Der folgende Etching-Kurs war ziemlich nervig. Ich weiß schon warum ich lieber zeichne. Da brauche ich nämlich nicht tausendmal das Papier oder den Untergrund bearbeiten, bevor ich loslegen kann (außer natürlich es handelt sich um eine Vliestapete von meinem lieben Freund Enno Lehmann...). Und das Ergebnis ist auch nicht so ein Überraschungsei, sondern ich hab die Kontrolle darüber wie es wird.
In dieser Stunde ging es um Radierung auf einer Zinkplatte und ich hatte nach der ersten halben Stunde schon keine Lust mehr. Aber nach Abschluss dieses Kurses kann ich wenigstens behaupten es einmal probiert zu haben. Nachdem die drei Stunden dann endlich vorbei waren, traf ich mich noch mit Jossi, einem fashion-Design-Student, dem ich für seine Projektpräsentation im Juni Model stehen werde und der mich dafür noch ausmessen wollte. Netterweise hatte er extra eine Freundin dafür engagiert, die daraufhin also sämtliche Körperstellen an mir ausmaß. Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor und war recht froh es hinter mir zu haben. Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich in den nächsten Wochen nicht so stark zunehmen werde, dass mir die Klamotten nicht mehr passen. Ist allerdings gar nicht so unwahrscheinlich, in Anbetracht der Tatsache wie viel Schokolade ich mir hier während dem Arbeiten reinziehe...
Am Donnerstag, also gestern hatte ich um 14:45 Uhr meinen ersten Meeting Point bei Drora Domini. Da ich am Mittwoch meinen persönlichen Rekord im Nachtarbeiten aufgestellt hatte, der jetzt bei 5:20 Uhr liegt, fiel es mir entsprechend schwer, am nächsten Tag aus dem Bett zu kommen und kam daher auch ein paar Minuten zu spät zu dem Raum in dem das Gespräch stattfinden sollte. Und es wunderte mich kaum noch, dass die Professorin natürlich nicht dort war. Wäre ja ein Wunder wenn hier einmal ein Meeting Point nach Plan läuft. Also ging ich zu der Sekretärin, schilderte ihr das Problem, worauf sie nicht lange fackelte und die Profesorin einfach anrief. Ein paar Minuten später kam sie dann auch tatsächlich. Ich hatte, bevor sie den Raum betrat gar nicht bemerkt, dass aus dem Ostteil der Stadt, eine dicke schwarze Rauchwolke drang und war dementsprechend erschrocken, als sie, ganz entzückt, ein Foto davon machte. Keine Ahnung was dort passiert war, aber es sollte nicht die einzige "bedrohliche" Situation an diesem Tag bleiben.
Die Arbeitsbesprechung mit Drora Domini war ganz gut. Ich zeigte ihr alle meine alten Arbeiten und die neue Zeichnung die ich hier in den letzten Wochen angefertigt hatte. Sie war ziemlich begeistert und wies mich auf ein, zwei Künstler hin, die mich interessieren könnten.
Danach fuhr ich nach Hause. Später wollte ich mich mit Tamara und Eva treffen um zusammen mit ihnen nach Lifta zu gehen, wo einer von den Exchange students ein Barbeque organisieren wollte. Lifta ist ein ehemaliges palästinensisches Dorf vor der Stadt, dass 1948 von den Israelis nach der Staatsgründung evakuiert wurde. Es besteht aus ein paar Steinhäusern, die nun seitdem leer stehen und einem kleinen Teich, der heute von den Ultra-Orthodoxen Juden aufgesucht wird, um sich dort "rein zu waschen".
Auf dem Weg zu Tamara wurde ich plötzlich auf der Straße von einem Polizisten daran gehindert weiter zu laufen mit der Begründung dass dort eine Bombe entschärft werden sollte. Ich dachte erst es wäre ein Scherz bis ein Mann aus dem Auto neben mir, das natürlich ebenfalls warten musste, erklärte, dass das ganz alltäglich wäre. Wahrscheinlich stünde irgendwo eine herrenlose Tasche herum, was die Israelis sofort misstrauisch werden und sofort die Polizei anrücken lässt. "Welcome to Jerusalem!" Nach ca. 10 Minuten kamen die Polizisten dann scheinbar zu dem Schluss, dass es sich um keine Bombe handelt und die Straße war wieder passierbar. Also traf ich mich mit Tamara und wir gingen zu einem Supermarkt um uns dort mit Eva zu treffen. Da ich keine Lust hatte, groß etwas zum Grillen vorzubereiten, sondern eigentlich Lust auf etwas Süßes hatte, schaute ich mir nur die Auswahl an Fertigkuchen und Keksen an und entschied mich am Schluss, nachdem der Preis dort so günstig war wie in keinem anderen Supermarkt bisher - für Nutella mit Pita! Also machten wir uns auf Richtung Lifta, was laut Itai nahe der Central Station liegen sollte. Nach ein paarmal Fragen, fanden wir auch schließlich den Weg. Es ging einen Trampelpfad immer weiter hinab ins Tal. Eva und Tamara war es alles andere als geheuer, zumal es immer weniger Lichtquellen gab und uns ab und zu ein paar Ultra-Orthodoxe aus der Dunkelheit entgegen kamen, die auch nicht gerade vertrauenerweckend wirkten. Aber irgendwann erreichten wir die Plattform mit dem Pool, wo schon Hannes und Wolfram, zwei deutsche Exchange students, dabei waren einen alten Einkaufswagen zum Grill umzufunktionieren. Nach einer Weile und einer kleinen Igel-Rettungsaktion meinerseits, waren wir schließlich eine Gruppe von etwa 15 Leuten aus aller Welt und suchten fleißig nach Feuerholz, was aus Ermangelung an Bäumen ziemlich schwierig war. Gut, dass die Jungs Kohle gekauft hatten, so dass man nach einem kleinen Feuer aus dünnen Stöckchen, die Glut zum Grillen benutzen konnte. Also fingen alle an ihr Gemüse zu schnippeln, wobei sich herausstellte, dass Tamara, ganz german-like, am besten ausgestattet war mit Alu-Folie, Sparschäler, Salz und was weiß ich noch, während ich mein Nutella mit dem Pita-Brot dipte und letztendlich an diesem Abend das halbe Glas leerte. Es war eine echt schöne Atmosphäre dort. Es wurde sogar gesungen und Gedichte (auf holländisch) rezitiert. Leider wurde es ziemlich schnell kalt und wir waren alle viel zu dünn angezogen, da es tagsüber um die 25 Grad warm war. Also beschlossen wir irgendwann in eins der leerstehenden Häuser umzuziehen, die durch die Sonne noch ziemlich erwärmt waren. Es war eine ziemliche Tortur im Dunklen, durch das Gestrüpp zu dem erwählten Haus durch zu dringen, aber die Mühe lohnte sich. Ein paar Jungs waren schon voraus gegangen und waren dabei in dem Haus, in dessen Dach eine kleine Öffnung für den Rauch war, ein neues Feuer zu entfachen. Irgendwann saßen wir also im Kreis ums Feuer und brieten "Würschtel" am Schaschlickspieß, die ein Italiener mitgebracht hatte. Sie schmeckten "interessant"... Als Lichtquelle diente uns ein kleiner kabelloser Beamer, den eine Französin mitgebracht hatte und auf dem ein paar Filme von ihr liefen, während ein paar Tschechinnen spontan anfingen Lieder aus ihrer Heimat zu singen Es war wirklich etwas ganz besonderes und ich bin echt froh, dass ich mich aufgerafft habe, obwohl ich ja sonst eher gegen diese großen Gruppentreffen bin. Gegen Mitternacht haben Tamara, Eva, eine Französin und ich uns dann wieder auf den Weg in die Stadt gemacht. Dabei liefen wir noch über den Yehuda-Markt und ich stellte zu meiner Begeisterung fest, dass die Händler dort alles Obst und Gemüse, das sie nicht mehr verkaufen konnten, einfach auf den Tischen liegen gelassen hatten. Also schnappte ich mir einen Karton und füllte ihn schnell mit einem Haufen Zucchini und Äpfeln. Ich glaube Eva und Tamara fanden das etwas befremdlich, da sie wahrscheinlich Wert auf extrem frisches Gemüse legen, aber für mein Containerer-Herz war es, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt ein inneres Blumenpflücken!
Heute hatte ich mir vorgenommen nach Silwan zu gehen, einem südöstlich gelegenen Stadtteil, der durch das Kidrontal von der Altstadt getrennt ist und ausschließlich von Palästinensern bewohnt wird. Als ich nach einem kleinen Umweg über einen Hügel mit schönem Blick auf das Tal dort ankam und in dem kleinen Gassen- und Treppenlabyrinth eintauchte, war es ein ziemlich eigenartiges Gefühl für mich dort zu laufen. Außer mir waren fast nur Kinder auf der Straße, die mich mit großen Augen anschauten und ab und zu versuchten mit mir zu reden, was aber an ihrem schlechten Englisch leider scheiterte.
Zwischendurch tauchten auch immer mal wieder Männer oder Jugendliche auf, die mich mit einem neugierigen "Welcome!" begrüßten. Irgendwann, im Herzen des Häusergewirrs, als ich gerade dabei war ein Foto zu machen, kam ein Junge auf mich zu und fragte wo ich hin möchte. Als ich ihm erklärte, dass ich einfach nur herum lief, kam sein Vater kurz dazu und meinte das wäre "No good idea, because it can be very dangerous". Als ich ihn nach dem Grund fragte, wusste er allerdings keine Antwort. Ich lief also weiter, wenn auch mit einem etwas mulmigerem Gefühl.
Nach einer Weile kam ich an eine Mauer mit einem schönen Blick auf die gegenüberliegende Altstadtmauer und ein paar kleine Jungs gesellten sich zu mir. Einer von ihnen trug einen Korb, aus dem er mir kurz darauf ein kleines Tütchen mit etwas zu Essen anbot. Ich nahm es natürlich gerne an, worauf er die Hand ausstreckte mit dem Kommentar "One Shekel". Ich gab ihm fünf (ca. 1 Euro), da ich kein kleineres Geld hatte und beließ es natürlich dabei. Ich weiß nicht genau was es war, aber es schmeckte köstlich. Es sah aus wie eine Mischung aus Mais und hellen Bohnen und war mit Zitronensaft und Petersilie gewürzt. Ein perfekter Snack für zwischendurch. Also ging ich weiter und setzte mich irgendwann in eine Öffnung innerhalb der Mauer, wo sich nach kurzer Zeit wieder zwei neunjährige Jungs zu mir gesellten. Erst wirkten sie ganz nett und neugierig, bis mir der eine von beiden seine Hand entgegenstreckte und in einem immer dreister werdenden Ton "Money!" von mir verlangte. So nicht! Also machte ich mich wieder los, als dieses kleine Würstchen mir doch tatsächlich im Laufen einen Klaps auf den Hintern gab. Wäre ich nicht in der Unterzahl und auf fremdem Territorium gewesen, hätte ich anders reagiert, aber in dem Moment wollte ich nur möglichst schnell das Weite suchen, nicht aber ohne ihn vorher zu verfluchen. So viel zu der Annahme, dass alle palästinensischen Kinder so süß und lieb sind...
Ich lief also weiter richtung Ölberg, vorbei an ein paar Gräbern im Kidrontal und setzte mich ein paar Minuten vor die "Kirche der Nationen", die übrigens auch "Todesangsbasilika" genannt wird.
Es war so furchtbar heiß an diesem Tag, dass jeder noch so kleine Gang durch die Sonne eine Tortur war. Die Kirche war belagert von russischen Touristen, deren Reisebusse vor dem Eingang eine ganze Kolonne bildeten. Um zu dem Portal zu gelangen, musste man erst den Garten Gethsemane durchqueren, der Ort, an dem Jesus nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern zum Beten kam. Bevor ich zu dem Eingang der Kirche kam, sprach mich ein Mann an, der meinte mich gerade in Silwan gesehen zu haben. Es stellte sich heraus, dass er Palästinenser ist dort wohnt und nun seinem "Beruf" als Souvenierverkäufer vor der Kirche nachging. Nachdem er eine Weile versuchte mich zu einem Kaffee einzuladen, worauf ich überhaupt keine Lust mehr hatte, schaffte ich es schließlich mich loszureißen und in die Kirche zu gehen, wo ich die Kühle und die Stille eine Weile genoss.
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| Bitte keine Pistolen oder Blumen in der Todesangstbasilika |
Danach machte ich noch die obligatorischen Abstecher zum Mariengrab, einer Krypta, in der angeblich Maria, also Jesus Mutter beerdigt worden sein soll und in die "Grotte von Gethsemane", wo die Jünger nach dem letzten Abendmahl geschlafen haben sollen, während Jesus in den Garten ging um Gott zu bitten dass er doch bitte "diesen Kelche an ihm vorüber gehen solle". Alle diese Orte waren spirituell gesehen nicht gerade spektakulär für mich. Und dennoch fand ich es faszinierend zu sehen, dass diese in der Bibel erwähnten Orte auf einmal zum Leben erweckt wurden. Nicht, dass ich jetzt davon überzeugt bin, dass alles dort so statt gefunden hat wie es in der heiligen Schrift beschrieben ist, aber interessant war es schon.
Mein letzter Sightseeing-Punkt sollte auf der Spitze des Ölbergs sein um den Blick über den jüdischen Friedhof auf die Altstadt zu genießen. Nach 2/3 des Anstiegs war ich allerdings zu kaputt um weiter zu gehen. Mein Wasser war alle und nach einem Blick auf die Touristenmassen auf dem Berg beschloss ich, dass der Blick von meinem Standpunkt aus auch schon atemberaubend genug war. Nach einer kurzen Rast zwischen den Steingräbern machte ich mich also wieder auf den Abstieg und weiter richtung Altstadt durch das Löwentor. Unterwegs genehmigte ich mir noch einen frisch gepressten Orangensaft bei einem netten Araber, der in einem, mit Müll vollgestopften, kleinen Raum saß und sich mit seinen Papageien unterhielt.Danach war ich zwar etwas gestärkt, hätte aber trotzdem gern den Bus nach Hause genommen, was leider nicht mehr möglich war, da es schon nach 17 Uhr und somit der Sabbat angebrochen war. Also ging ich weiter zu Fuß. Ich nahm natürlich den Weg über die Straße an dem Architecture Department der Bezalel, auf der fast täglich auf einer Bank Bücher zum Verschenken ausliegen. Tatsächlich lagen noch genau zwei Bücher dort, als ich vorbei kam und als ich sie sah, musste ich erstmal spontan lachen: Ralph Giordano "Deutschland und Israel: Solidarität in der Bewährung -Bilanz und Perspektive der deutsch-israelischen Beziehungen"...
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| Begrüßungsschild in der Grotte von Gethsemane |
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| Mein erster Gedanke war, dass sie aus sieht wie die Mutter aus "Life of Brian" |























































