Dienstag, 29. April 2014

Johannes Besuch - ein noch längerer Nachtrag

Nachdem Johannes am vorletzten Donnerstag hier gelandet und erst gestern wieder nach Deutschland zurück geflogen ist, werde ich wieder versuchen mich etwas kürzer zu fassen, und nur das Wichtigste zu berichten

Am Donnerstagmorgen vor zwei Wochen ging ich mit Tamara in die Altstadt um den Tempelberg anzuschauen. Dieser hat nur morgens für ein paar Stunden für Touristen geöffnet, die meiste Zeit ist er ausschließlich für Muslime zugänglich und für Juden überhaupt nicht. Als wir aber das Jaffa-Tor erreichten um von dort aus durch den Basar zu laufen, wurden wir von Polizisten daran gehindert. Die Straße war, durch die Masse an Oster-Touristen, kurzfristig gesperrt, weshalb wir also einen Umweg durch das jüdische Viertel nehmen mussten. Nach ein paar Schritten wurden wir jedoch von einem Mann angehalten, der uns sagte, er hätte einen kleinen Schmuckladen um die Ecke und er würde für uns Ohrringe machen und schenken. Wenn ich das jetzt so schreibe, klingt es so wie wenn jemand versucht Kinder mit Süßigkeiten in sein Auto zu locken, aber wir dachten nicht lange drüber nach und gingen mit. Es war ein sehr kleiner Laden, mit schönem Schmuck, der allerdings ziemlich verstaubt war und aussah, als würde er schon seit Jahren dort hängen. Aber er machte sich tatsächlich gleich an die Arbeit und wir durften unsere Wünsche bezüglich der Ohrringe äußern. Währenddessen erzählte er uns einiges über sich und sein Leben. Leider habe ich seinen Namen vergessen. Er ist ein arabischer Christ, hat eine japanische Frau und drei Kinder. Er sagte, dass er die Aufdringlichkeit der meisten Händler auf dem Basar verabscheut und dass er lieber gezielt Leute anspricht, die er interessant findet, um sich dann länger mit ihnen zu unterhalten - so wie mit uns. Irgendwann saßen wir mit ihm in seinem winzigen Laden, tranken Tee und Kaffee und sprachen über Gott und die Welt. Bis es irgendwann mittag war und somit Zeit zum Essen. Wie sich herausstellte, hatte er alles was er brauchte unter den Tischen, auf denen er den Schmuck präsentierte versteckt. Er lud uns also ein, mit ihm zu essen und zauberte schnell die Zutaten für einen Salat, Schafskäse, Olivenöl, Brot und sogar einen Toaster hervor. Ein Hocker und eine kleine Pappplatte wurden zu einem Tisch umfunktioniert und der Tisch auf dem er vorher noch die Ohrringe gebastelt hatte, wurde zur Arbeitsplatte, auf dem er in Seelenruhe das Gemüse schnippelte. Er hatte uns vorher schon erzählt, dass er es liebt, sein Leben in Gelassenheit und Ruhe zu genießen und Geld ihm nicht wichtig sei. Und so hatte dieses langsame Arbeiten schon fast etwas meditatives. Also aßen wir nach etwa einer halben Stunde Salat mit aufgebackenem Brot und Halwa und philosophierten über das Leben, als plötzlich die Tür aufging und ein amerikanischer Tourist den Kopf durch den Spalt steckte. Als er uns dort sitzen und essen sah, wirkte er ziemlich verdutzt und verzog sich schnell wieder, was uns natürlich ziemlich amüsierte. Nach ein paar Minuten kam er allerdings zurück mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Mädchen im Schlepptau, die den Schmuck und alles andere natürlich "AWESOME! AMAZING und SO LOVELY!" fanden. Und so kauften sie auch mal eben ein paar Souvenirs im Wert von 3200 Shekel, was umgerechnet ca 660 Euro sind!!! Aber Daddy war der Preis tatsächlich völlig egal, er wollte ihn letztendlich gar nicht so genau wissen, sondern wedelte nur mit seiner Kreditkarte herum. Klischeehafter hätte es wirklich nicht sein können. Auf jeden Fall war es sehr unterhaltsam. Nachdem die Familie wieder gegangen war, erzählte uns unser neuer Freund, dass er schon des öfteren mit Touristen die sich wie wir in seinem Laden verquatscht hatten, spontane Touren durch das Land gemacht hätte. Natürlich hatte er auch ein Zelt und alles was er zum Campen brauchte unter seinen Tischen versteckt. Und irgendwie waren wir nach all dem was er uns vorher über sich erzählt und gezeigt hatte, so fasziniert, dass es uns ganz normal und selbstverständlich vorkam und wir schon ernsthaft mit dem Gedanken spielten unsere für die nächste Woche geplante Tour mit ihm zusammen zu machen. So verabschiedeten wir uns nach etwa drei Stunden die wir in seinem Laden verbracht hatten wieder von ihm und gingen euphorisch weiter richtung Klagemauer. Der Tempelberg hatte inzwischen natürlich seine Pforten für Touristen geschlossen.



Abends fuhr ich dann mit dem Nesher-Taxi zum Flughafen um Johannes abzuholen. Ich war etwa eine Stunde zu früh dran, da es die letzte Fahrt an diesem Tag von Jerusalem zum Flughafen war. Johannes sollte gegen 23:20 landen. Als ich jedoch in der Empfangshalle ankam, las ich, dass sein Flug natürlich Verspätung hatte, wodurch ich letztendlich sage und schreibe 3 Stunden in dieser verdammten Halle verbrachte und die nicht enden wollende Ankunftswelle von russischen Oster-Touristen hautnah miterleben konnte. Gegen 1:30 Uhr wechselte meine Gefühlslage innerhalb von ein paar Sekunden von absoluter Genervtheit, zu großer Sorge, dass etwas mit dem Flugzeug passiert war bis wieder hin zu großer Vorfreude. Gegen 2 Uhr morgens kam er dann endlich raus. Scheinbar war die Schlange vor den Passkontrollen so lang, dass er über eine Stunde dort anstand. Alles nur wegen Ostern!

Am nächsten Tag zeigte ich ihm dann erstmal die Highlights der Stadt: Yehuda-Markt, Altstadt mit Basar, Klagemauer und Grabeskirche. Danach machten wir eine Pause im österreichischen Hospiz, bzw. auf dessen Dach, wo Johannes sich erstmal ein Gösser-Bier und ich mir eine Rübli-Torte genehmigte. Ein Stück "Heimat" im Orient.

Am Samstag waren wir mit "meinen Mädels", also Tamara, Eva und Annelies zum Ostereiermalen verabredet. Außerdem wollten wir das Ende der Fastenzeit mit einem selbstgebackenen Schokoladenkuchen zelebrieren. Eva und Tamara hatten sich nämlich das schwerste Opfer ausgesucht, das man wohl bringen kann: 40 Tage keine Schokolade. Wir starteten also mit original aus Deutschland importierten Ostereierfarben und waren so im Rausch, dass wir zu spät merkten, dass wir sämtliche vorhandene Eier gekocht hatten und keine mehr für den Kuchen übrig geblieben waren! Aber Chefkoch.de sei dank, fanden wir schnell ein Schokokuchen-Rezept ohne Eier und das Ergebnis konnte sich auch wirklich sehen lassen - zumindest bis er, nachdem wir ihn zum Auskühlen aus der Form und auf ein Kuchengitter gelegt hatten, nach ein paar Minuten plötzlich in seine Einzelteile zerbrach und wir auf einmal einen Trümmerkuchen vor uns hatten. Wahrscheinlich werden jetzt ein paar Mitglieder der Familie Hansen anfangen zu spekulieren, was genau die Ursache für dieses Kuchen-Desaster sein könnte, ich persönlich schiebe es auf den Ofen, aber nichtsdestotrotz war der braune Haufen ausgesprochen schmackhaft!



Bis Mittwoch lief die Zeit von Johannes Besuch sehr entspannt. Da Itai mir erzählt hatte, dass die Nordafrikanischen Juden das Ende des Pessach mit einem riesigen Picknick im Park zelebrierten, was jedes Jahr eine große Party war, wollten wir uns dieses Ereignis natürlich nicht entgehen lassen, aber entweder es war der falsche Tag oder der falsche Park, abgesehen von einer amerikanischen und einer ultra-orthodoxen Familie, waren wir fast die einzigen Picknicker an diesem Tag. Egal!

Am nächsten Tag gab es dann aber den ersten touristischen Programmpunkt außerhalb Jerusalems. Ein Ausflug ans Tote Meer. Wir fuhren mit dem Bus nach Ein Gedi und besuchten als erstes das Naturreservat dort um durch die Felsen zu wandern. Es war verdammt anstrengend durch die Hitze (32 Grad!) aber, nachdem wir die japanische Touristen-Gruppe vor uns endlich abgehängt hatten, echt faszinierend.






Unterwegs trafen wir zufällig auf Wolfram, einen deutschen exchange student von der Bezalel und seine Mutter, die auch über Ostern zu Besuch war und uns gleich von ihren bisherigen Erfahrungen erzählte. Interessanterweise stellte sich heraus, dass sie den gleichen, leicht verrückten Mann kennen gelernt hatte, wie schon Hanna und ich. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich davon berichtet hatte, aber Hanna und ich wurden auf dem Markt von einem Juden auf deutsch angesprochen, der uns gleich all seine Dokumente aus Deutschland präsentierte, die er scheinbar seit seinem Aufenthalt in den achtzigern dort, mit sich herumtrug. Ihr hatte er scheinbar ein paar unglaubliche Geschichten über eine Begegnung mit Josef Ratzinger im Krankenhaus und einer gemeinsamen Schachpartie erzählt. Sehr skurril. Aber da sieht man wider wie klein Jerusalem doch ist. Man trifft ständig Leute die man kennt.
Nach unserer Wanderung gingen wir an den Strand zum toten Meer, wo Johannes darauf bestand seiner Lieblingsbeschäftigung, Bier trinken, dort im, bzw. auf dem Wasser nachzugehen

Johannes und das Bier treiben nach Jordanien
Gegen 6 Uhr beschlossen wir den Bus zurück nach Jerusalem zu nehmen. Also setzten wir uns an die Bushaltestelle und gingen davon aus dass wir nicht länger als eine Stunde warten würden. Nachdem wir aber über eine Stunde dort saßen und immer mehr Leute sich zu uns gesellten, wuchs die Sorge, dass aus irgendeinem Grund gar kein Bus mehr fuhr. Als es bereits dunkel war und wir inzwischen um die 12 wartenden Leute waren, sahen wir endlich die Scheinwerfer und die leuchtende Nummer des Busses aus der Ferne. Erleichtert schulterten wir also schnell unsere Rucksäcke - und mussten feststellen, dass der Bus schnurstracks an uns vorbei fuhr. Scheinbar war er so voll, dass er niemanden mehr aufnehmen konnte. Allerdings fuhr hinter ihm ein Großraumtaxi, dass wir uns schließlich mit einer französischen Familie und einem Russen teilten. Keine Ahnung was aus den anderen wartenden Leuten dort und den ca. 20 anderen an der folgenden Bushaltestelle wurde... In diesem Moment dachte ich voll Sehnsucht an das deutsche öffentliche Verkehrsnetz, in dem man sich doch die meiste Zeit darauf verlassen kann von a nach b zu kommen und nicht mit der Angst leben zu müssen irgendwo im Nichts sitzen zu bleiben!

Am nächsten Tag trafen wir uns morgens mit Annelies, Eva und Evas noch inoffiziellen, israelischen Freund Yuval an der Central Station um einen Trip in die Wüste zu machen. Eva hatte von einem deutschen Freund den Tip für ein Camp bekommen, in dem wir eine Nacht verbringen und am nächsten Tag einen Kamelritt machen wollten. Also fuhren wir mit dem Bus zuerst in die Stadt Beer Sheva und von dort aus weiter nach Nizzana, tief in den Westen des Landes, nur ein Steinwurf von der ägyptischen Grenze entfernt. Unterwegs, auf der Fahrt durch die Wüste kamen wir immer wieder an Militärstationen vorbei, in denen die jungen Soldaten ausgebildet wurden. Es war schon etwas bizarr, als ich, nachdem ich kurz eingedöst war, die Augen öffnete und plötzlich ein mit Soldaten und schwerem Geschütz beladener Panzer an uns vorbei fuhr.
Als wir Nizzana erreichten und dort auf den Mitarbeiter des Camps warteten der uns abholen sollte, war es fast unerträglich heiß! Die Busse sind so gut klimatisiert, dass man beinahe schon einen Schock bekommt, wenn man sie nach zwei Stunden Fahrt wieder verlässt. Aber zum Glück traf der Fahrer bald ein und uns wurde schnell klar, warum er Eva am Telefon davon abgeraten hatte, das Stück zwischen Nizzana und Ezuz, dem Dorf, in dem sich das Camp befand, zu Fuß zurück zu legen. Wir wären vermutlich schon nach ein paar Schritten zusammengebrochen!
Als wir in dem Camp ankamen, setzten wir uns eine Weile mit den anderen Mitarbeitern dort an einen großen Tisch und tranken Tee. Wie sich herausstellte, gab es fast nur Volunteers die dort arbeiteten, alle ca. mitte zwanzig und wahnsinnig nett, aufgeschlossen und entspannt und wir worden sofort als "Part of the family" angesehen. Das war, wie wir schnell herausfanden, auch im Grunde das Motto dieses Ortes: Gute Laune und Entspannung. Es wirkte, abgesehen von ein paar holländischen und französischen Familien, die mit ihren großen schicken Koffern nicht ganz so ins Bild passten, ein bisschen wie in einer Hippie-Kommune. Und so setzten wir uns, nachdem wir ein wenig herumgeführt und über die wichtigsten Dinge informiert wurden, vor unsere kleine Hütte in die Hängematte und genossen den Schatten und die Ruhe dort.



Irgendwann lud uns Smuel, einer der Volunteers ein, mit ihm in seinem offenen Geländewagen zu dem nahe gelegenen Dorf zu fahren. Das nahmen wir natürlich an und so standen wir ein paar Minuten später in dem sogenannten Dorf, dass aus 17 Familien und ein paar improvisiert zusammen gebauten Häusern bestand. Wir besuchten zuerst einen kleinen Laden, in dem eine aus Kenia stammende Frau zusammen mit ihrem Mann Ziegenkäse aus eigener Herstellung verkaufte. Nachdem sie uns alles probieren ließ, was, wie sie sagte, die Ostertouristen in der Woche vor unserem Besuch übrig gelassen hatten, und Johannes uns auf eine Portion Joghurt (in den Geschmacksrichtungen Zimt, Vanille oder Kaffee) eingeladen hatte, schlenderten wir ein wenig durch das sehr verlassen wirkende Dorf. Wir sahen tatsächlich mehr Tiere als Menschen dort. Die Kenianerin hatte uns erzählt, dass sie zusammen mit ihrem Mann das Dorf 1983 gegründet hatte. Vor ihnen hatte es keine Menschenseele dort gegeben und erst 1985 wurde es offiziell als Dorf anerkannt.











Nach einer Weile machten wir uns wieder auf den Weg richtung Camp. Zum Glück fuhr zufällig ein anderer Volunteer an uns vorbei und nahm uns spontan wieder mit ins Camp. Andererseits hätten wir wahrscheinlich einen halbstündigen Fußmarsch durch die Wüste vor uns gehabt - und das mit FlipFlops! Als wir wieder ankamen, war es schon fast dunkel und Smuel bereitete das Lagerfeuer vor um Tee und Kaffee aufzuwärmen, den es dort rund um die Uhr gab. Später gingen wir zum Abendessen in ein großes Zelt, in dem kleine Tische und Matratzen am Boden lagen um welche sich die Gäste versammelten und das Essen in Form einer großen Platte Reis mit Hackfleisch und kleinen Schüsseln mit Salaten und Hummus entgegen nahmen. Wie in dem gesamten Camp, sah es auch hier aus wie in einem Beduinen-Lager und wir fühlten uns wie in einer Welt aus tausendundeiner Nacht. Himmlisch!



 Nach dem Essen legten wir uns an das Lagerfeuer nahe unserer Hütte, tranken Tee und schauten uns den Sternenhimmel an, der durch die nicht vorhandenen künstlichen Lichter natürlich atemberaubend war. Nach einer kleinen Umzugsaktion bezüglich eines Ameisenhaufens, in dem Johannes und Annelies sich aus Mangel an Licht aus Versehen gesetzt hatten, lagen wir also stundenlang dort, zählten Sternschnuppen (oder wie Annelies sie im holländischen nannte: "fleihender Ster") und sprachen über Gott und die Welt. Irgendwann ging Johannes rüber zu den Volunteers die, nachdem sie die Küche aufgeräumt hatten, an ihrem Tisch zusammen saßen und redeten, um sich ein Bier zu holen. Als er nach etwa einer Stunde nicht mehr zurück kam, dachte ich mir schon, dass er sich dort wieder einmal fest gequatscht hatte und ging ebenfalls hin um nachzuschauen. Und so verbrachten wir alle den Rest des Abends dort, tranken Arak (arabischer Schnaps), rauchten und sprachen mit den israelischen Volunteers und ein paar anderen Gästen aus aller Welt über den Sinn des Lebens und über die verschiedenen Kulturen aus denen wir stammten. Es war schon fast surreal an diesem Ort zu sein. Mit so etwas hatten wir nicht gerechnet und wir überlegten ernsthaft, noch einen Tag länger dort zu verbringen.
Aber am nächsten Tag stand erstmal, nach einem fantastischen Frühstück, das Johannes natürlich verschlief, der Kamelritt an. Nach einer kurzen Einführung, suchte Johannes das Kamel "Jabba" für uns heraus, was, wie sich herausstellte scheinbar auch das freundlichste war, da es von unserem Guide als das Streicheltier für die anderen Leute der Gruppe herausgesucht wurde. Nicht alle würden es mögen, wenn man sie berührte.


Unser sehr fotogenes "Kamel" Jabba


Der Ritt an sich war eher unspektakulär. Man musste sich an den Rhythmus gewöhnen und für mich stellte sich schon nach ein paar Minuten heraus, dass ich es bevorzuge auf einem Pferd zu sitzen. Außerdem war es natürlich wahnsinnig heiß. Nach etwa einer halben Stunde Ritt durch die Wüste, machten wir eine kurze Pause und der Guide erklärte uns einige interessante Dinge über den Körper und den Charakter eines Kamels. Nebenbei bemerkt gibt es bei den Israelis scheinbar keinen Unterschied zwischen Kamel und Dromedar. Wir hatten am Abend zuvor eine kleine Diskussion mit Yuval darüber, der überzeugt davon war, dass es keine unterschiedlichen Bezeichnungen für einhöckrige und zweihöckrige Kamele gäbe. In Ermangelung einer Internetverbindung, konnten wir ihn leider nicht von dieser Meinung abbringen und so ritten wir auf den sogenannten Kamelen, die in Deutschland (und übrigens laut Annelies auch in Holland) eindeutig als Dromedare identifiziert worden wären, zurück ins Camp. Nachdem wir unser Matratzenlager zusammengeräumt, unsere Sachen gepackt und für diesen unvergesslichen Aufenthalt bezahlt hatten (alles in allem gerade einmal 70 Euro!), fuhr Smuel uns wieder zur Bushaltestelle nach Nizzana. Natürlich nicht ohne Nummern auszutauschen und ohne die Einladung jederzeit wieder kommen zu dürfen.
Dank wieder funktionierender Internetverbindung, fand ich heraus, dass der nächste und auch letzte Bus an diesem Tag (es war Freitag und somit bald Sabbat) erst in 1 1/2 Stunden fuhr, und so machten wir es uns in der schattigen Bushaltestelle gemütlich, während ich, in meiner neuen, offiziellen Funktion als "Leuchtturm" (eine Anspielung von Eva auf die Wirkung meiner Haarfarbe auf die Leute hier), alle 10 Minuten aufstand, um mein Glück als Tramperin zu versuchen. Leider bogen die meisten Autos vor der Bushaltestelle nach Nizzana ab und das einzige Auto, das während dieser Wartezeit überhaupt anhielt, war mit zwei Männern besetzt, die nur wissen wollten, was der schnellste Weg nach Eilat wäre... Aber wir vergnügten uns die Wartezeit mit dem schreiben eines Gedichtes über unseren Aufenthalt in dem Camp. Leider ist der Zettel auf dem es steht gerade noch in Besitz von Annelies, aber vielleicht werde ich es demnächst nachtragen.
Zu unserer Erleichterung kam der Bus dann tatsächlich pünktlich und wir erreichten problemlos unseren Anschluss in Beer Sheva nach Jerusalem.

Am Samstag trafen wir uns erst zum Hummus-Frühstück mit den Mädels und Yuval am Damaskustor, und fuhren dann von dort aus mit dem arabischen Bus richtung Jericho. Ich hatte den Hummus-Verkäufer vorher gefragt, wie man am besten dorthin kommt, da es keine direkte Verbindung von Jerusalem zum Westjordanland gehörende, Jericho gibt. Wir sollten also erst in die nahe Kleinstadt Maale Adumim und von dort aus weiter mit einem arabischen Sammeltaxi, dem sogenannten "Service" weiter fahren. In Maale Adumim mussten wir allerdings sehr lange warten, bis dass Taxi voll war und endlich los fuhr. Während wir auf dem Bürgersteig saßen und mit den anderen Mitfahrern warteten, sprach mich ein älterer Mann neben mir mit den üblichen Einstiegssätzen "Where are you from, what are you doing here, blablabla..." an und nach einigen Minuten hatte ich plötzlich eine Einladung von ihm nach Jordanien, wo seine Frau und zwei seiner Kinder lebten. Nicht dass ich ernsthaft darüber nachdenke die Einladung anzunehmen, zumal Johannes natürlich alles andere als begeistert daneben saß, aber nett ist es schon, wenn man diese Gastfreundschaft ernst nehmen kann.
Als wir endlich in Jericho ankamen, gingen wir zuerst in die Touristen-Information da wir, außer den kurzen Infos in meinem Reiseführer, überhaupt keinen Plan hatten. Der Typ im Reisebüro war sichtlich erfreut uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt aufzuzählen und schlug uns am Ende vor, einen Freund anzurufen der uns herum fahren würde. Wir waren uns diesbezüglich nicht sicher und beschlossen, erst einmal so los zu laufen. Nach ein paar Metern wurden wir allerdings auch schon angehupt und ein gut gelaunter Kerl fragte uns aus seinem weißen Mercedes "Are you the Germans?". Also stiegen wir kurzerhand doch zu ihm ein und verhandelten auf der Fahrt zu unserem ersten Ziel, dem "Tree of Zachäus", den Preis für die Tour. Im Nachhinein bin ich sicher, dass er uns ziemlich abgezogen hat, aber man kanns nicht mehr ändern. Den "Special-students-Price" den er für uns machte, belief sich letztendlich auf insgesamt 200 Shekel, also 20 Euro pro Person. Aber wie auch immer. Wir fuhren schließlich auf einen Parkplatz, auf dem sich die Reisebusse schon aufreihten, und gingen zuerst in ein Restaurant, wo Ahmed, unser Fahrer uns auf einen Tee, bzw. Kaffee einlud. Danach schleppte er uns in einen Laden, der sich auf Totes-Meer-Kosmetik spezialisiert hatte. Wir hatten überhaupt nicht vor dort etwas zu kaufen. Wahrscheinlich dachte er aber, nachdem Johannes vom Klo zurück kam und plötzlich drei frisch erworbene Aschenbecher präsentierte, dass wir auf der Jagd nach Souvenirs wären. Außerdem schien er sämtliche Verkäufer und Kellner in diesem - nennen wir es mal Einkaufscenter - zu kennen. Und so kümmerte sich auch gleich ein Angestellter um uns, der uns jedes Produkt dort für die Hälfte andrehen wollte, wobei er natürlich fast nur die teuersten Cremes und Peelings zeigte. Am Ende hatte er mich tatsächlich so weit und ich kaufte ein Set für insgesamt 50 Euro, was aber tatsächlich nur die Hälfte des ursprünglichen Preises war. Und nach dem ersten Totes-Meersalz-Peeling kann ich bestätigen, dass es sich gelohnt hat!
Danach "befahl" Ahmed uns, die "Old-City" anzuschauen. Er würde so lange auf uns warten. Diese sogenannte Altstadt entpuppte sich dann als stinklangweilige Ausgrabungsstätte. Es gab dort nichts zu sehen als einige Sandhügel und zwischendurch ein paar Steine, wobei man sehr viel Fantasie brauchte um sich vorzustellen, dass dies einmal eine bebaute Stadt war. Wir waren froh als wir wieder auf dem schattigen Parkplatz standen und uns ein bisschen an einer der berühmten Quellen erfrischen konnten.




Es gibt übrigens keinen Ort in Jericho an dem man nicht mit diesem Satz konfrontiert wird!

Ahmed lud uns daraufhin wieder ein und fuhr uns zu einer anderen Quelle, an der wir unsere Füße abkühlen sollten. Nun, da ich davon berichte, klingt es ein bisschen wie ein Vater, der seinen Kindern sagt, was sie zu tun haben, und ehrlich gesagt war es auch ein bisschen so, obwohl er gerade einmal 32 Jahre alt ist, aber in diesem Moment waren wir irgendwie froh, dass wir jemanden hatten, der sich auskannte, da es wieder einmal furchtbar heiß war und wir dort unmöglich hätten laufen können. Also steckten wir unsere Füße in diese Quelle, die laut Ahmed berühmt für ihre Mineralien war, was auch echt gut tat. Das einzige was nicht so ganz dazu passte war, das zwischendurch immer mal wieder Müll in Form eines Plastikbechers und sogar eines noch verschlossenen Schokoriegels an uns vorbei schwamm...
Danach fuhren wir zum Berg der Versuchung, also dem Ort, an dem Jesus 40 Tage lang gefastet und dann der Versuchung des Teufels widerstanden hatte. Da das in den Fels gehauene Kloster auf der Spitze des Berges schon geschlossen hatte, stellte Ahmed das Auto an einem Aussichtspunkt ab, damit wir wenigstens den Blick von dort genießen konnten.




                           


Irgendwann fragte ich ihn aus Neugier, ob er Moslem oder Christ sei, woraufhin er antwortete er sei Moslem und auf einmal nicht mehr aufhörte zu erzählen wie man sein Leben am besten lebt, wenn man sich genau an die Worte aus dem "Old Book" hält, was man tun und lassen sollte und wie der Teufel Unheil über die Menschen bringt, wenn man sich zu gewissen Dingen verführen lässt. Hätte er nicht gesagt, dass er Moslem ist, wäre er genauso gut als strenger Katholik durchgehen können. Aber es war ganz interessant seine Sicht der Dinge zu hören, zumal man dieses konservative Denken bei ihm gar nicht erwartet hätte. Irgendwann gegen Ende seines Monologs kam plötzlich eine schwarz verhüllte Frau den Berg herunter. Ahmed, der offensichtlich ein ausgeprägtes Helfer-Syndrom hat, fragte sie natürlich direkt, ob er sie mitnehmen solle, wo auch immer sie hin möchte. Er dachte wohl sie sei eine Nonne, da er sie ständig mit "Sister" ansprach, aber nachdem die sehr schüchterne Frau irgendwann zögernd in das Auto stieg und wir zurück in die Stadt fuhren, stellte sich heraus, dass sie keinem Orden angehörte und allein durch die Welt pilgerte. Sie wirkte sehr verschüchtert und weltfremd. Als ich sie fragte woher sie kommt, antwortete sie entschuldigend, dass sie nicht gern über sich redete und sie nur jeden Tag mit Gott besprach, wohin sie gehen sollte. Erst wollte sie, dass Ahmed sie zum Franziskanerorden in die Stadt fuhr. Dort angekommen schlug er ihr allerdings vor, noch etwas mit uns zu trinken. Johannes und ich merkten recht schnell, dass sie extrem verunsichert war, nur Ahmed schien das nicht zu verstehen oder wollte es nicht akzeptieren. Nach einigen Minuten fuhr er uns dann einfach kurzerhand zurück in das Restaurant, wo er uns alle nochmal auf Wasser, Tee, Kaffee, Baklava, Limo und Obst einlud. Es war natürlich sehr nett von ihm gemeint, aber die Frau fühlte sich sichtlich unwohl in dieser Umgebung. Sie aß und trank zwar zögernd das ihr angebotene Essen, erklärte aber nach ein paar Minuten mit ihrer Ruhigen, zittrigen Stimme, dass sie dies nur tue um uns einen Gefallen zu tun. Sie erklärte, dass sie gerne mit "normal people" wie uns zusammen sei, um zu sehen wie wir lebten, aber dass sie glaube, wir könnten schnell Angst vor ihr kriegen, da sie so anders sei, für etwas büßen müsse und sich deswegen immer mit Gott abspreche. Sie wirkte ein bisschen wie besessen und so war es einerseits interessant, was sie erzählte, andererseits aber auch etwas beängstigend. Ahmed kam währenddessen immer nur für ein paar Sekunden an unseren Tisch um uns Essen und Getränke hinzustellen und verschwand dann wieder um mit irgendwelchen Leuten zu sprechen. Irgendwann sagte die Frau zu ihm, er solle doch mal sitzen bleiben und mit uns reden. Es war eine sehr seltsame Situation. Ahmed wollte uns sichtlich mit seiner Gastfreundschaft und Großzügigkeit beeindrucken, während die Frau viel mehr an einem Gespräch interessiert war, was dadurch, dass er einfach nicht richtig zuhörte und sie ständig unterbrach einfach nicht funktionierte. Und so fuhren wir nach einer Weile wieder los. Ahmed war inzwischen sichtlich genervt von der Frau und sagte, er wolle bald nach hause. Also fuhr er uns wieder zur Taxi-Station und die Frau zum Franziskaner-Kloster, wo sie übernachten wollte.
So verlief unser Ausflug nach Jericho ziemlich anders als gedacht, da wir so gut wie keine Sehenswürdigkeiten besichtigt hatten. Aber es war zumindest eine interessante Erfahrung.

Auf dem Weg nach Ma'ale Adumim, wo wir wieder umsteigen mussten, kamen wir an einer arabischen Hochzeitsgesellschaft im Autokorso vorbei, die fast den ganzen Verkehr auf der Autobahn lahm legten. Plötzlich gab es einen riesigen Knall, ein Motorrad kam an uns vorbei geschlittert und kurze Zeit später Gott sei dank auch der Fahrer der scheinbar unverletzt geblieben war. Das war wieder einmal so ein Moment, in dem wir die Strukturen und die Ordnung in Deutschland vermissten. Als wir in der Stadt ankamen, nahm die Hochzeitsgesellschaft, mit ihrer auf den Autos sitzenden Gäste, auch mal eben die ganze rechte Spur in Anspruch, woraufhin die anderen Fahrer spontan auf der linken weiter fuhren. Irgendwann gab es ein paar Gewehrschüsse für das Hochzeitspaar, eine Tradition bei der üblicherweise ein, oder zwei Menschen durch Pistolen-Kugeln verletzt oder getötet werden, wie Tamara uns später am Abend erzählte. Verrückt...



Eigentlich hatten wir vor gehabt am Sonntag, Johannes letztem Tag hier, nach Tel Aviv zu fahren. Aber nachdem ich am Morgen aufwachte und mein Auge sich anfühlte, als würde ein ganzer Ast darin stecken, beschlossen wir, in Jerusalem zu bleiben und den Tag gemütlich ausklingen zu lassen. Vermutlich hatte ich mir durch die Zugluft in dem Taxi nach Jericho eine Augenentzündung eingefangen. Auf jeden Fall fing es während des ganzen Tages immer wieder an zu brennen und zu tränen. Also gingen wir irgendwann mit einer Flasche Wein in den Park und setzten uns auf eine Bank mit Blick auf die Altstadtmauer. Ein paar Minuten später gesellte sich eine Katze zu uns, die so zutraulich und verschmust war, dass wir nach einer Stunde, in der sie eingerollt auf meinem Schoß lag, schon drauf und dran waren sie zu adoptieren - bis sie plötzlich, ohne Anlass, runter sprang und zu einem anderen Paar eine Bank weiter lief, um dort ebenfalls ihren Charme spielen zu lassen, das kleine Flittchen! Und das nachdem wir ihr vorher zig Kletten aus dem Fell gezupft hatten...
Gegen 3 Uhr morgens kam dann das Sammeltaxi, dass uns zum Flughafen nach Tel Aviv fuhr und Johannes hob um halb 8 wieder richtung Deutschland ab. Da ich auch erst um diese Zeit wieder zuhause ankam und ich sofort totmüde ins Bett fiel, verpasste ich leider die Sirene, die gestern, am Holocaust-Gedenktag als Zeichen der Erinnerung, erklang. Während dieser Sirene standen alle Menschen, selbst die Autos auf der Autobahn, im ganzen Land für zwei Minuten still - und ich lag im Bett... Schade, aber scheinbar gibt es nächste Woche nochmal einen Gedenktag mit der gleichen Prozedur, diesmal in Erinnerung an die Gefallenen der israelischen Unabhängigkeitskriege. Und kurz danach ist der Unabhängigkeitstag, weswegen auch jetzt schon überall Flaggen an den Autos und den Straßenlaternen wehen. So liegen Trauer und Freude in Israel sehr nah beieinander...


Zum Schluss noch ein kleiner Gruß an die Familie Hansen!

Montag, 14. April 2014

Palmsonntag und Pessach

Gestern ging ich nochmal in die Altstadt, um die Sandalen umzutauschen, die ich am Mittwoch in dem Laden von Azmir gekauft hatte. Das Gespräch, das wir dort geführt hatten, war so interessant, dass ich aus Versehen die falschen eingesteckt hatte. Er war natürlich hocherfreut mich wieder zu sehen und lud mich gleich wieder zu einem Pfefferminztee ein. An diesem Tag waren um einiges mehr Touristen in der Altstadt, was natürlich an der Palmsonntagsprozession lag. Überall liefen Christen mit Palmzweigen durch die Straßen und die Via Dolorosa war mit den gelb-weißen Fahnen des Vatikans geschmückt. Aus diesem Grund war Azmir zwischenzeitlich auch immer wieder mit Kunden beschäftigt, weshalb ich schon wieder drauf und dran war wieder zu gehen, um ihn nicht bei seinen Geschäften zu stören, aber davon wollte er gar nichts hören und gebot mir immer wieder mich wie zuhause zu fühlen. Und so fanden wir, zwischen den Verhandlungsgesprächen von polnischen und griechischen Besuchern, auch immer wieder Zeit über die politische Lage des Landes und das Leben der Palästinenser zu sprechen. Nachdem ich mich am Tag zuvor mit Odded, dem israelischen Kollegen von Rosch über seine Sicht der Dinge unterhalten hatte, wollte ich wissen, was Azmir zu dessen Argumenten sagte. Odded hatte beispielsweise behauptet, dass 1948, als der jüdische Staat gegründet wurde, weitaus weniger Araber auf diesem Gebiet gelebt hatten als heute. Laut Azmir sei diese Aussage Blödsinn. Er zählte mir einige große Städte auf, um die herum es damals hunderte von palästinensischen Dörfern gegeben hatte. Vielleicht zu klein für die Israelis um sie zu erwähnen. Er erzählte mir außerdem, dass die Familie seines Vaters aus Baka stammte, und später von den Israelis von dort evakuiert wurden. Da fast alle von ihnen glaubten, dass sie bald in ihre Häuser zurück kämen, schlossen sie wie gewohnt ihre Häuser ab, und nahmen die Hausschlüssel mit. Dieser Schlüssel hängt nun in seinem Laden an der Decke


Seine Familie hatte noch Glück im Unglück, da sie recht wohlhabend war und sich schnell eine neue Existenz in Jerusalem aufbauen konnte. Andere Familien leben bis heute in der dritten Generation in Flüchtlingscamps, ohne Aussicht auf Verbesserung ihrer Situation. Azmir meinte der einzige Weg aus dieser Lage sei Krieg und er erwarte den Ausbruch des Krieges täglich. Natürlich habe ich darauf gleich insistiert und ihm erklärt, dass Krieg nie eine Lösung sei, aber er war ziemlich verbissen, obgleich er beteuerte, dass er sich den Krieg ebenso wenig wünsche, aber er sehe keinen anderen Ausweg um die Palästinenser von den Besatzern zu befreien. Ich habe das Gefühl, obwohl Azmir ein kluger und klar denkender Mensch ist, dass er auch unter dem Einfluss von radikaler Propaganda steht. Auf meine Frage, warum die Palästinenser 1948 eine Zwei-Staaten-Lösung abgelehnt hatten, meinte er, dass die Juden einfach nicht das Recht gehabt hätten, das Land zu teilen. Als ich ihm erklärte, dass die Juden damals nach dem Holocaust einen eigenen Staat brauchten, hat er versucht mir weiß zu machen, dass die Zahl von 6 Millionen ermordeter Juden eine Lüge sei und es in Wahrheit nur 60.000 waren. Ich bin darauf nicht näher eingegangen. Es hätte wahrscheinlich keinen Sinn gemacht darüber zu streiten. Es war auf jeden Fall ein hoch interessantes Gespräch, was ich hoffentlich demnächst fortsetzen kann.
Aber nach etwa einer Stunde verabschiedete ich mich von ihm, da ich eigentlich vor hatte mir noch einen Teil des Palmsonntagsumzuges anzuschauen. Scheinbar hatte ich diesen aber gerade verpasst, was mich jedoch nicht weiter störte. Ich schlenderte also noch ein wenig durch die Altstadt und wurde von gleich zwei Ladenbesitzern hintereinander darum gebeten etwas für sie auf deutsch zu aufzuschreiben: "Neueröffnung und wir sprechen deutsch!" und "Sonderangebot". Den zweiten Ladenbesitzer fragte ich dann, ob das ein neuer Trick sei, um daher schlendernde Touristen in seinen Laden zu locken, aber er beteuerte, dass es nur für die demnächst eintreffenden deutschen Oster-Touristen sei. Wie auch immer, einer der Verkäufer sprach erstaunlich gut deutsch, und er versicherte mir, dass er es nur von den Besuchern der Altstadt "aufgeschnappt" hätte, was mir äußerst schwer fiel zu glauben. Wer merkt sich schon einen deutschen Satz wie "Holla die Waldfee!"...?

Irgendwann verließ ich die Altstadt durch das Damskus-Tor und beschloss spontan noch einen Umweg durch das Gebiet hinter dem arabischen Busbahnhof zu machen, wo ich vorher noch nie war. Es war im Grunde nur eine belebte Einkaufsstraße, aber irgendwie fühlte ich mich seit dem Besuch bei Azmir noch verbundener mit den Palästinensern und um einiges wohler in ihrer Gesellschaft als unter den Israelis, obwohl ich mich optisch natürlich viel deutlicher von ihnen unterscheide. Aber die Palästinenser wirken in ihrer Art auf mich viel authentischer, freundlicher und offener als die meisten Israelis die ich hier kennen gelernt habe. Unterwegs kam ich an einem Tor vorbei, das zu einem Friedhof auf den Dächern führte. Es war eine sehr schöne Atmosphäre dort oben, und ich stellte mal wieder fest wie sehr ich Friedhöfe mag. Es war menschenleer und sehr friedlich dort, obwohl der Lärm der Straßen natürlich nicht zu überhören war. Aber nach all den vielen Eindrücken und den Gesprächen in der Altstadt, fand ich es äußerst angenehm eine Weile einfach dort zu stehen und inne zu halten



Danach machte ich mich auf den Weg nach Hause. Unterwegs fand ich mal wieder Unmengen an Essen. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwöhnt habe, aber am 14. April feiern die Juden das Pessach-Fest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Aus diesem Anlass säubern sie ihre Häuser von sämtlichen Getreideprodukten, bzw. Lebensmitteln, die länger als 18 Minuten mit Wasser in Berührung gekommen sind. Netterweise schmeißen die meisten Einwohner von Rehavia, also meiner Wohngegend, diese Dinge aber nicht einfach weg, sondern verpacken sie fein säuberlich in Tüten und stellen diese auf die Mauer vor ihrem Haus, damit kleine, ungläubige Studenten wie ich sie mitnehmen und verbrauchen können. Auf diese Weise habe ich in der letzten Woche wahnsinnig viel Brot, Nudeln, Mehl, Kekse, etc. gefunden, was natürlich wieder mal ein Highlight für mein Containerer-Herz bedeutet hat. Ich hoffe nur, dass Itai nicht allzu genervt sein wird, wenn er von seinem Urlaub nach Hause kommt und die mit Brot überfüllte Tiefkühltruhe vorfindet.
Aber nicht nur die Haushalte werden von Getreide gesäubert - auch die Supermärkte dürfen während dieser Zeit kein "Chametz", also die verbotenen Speisen, verkaufen. Während dieser Woche darf ausschließlich ungesäuertes Brot, das sogenannte "Matza" gegessen werden, das übrigens nach absolut garnichts schmeckt und die Konsistenz von Knäckebrot hat. Natürlich kann man weiterhin normales Brot bei den Arabern kaufen, aber Itai sagte, dass man ziemlich böse angeschaut wird, wenn man auf der Straße mit Brot erwischt wird. Ich würds ja zu gerne mal testen!

Nachdem ich gestern endlich mal wieder die Nacht bis um 6 Uhr durchgearbeitet hatte, stand ich heute gegen mittag auf und lief danach systematisch durch die benachbarten Straßen um ein paar weitere Pessach-Entsorgungen zu finden. Und ich brauchte nicht lange zu suchen. Neben zwei Kuchen, Keksen und Schokoriegeln, natürlich schön ordentlich verpackt, fand ich auch noch ein paar ausrangierte Klamotten. Itai erklärte mir nämlich auch, dass Pessach eine Art Neujahr für die Juden sei und dass deswegen viele Leute ihre Wohnung ausmisten würden. Es gab übrigens in den letzten Wochen auch sehr viele Zettel an schwarzen Brettern und Bushaltestellen, auf denen Leute "Cleaning for Pessach" anboten. Das heißt, die Wohnung auf Chametz absuchen und das Geschirr mit einer speziellen Methode dreimal abzukochen, so dass es auch wirklich rein ist von eventuellen Chametz-Rückständen. 
Unterwegs fand ich auch mehrere Spuren von verbranntem Brot und als ich um eine Ecke bog und Rauch sah, dachte ich erst dort würde jemand grillen, bis ich feststellte, dass es sich um eine Brandstelle handelte, auf dem gerade Chametz, also vorwiegend Brot verbrannt wurde, was die Ultra-Orthodoxen Juden scheinbar alle machen. Schon irgendwie makaber...


Als ich mich mit meiner Beute wieder auf den Weg nach Hause machte, traf ich sehr viele Menschen, alle vollbepackt mit riesigen Tüten und Körben voller Essenszutaten, die entweder gerade ankamen, oder gerade in Aufbruchstimmung zu ihren Familien waren. Ich selbst war zu einem Seder, also einem Festessen in der "German Colony" eingeladen. Die Einladung galt allen Exchange Students und wurde über die Akademie ausgeschrieben. Also machte ich mich gegen 19 Uhr auf den Weg dorthin. Die German Colony ist ein ziemlich nobler Stadtteil von Jerusalem und liegt ca. 15 Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt. Das Treffen fand in einer Art Gemeindesaal statt. Als ich dort eintraf fühlte ich mich ziemlich fehl am Platz, da ich scheinbar die einzige Studentin und Ausländerin dort war. Um nicht blöd in der Gegen rum zu stehen, folgte ich der Musik, die aus einem nahe gelegenen Raum drang und fand mich dort in einem Gottesdienst wieder, bei dem die Frauen und Männer von einem leicht durchsichtigen Vorhang in der Mitte des Raumes getrennt wurden und ununterbrochen hebräische Lieder gesungen wurden. Es war eine sehr schöne und lockere Atmosphäre dort. Man merkte schnell, dass es eine eher offene, liberale Gemeinde dort war. Als der Gottesdienst vorbei war, ging ich zurück in den Saal, der schon festlich geschmückt war für das Dinner und war sehr erleichtert, als ich dort ein paar andere Austauschstudenten von der Bezalel traf. Ich setzte mich also schnell dazu und landete neben einem sehr alten Mann mit weißem Rauschebart, Samuel,  der, wie sich rausstellte, in München geboren, mit drei Jahren nach New York emigriert war und nun seit den Siebzigern in Israel lebt. Erst unterhielten wir uns ein wenig auf deutsch, bzw. er auf jiddisch, später übersetzte und erklärte er mir den feierlichen Akt und die Bedeutung vom Pessach-Fest auf englisch. Nachdem die rund 50 Leute in dem Saal alle Platz genommen hatten, wurden Bücher ausgeteilt, aus denen jeder der wollte einen Abschnitt vorlesen durfte. Natürlich war alles auf hebräisch, bzw. aramäisch, aber dank Samuel wusste ich ungefähr um was es ging. Es waren Abschnitte aus der Bibel, die die Symbolik der Speisen auf den Tischen und die Geschichte des Auszugs aus Ägypten erklärten. Es wurden während des Seders, des Festmahls, 4 Becher Wein getrunken. Nach dem ersten Becher wurde ein Behälter mit Wasser gereicht, in dem jeder sich die Hände rein waschen konnte, danach durfte man eine in Salzwasser getauchte Kartoffel essen, als Symbol für die Tränen, die das jüdische Volk damals vergoss. Danach wurde das Matza gebrochen und mit gekochten Eiern, Salatblättern, Dips aus Datteln oder roter Beete und Leberpastete bestrichen. Die Bedeutung für all diese Speisen könnt ihr bei Wikipedia nachlesen ;) Ich dachte natürlich, dass es sich dabei um das Festessen handelte, und war daher umso überraschter, als plötzlich weitere Platten und Teller mit Speisen aufgetischt wurden. Es gab "gefillte Fisch", also zu einem Brei zerkleinerter und zu kleinen Klößen geformter, gekochter Fisch, Antipasti, Bratkartoffeln, Hähnchen- und Rindfleisch, Eiersalat, Gurkensalat, Tomatensalat, mit Datteln gekochte Möhren und zum Nachtisch Schokoladenkuchen und Obstplatten. Der Wahnsinn! Zwischendurch wurden immer wieder Verse aufgesagt, Lieder gesungen und Geschichten erzählt. Eine Frau erzählte, dass sie in einer ultra-orthodoxen Sekte großgezogen worden war, in der Frauen kaum besser als Dreck behandelt wurden und wie glücklich sie sei, nun in einer offenen Gemeinschaft Pessach feiern zu dürfen. Samuel, der dies natürlich für mich übersetzt hatte, erklärte, dass jeder der Lust hätte, etwas aus seinem Leben, oder eine kurze Geschichte erzählen durfte. Es war eine wahnsinnig schöne und entspannte Stimmung in diesem Saal. Fast jede Altersgruppe war dort vertreten und alle waren unglaublich offen und herzlich. 
Als das Fest offiziell beendet wurde, halfen alle mit die Tische abzuräumen und als ich die noch teilweise voll beladenen Platten mit Essen sah, konnte ich nicht wiederstehen und fragte schließlich eine Frau, was denn mit dem ganzen übrig gebliebeneb Essen passieren würde. Sie sagte, sie würden versuchen es an Bedürftige zu geben, aber wenn ich wollte, könnte ich so viel mitnehmen wie ich wollte. Sie klang ehrlich gesagt nicht sehr zuversichtlich und ich bezweifle auch, dass es etwas wie die Tafel in Jerusalem gibt, also packte ich einen Teller voller Äpfel und eine Box voller Fleisch - und löste so auf einmal eine Kettenreaktion aus, da plötzlich alle anderen um mich herum ebenfalls anfingen etwas von dem übrig gebliebenen Essen für sich einzupacken. Die Organisatoren waren auch augenscheinlich sehr glücklich darüber. Und als ich ging war immer noch haufenweise Fleisch übrig. Ich hoffe, dass sich dem noch jemand angenommen hat. Ich hasse es wenn Lebensmittel weggeschmissen werden, insbesondere Fleisch...
Auf dem Weg nach Hause verlief ich mich erwartungsgemäß in denen in der Dunkelheit für mich alle gleich aussehenden Straßen und fand mich schließlich in einer Straße umgeben von den prachtvollsten Villen wieder. Bisher war ich davon ausgegangen, dass Rehavia eine der schicksten Gegenden der Stadt sei, aber gegen die German Colony ist es ein Witz. Unterwegs hörte ich immer wieder Gesang aus den Häusern und traf Menschen die wie ich voll bepackt waren mit Tüten und Essensboxen. Wahrscheinlich auch geradewegs vom Pessach-Mahl heimkommend. Das und das Völlegefühl in meinem Magen erinnerten mich ziemlich stark an Weihnachten...








Samstag, 12. April 2014

Schwesternbesuch - ein ewig langer Nachtrag


Am letzten Freitag kam Hanna zu Besuch. Da es in Jerusalem keinen Flughafen gibt, bestellte ich also, wie Itai es mir empfohlen hatte, ein Nesher-Taxi, ein Kleinbus, der 24 Stunden zwischen Jerusalem und dem Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv hin und her pendelt und das einen auch praktischerweise zuhause abholt. Leider fahren diese Taxis am Freitag nur bis 14 Uhr, da danach ja schon der Sabbat anfängt. Also war ich etwa eine Stunde zu früh dort und saß ewig in der Empfangshalle herum. Irgendwann sprach mich ein Mann neben mir auf der Bank an, der mit seiner Frau auf die Ankunft seiner Tochter aus London wartete. Nachdem er mich über alle möglichen Dinge bezüglich meines Aufenthalts in Israel ausgefragt und mir die Wartezeit so etwas unterhaltsamer gestaltet hatte, kam Hanna endlich nach 1 1/2 Stunden Verspätung an. Sie war mit dem Israelischen Flugunternehmen ElAl gekommen und hatte unglaublich strenge Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen müssen. Diese Geschichten, kannte ich bisher nur von Leuten die bei der Ausreise aus Israel Probleme hatten und war deshalb ziemlich schockiert, als sie mir erzählte, das sie von den Sicherheitsleuten, nachdem sie sich bereits auf ihren Platz gesetzt hatte, aus dem Flieger geholt wurde, nur weil die Kontrolleure vergessen hatten, ihr Handgepäck als bereits kontrolliert zu markieren. Wie wir jetzt von mehreren Leuten, denen wir diese Geschichte erzählt haben, erfahren haben, sollte man scheinbar nie bei ElAl buchen, da diese Gesellschaft bekannt ist für ihre extrem harten Sicherheitskontrollen. Gut zu wissen.
Vom Flughafen fuhren wir mit dem Taxi nach Tel Aviv zu Lisa und gingen gleich in ein Restaurant etwas essen. Dort wurde Hanna keine 5 Minuten später auch schon von einem Typen vom Nachbartisch angesprochen, der meinte, er hätte sie ein paar tage zuvor schon einmal in der Stadt gesehen. Das konnten wir natürlich schnell dementieren, aber so kamen wir ins Gespräch und er, Gil, lud uns spontan ein, später am Abend mit ihm etwas trinken und feiern zu gehen. Nach dem Essen musste Lisa zu ihrem neuen Job, einer kleinen Bar einige Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt, wohin wir sie begleiteten und dort noch etwas tranken, bevor Hanna sich mit Gil vor seinem Fotografen-Studio verabredete. Also liefen wir ein paar Minuten später wieder Richtung Florentin und kamen irgendwann vor einem Hochhaus an, vor dem er uns begrüßte. Er erklärte uns, dass dies nur sein Atelier-Loft sei und dass er noch ein anderes Appartement hätte, in dem er wohnte. Wir fuhren also in den elften Stock hinauf und kamen in ein ATEMBERAUBENDES Loft mit Panoramablick über die Skyline von Tel Aviv. Scheinbar verdiente es sich ganz gut als Fotograf dort. Überall hingen von ihm gesammelte Malereien und Graphiken an den Wänden und Bildbände und Kataloge türmten sich auf den Designermöbeln. Er zeigte uns ein paar Bücher und Videos von israelischen Künstlern die er mochte und lud uns dann ein, mit ihm in einen nahe gelegenen Club zu gehen, dessen Besitzer er kannte. Also machten wir uns mit ihm auf den Weg dorthin und kamen schließlich an einen Club, der mich stark an die Theodor-Heuss-Straße in Stuttgart erinnerte. Soll heißen, dass die Mädels dort alle mit den kürzesten Röckchen und Kleidern auf ihren 15-Zentimeter-High-Heels durch die Gegend stöckelten und durch laszives Tanzen um die Aufmerksamkeit der Hemdträger um sie herum buhlten. Hanna und ich, in unseren ziemlich gammelig aussehenden Alltagsklamotten wurden natürlich von allen Seiten gemustert, wie wir so, an der wartenden Schlange vorbei geradewegs zum Eingang marschierten und nach ein paar Sätzen von Gil an den Türsteher in den Club geführt wurden. Letztendlich aber waren wir, ohne Übertreibung, die Stars des Abends dort, vermutlich eben genau weil wir so einen starken Kontrast zu den anderen Mädels dort bildeten... Break -> Dies habe ich vor zwei Tagen angefangen zu schreiben und stelle gerade fest, dass ich so erschöpft und so im Verzug bin mit meinem Bericht, dass ich es einfach nicht mehr schaffe, weiterhin so detailliert von der letzten Woche zu berichten. Für eventuelle Fragen stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Zusammenfassend zu jenem Abend lässt sich jedenfalls sagen: Es war eine lustige Erfahrung, und ein sehr billiger Abend für uns, da wir einfach auf alles eingeladen wurden!

Am nächsten Tag gingen wir zusammen mit Lisa zum Strand. Es war um die 30 Grad heiß, was aber durch den Wind dort wieder relativiert wurde. Das Wasser hatte angeblich eine Temperatur von 18 Grad, gefühlt waren es allerdings 10, weshalb ich mich auch nicht weiter als bis zur Hüfte rein getraut habe. Für den Rest hab ich ja noch 2 1/2 Monate Zeit.


Am Abend fuhren Hanna und ich dann mit dem Bus nach Jerusalem.

Am Sonntag liefen wir, nachdem wir sehr viel Schlaf vom Wochenende nachgeholt hatten, richtung Altstadt, zum Damsakustor. Nach dem obligatorischen Hummus-Frühstück am Damaskus-Tor und einem Rundgang zu den "Highlights" der Altstadt, ging es weiter zu dem Treffpunkt für den "Making of Jerusalem"-Kurs, am Dung-Gate. Ich habe es inzwischen aufgegeben, zu verstehen, was Noah, unsere Lehrerin über die verschiedenen Orte die wir besuchen, erklärt - es ist einfach viel zu laut drumherum und sie redet zu schnell für mich. Aber wenigstens lerne ich bei diesen Treffen teilweise Orte kennen, an denen ich noch nicht war. Dieses Mal ging es ins jüdische Viertel in der Altstadt. Das was mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, betraf aber weniger den Kurs, als viel mehr einen Ultra-Orthodoxen Juden, der den Mädchen, unter anderem auch mir, einen roten Faden ums Handgelenk gebunden hat, darauf ein schnelles Gebet und das Versprechen, das ich bald heiraten würde, gesprochen hat. Ich konnte garnicht so schnell reagieren und gab ihm für diese tolle Geste dann auch noch Geld. Was ich im Nachhinein natürlich auch bereue. Den Faden hab ich später am Abend dann auch entsorgt. Ich hasse es wenn etwas an meinem Arm oder der Hand baumelt...


Wer hat nach dem Besuch der Grabeskirche nicht Lust auf eine schöne Dornenkrone...?

Am Montag machten wir uns dann mit dem Bus auf den Weg zum Toten Meer. Ich hatte schon einiges darüber von Lisa und meinen Mitstudenten gehört, und vorwiegend Negatives, weswegen ich auch keine allzu großen Erwartungen hatte. Als wir aber dann den Strand von Ein Gedi erreichten und uns auf das Wasser "legten", konnte ich absolut nicht nachvollziehen, warum alle meinten, dass man dort kein zweites Mal hin möchte. Ich fand es absolut irre auf dem lauwarmen Wasser zu treiben, mit der Wüste im Hintergrund. Wir hatten echt Spaß, bis Hanna irgendwann das Wasser in die Augen bekam, was scheinbar wahnsinnig brennt und weswegen ich sie, halb blind, schnell zu den Duschen führen musste. Danach wollten wir eigentlich in das nahegelegene Naturreservat zum Wandern gehen. Leider waren wir aber zu spät dran, der Park hätte nur noch eine halbe Stunde geöffnet. Also beschlossen wir nach Hause zu fahren. Ich schlug vor zu trampen, da ich zuvor von Carla gehört hatte, dass es dort ziemlich einfach sein soll Autos zu finden die einen mitnehmen. Nach ca. 5 Minuten hielt auch tatsächlich ein heller BMW an in dem zwei Israelis um die 30 saßen und richtung Jerusalem fuhren. Auf der Fahrt sprachen sie kaum ein Wort, sondern spielten stattdessen wahnsinnig laute Discomusik. Zwischendurch dachte ich wirklich, dass dies meine letzte Fahrt in diesem sei. Der Fahrer machte sich einen Spaß daraus mit 160 Sachen über die Straße zu brettern und den Autos vor ihm auf den Pelz zu rücken. Ich war daher ziemlich erleichtert, als wir nach Jerusalem einfuhren und der Beifahrer dann sogar anfing mit uns zu reden. Nach einer Art Anmachversuch von ihm für seinen Bruder, der dummerweise kein Englisch sprach, mir aber trotzdem unbedingt seine Nummer geben wollte, setzten die beiden uns in Rehavia ab. Diese Erfahrung brauche ich ehrlich gesagt so schnell nicht wieder.







Am Dienstag fuhren wir, nachdem ich vormittags in der Akademie den Drawing-Kurs hinter mich gebracht und Hanna in der Altstadt verbrachtt hatte, nach Bethlehem. Dieses Mal schlenderten wir über den Basar, auf dem ich mit meinen Haaren mal wieder sämtliche Blicke auf mich zog, und von dort aus in die Erlöserkirche. Dank eines netten Guides dort, schafften wir es sogar die nicht enden wollende Schlange von Touris zu umgehen und über den offiziellen Ausgang direkt in das Allerheiligste zu kommen: den Ort an dem Jesus geboren und wo die Krippe gestanden haben soll. Dieser war allerdings ziemlich unspektakulär - wie fast alle ach so heiligen Orte hier. Es ging ein paar Treppenstufen runter in einen extrem warmen Raum, in dem an den jeweiligen Stellen zwei Altare mit Kerzen aufgebaut waren. In dem Raum wurde, dank der Massen an Touristen, fast nur deutsch gesprochen. Uns war es nach ein paar Minuten schon wieder zu viel und wir verließen die Kirche schnell wieder und gingen weiter zur sogenannten "Milchgrotte". Dort sollte es einen Stein geben, auf den Maria einen Tropfen Milch aus ihrer Brust vergossen haben sollte und der , wenn man ihn berührte, Frauen Fruchtbarkeit schenken sollte - Auf was für Ideen die Menschen doch kommen. Ich hatte mich zuvor ja schon gefragt woher die Leute denn so genau wissen wollen, dass Jesus an exakt diesem Ort entbunden worden sein sollte. Der Engel oder die Hirten werden ja wohl kaum etwas ähnliches in den Stein gemeißelt haben. Aber bitte. Hauptsache es finden sich Menschen die daran glauben. Die Grotte war auf alle Fälle schön ruhig, da wir seltsamerweise die einzigen Besucher dort waren. Den Stein haben wir nicht gesehen, oder vielleicht übersehen. Aber so eilig haben wirs ja dann auch nicht mit dem Kinder kriegen. Nach einem kleinen Plausch mit einem arabischen Händler, liefen wir zu unserem letzten Ziel: der Mauer
Ich hatte ein paar Wochen zuvor einen kleinen Film über den "Banksy-Shop" in Bethlehem gesehen. Da der Street-Art-Künstler Banksy sich vor einer Weile an der Mauer verewigt hatte, gab es einen kleinen Laden mit Bildern und Souvenirs von ihm. Der Besitzer erzählte uns auch stolz von seinem Interview das er dem "German TV-Channel ARD" gegeben hatte. Und er war ganz aus dem Häuschen als ich ihm erzählte, dass ich es neulich gesehen habe. Er war unglaublich nett und erklärte uns, wo genau wir welches Kunstwerk finden würden. Es war ein eigentümliches Gefühl und irgendwie makaber an der Mauer entlang zu laufen als wäre sie eine Touristenattraktion, was sie ja letztendlich auch ist. Aber in erster Linie ist sie ein absurdes Symbol für diesen wohl niemals endenden Streit um ein Land zwischen zwei Völkern.
Am Abend gingen wir in einem kleinen Restaurant im Yehuda-Market essen. Die meisten Restaurants hier sind vom Ambiente her alles andere als einladend. Aber dort war es einfach köstlich und dank seines europäischen Flairs auch wahnsinnig gemütlich. Als wir dort saßen und die letzten tage Revue passieren ließen, stellte sich heraus, dass Hanna fast genau den gleichen Eindruck von Jerusalem hatte wie ich. Dieses ständige Gefühl beobachtet und von allen Seiten angesprochen zu werden, gab auch ihr das Gefühl nicht wirklich frei zu sein und die Hardcore-Präsenz von Religion wohin man auch geht, ließ auch sie eher an ihrem Glauben zweifeln anstatt spirituell erleuchtet zu werden. Schön zu wissen, dass es nicht nur mir so geht.





Am Mittwoch gingen wir nach meinem "Etching-Course", der so langweilig war wie eh und je, noch einmal in die Altstadt, genauer gesagt auf einen Spaziergang durch die Altstadtmauer.





Danach wollte Hanna noch unbedingt in einen Laden, den sie zuvor im christlichen Viertel entdeckt hatte. Er gehörte einem Beduinen, der alle möglichen Dinge von Teppichen, Kleidern, Schmuck und Musikinstrumenten verkaufte und wahnsinnig nett war. Als wir den Laden endlich fanden, stand an der Theke ein Mann und zwei Jungs, die gerade dabei waren mit Pita aus einer riesigen Pfanne zu essen. Sie luden uns spontan ein mit ihnen zu essen, während Aladdin, der Ladenbesitzer uns beiden Ohrringe herstellte, die er uns danach schenkte. Außerdem bestand er darauf, dass wir die Beduinenkleidung, die er natürlich auch selber herstellte, anzuprobieren. Ich bin mir noch nie so fremd vor gekommen wie in diesem Kleid mit dem Schmuck auf dem Kopf, der übrigens so schwer war, dass ich ihn keine fünf Minuten tragen könnte. Aber es war auf jeden Fall lustig.



Nach einem langen Gespräch, einem kleinen Konzert auf seiner Trommel und natürlich einer Einladung in sein Restaurant, er ist nämlich nebenbei auch noch Koch, verließen wir den Laden um ein paar Schritte weiter in den nächsten zu gehen, der wunderschöne Ledertaschen und -Rucksäcke verkaufte. Der Ladenbesitzer war ebenso nett wie Aladdin und es stellte sich heraus, dass er ein Cousin von ihm war. Scheinbar sind alle Ladenbesitzer in dieser Straße mehr oder weniger miteinander verwandt. Was vielleicht auch die nette Atmosphäre dort erklärt. Man besucht sich gegenseitig und lädt nette Kunden wie wir es in dem Fall waren auf einen Pfefferminztee ein, der ein paar Minuten später vom Laden gegenüber auf einem Silbertablett erviert wird. Wir sprachen sehr lange über die politische Situation in Israel, speziell natürlich aus der Sicht der Palästinenser. Es war natürlich sehr interessant und aufschlussreich. Ich muss morgen übrigens nochmal dorthin - vor lauter Reden und Zuhören habe ich aus Versehen die falschen Sandalen gekauft...
Am Abend fuhren wir wieder nach Tel Aviv und gingen mit Lisa in das Restaurant in dem ihr "Freund" arbeitet. Danach gingen wir noch einmal tanzen bis um 5 Uhr und schliefen wieder dementsprechend lange aus. Allerdings gab es in der Nacht einen Zwischenfall in Lisas Zimmer bei dem zwei Kakerlaken die Hauptrolle spielten und wegen dem wir letztendlich zu dritt in Lisas Bett schliefen, da Hanna daraufhin verständlicherweise wenig Lust verspürte weiterhin auf dem Boden zu schlafen.
Nachdem ich sie dann zum Zug richtung Flughafen gebracht hatte, freute ich mich mehr denn je auf meine kakerlakenfreie Wohnung. Da Itai am Dienstag für drei Wochen im Urlaub in Lithauen und Deutschland geflogen ist, habe ich die Wohnung nun erstmal für mich allein und muss Shula füttern, was ich natürlich am Donnerstag direkt verpasst hatte. Aber als ich in die Wohnung kam, stelllte ich fest, dass sie scheinbar mehr Durst hatte als Hunger...


Heute, am Samstag, war ich mit Johannes, einem Freund von meinem Johannes, den ich daher nur mit seinem Nachnamen "Rosch" anrede und der beruflich in Tel Aviv zu tun hatte, zu einem Trip in die Wüste verabredet. Sein Kollege Odded fuhr uns erst zu einem Kibbuz in die Negev-Wüste, in dem David Ben-Gurion, der erste Premierminister von Israel gelebt hatte. Dort, in seinem ehemaligen Wohnhaus gab es ein kleines Museum und einen Film über sein leben. Es war recht interessant und ich fragte Odded natürlich auch gleich über seine Sicht der politischen Situation des Landes aus. Er ist ziemlich links eingestellt, betonte allerdings, dass die Palästinenser den Krieg damals begonnen hatten, während Israel auf eine zwei-Statten-Lösung plädierte.
Bei dem Grab von Ben-Gurion und seiner Frau lernten wir ein israelisches Päärchen kennen, dass wie wir danach weiter in den Nationalpark En Avidat fahren wollte. Da man für die Wandertour dort zwei Autos benötigte, weil man aufgrund der steilen Feslwand dort unmöglich den gleichen Weg auf dem man gekommen ist zurück laufen kann, beschlossen wir, zusammen los zu ziehen und unser Auto am Ende des Weges abzustellen, während wir mit ihrem zum Anfang fuhren. Die Landschaft in dem Nationalpark war atemberaubend!

 




Nach diesem Naturspektakel fuhren wir weiter zu einer Ausgrabungsstätte namens Awdat und, meinem persönlichen Highlight, dem Ramon-Krater. Der Blick von dort war einfach atmberaubend. Ich hätte noch ewig dort stehen und die Landschaft betrachten können.



Aber irgendwann überkam mich die Müdigkeit. Ich musste an diesem Morgen ja bereits um fünf Uhr aufstehen, da die Jungs mich schon um 7:30 Uhr am Busbahnhof in Tel Aviv abholen wollten. Und da am Samstag natürlich dank Shabbat kein Bus fährt, sondern nur Sheruts, musste ich ziemlich viel Zeit einplanen - um letztendlich zwanzig Minuten in Tel Aviv zu warten, da Rosch natürlich verschlafen hatte!
Inzwischen sitze ich also wieder in meiner wunderbar ruhigen Wohnung und genieße das Alleinsein! Morgen ist die Palmsonntagsprozession. Diese Show sollte ich mir wohl nicht entgehen lassen. Ihr hört von mir!