ein, gingen in unser Hotelzimmer und schauten uns den einzigen deutschen Fernsehsender an: RTL. Ich habe schon so lange kein Trash-TV mehr geguckt, dass ich einigermaßen schockiert war und nach einer Weile wirklich Kopfschmerzen von diesem produzierten Müll bekam...

Am nächsten Tag checkten wir aus, kauften uns im Supermarkt ein paar Sachen zum Frühstück und machten uns noch einmal auf den Weg nach Ein Gev um dort ein letztes Mal schwimmen zu gehen. Natürlich wieder per Anhalter. Nach einem ziemlich üblen Einstieg mit einem israelischen Fahrer der uns, nachdem wir ihm mitteilten, dass wir Deutsche sind, mit ausgestreckter Hand und "Heil Hitler" begrüßte, und zwei Autos später, kamen wir schließlich im Kibbutz Ein Gev an, von wo aus es nur noch ein paar Gehminuten zum Strand waren. An diesem Tag war der See spiegelglatt und traumhaft zum schwimmen. Lisa, die sich am Tag zuvor bei dem Ritt ziemlich übel das Dekolleté verbrannt hatte, verbrachte die meiste Zeit damit als Ausgleich ihren Bauch zu bräunen, während ich in dem pipiwarmen See meine Bahnen zog.

Auf dem Rückweg bekamen wir dann noch eine unangenehme Seite des Trampens zu spüren. Einer der Fahrer, die anhielten erklärte Lisa, er würde uns mitnehmen, gegen eine gewisse Gegenleistung. Wie ekelhaft manche Menschen doch sind... Irgendwann landeten wir dann aber zum Glück in einem Auto mit zwei Straßenmusikern, die für uns extra ihre Rückbank frei räumten. Die Fahrten an diesem Tag waren geprägt von Gesprächen über die am Tag zuvor gestartete Fußball-WM. Die Israelis sind verrückt nach Fußball und vor allem nach der Bundesliga, da ihre eigenen Vereine scheinbar eher mittelmäßigen Fußball abliefern. Die beiden Jungs setzten uns also vor unserem Hotel ab, von wo wir schnell unser Gepäck holten und danach wieder zur Central Station liefen um mit dem Bus nach Jerusalem, bzw. Tel Aviv zu fahren. Alles in allem war es doch ein schöner Ausflug, auch wenn nicht alles so rosig war.


Jetzt sind es noch genau zwei Wochen bis ich das Land verlasse und mich auf den Rückflug nach Deutschland begebe. Ich fühle mich allerdings gerade so wohl hier, dass es mir äußerst schwer fällt, mich auf mein altes Leben in Stuttgart zu freuen. Ab nächsten Dienstag habe ich keinen Unterricht mehr und ich fühle mich inzwischen einfach total heimisch und richtig aufgehoben hier. Alles ist vertraut, ich kenne mich aus und weiß jetzt wie es hier zu geht. Am liebsten würde ich noch zwei Monate an meinen Aufenthalt dranhängen um dieses Gefühl vollkommen auszukosten und noch ein wenig das Land zu bereisen. Aber auf der anderen Seite wartet zuhause in Stuttgart eine Zeichnung auf mich die vollendet werden sollte und außerdem freue ich mich auf die Sommerausstellung der Akademie Mitte Juli. Ganz abgesehen davon, dass ich mich natürlich darauf freue die Familie und Johannes wieder zu sehen. Aber auf jeden Fall ist es schade, dass ich erst jetzt, in den letzten Wochen Israel und besonders Jerusalem ins Herz geschlossen habe. Zwischendurch gab es ja immer mal wieder Phasen in denen ich überhaupt keine Lust mehr auf die Stadt und die Menschen hier hatte. Es wird eine wahnsinns Umstellung sein, wieder nach Stuttgart zu kommen. Ich hoffe ich kriege es einigermaßen hin, ohne in ein tiefes Loch, oder die sogenannte "Erasmus-Depression" zu fallen...