Freitag, 28. März 2014

Dies und das, der Ölberg und der erste Sonnenbrand

Der Mittwoch) begann mit einer netten kleinen Überraschung von meiner lieben holländischen Freundin Annelies, die mir, nachdem ich ihr letzten Sonntag meine Waschmaschine zur Verfügung gestellt hatte, eine von mir vergessene Socke um eine Schokoladentafel gewickelt überreichte!


Der folgende Etching-Kurs war ziemlich nervig. Ich weiß schon warum ich lieber zeichne. Da brauche ich nämlich nicht tausendmal das Papier oder den Untergrund bearbeiten, bevor ich loslegen kann (außer natürlich es handelt sich um eine Vliestapete von meinem lieben Freund Enno Lehmann...). Und das Ergebnis ist auch nicht so ein Überraschungsei, sondern ich hab die Kontrolle darüber wie es wird.
In dieser Stunde ging es um Radierung auf einer Zinkplatte und ich hatte nach der ersten halben Stunde schon keine Lust mehr. Aber nach Abschluss dieses Kurses kann ich wenigstens behaupten es einmal probiert zu haben. Nachdem die drei Stunden dann endlich vorbei waren, traf ich mich noch mit Jossi, einem fashion-Design-Student, dem ich für seine Projektpräsentation im Juni Model stehen werde und der mich dafür noch ausmessen wollte. Netterweise hatte er extra eine Freundin dafür engagiert, die daraufhin also sämtliche Körperstellen an mir ausmaß. Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor und war recht froh es hinter mir zu haben. Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich in den nächsten Wochen nicht so stark zunehmen werde, dass mir die Klamotten nicht mehr passen. Ist allerdings gar nicht so unwahrscheinlich, in Anbetracht der Tatsache wie viel Schokolade ich mir hier während dem Arbeiten reinziehe...

Am Donnerstag, also gestern hatte ich um 14:45 Uhr meinen ersten Meeting Point bei Drora Domini. Da ich am Mittwoch meinen persönlichen Rekord im Nachtarbeiten aufgestellt hatte, der jetzt bei 5:20 Uhr liegt, fiel es mir entsprechend schwer, am nächsten Tag aus dem Bett zu kommen und kam daher auch ein paar Minuten zu spät zu dem Raum in dem das Gespräch stattfinden sollte. Und es wunderte mich kaum noch, dass die Professorin natürlich nicht dort war. Wäre ja ein Wunder wenn hier einmal ein Meeting Point nach Plan läuft. Also ging ich zu der Sekretärin, schilderte ihr das Problem, worauf sie nicht lange fackelte und die Profesorin einfach anrief. Ein paar Minuten später kam sie dann auch tatsächlich. Ich hatte, bevor sie den Raum betrat gar nicht bemerkt, dass aus dem Ostteil der Stadt, eine dicke schwarze Rauchwolke drang und war dementsprechend erschrocken, als sie, ganz entzückt, ein Foto davon machte. Keine Ahnung was dort passiert war, aber es sollte nicht die einzige "bedrohliche" Situation an diesem Tag bleiben.
Die Arbeitsbesprechung mit Drora Domini war ganz gut. Ich zeigte ihr alle meine alten Arbeiten und die neue Zeichnung die ich hier in den letzten Wochen angefertigt hatte. Sie war ziemlich begeistert und wies mich auf ein, zwei Künstler hin, die mich interessieren könnten.
Danach fuhr ich nach Hause. Später wollte ich mich mit Tamara und Eva treffen um zusammen mit ihnen nach Lifta zu gehen, wo einer von den Exchange students ein Barbeque organisieren wollte. Lifta ist ein ehemaliges palästinensisches Dorf vor der Stadt, dass 1948 von den Israelis nach der Staatsgründung evakuiert wurde. Es besteht aus ein paar Steinhäusern, die nun seitdem leer stehen und einem kleinen Teich, der heute von den Ultra-Orthodoxen Juden aufgesucht wird, um sich dort "rein zu waschen".
Auf dem Weg zu Tamara wurde ich plötzlich auf der Straße von einem Polizisten daran gehindert weiter zu laufen mit der Begründung dass dort eine Bombe entschärft werden sollte. Ich dachte erst es wäre ein Scherz bis ein Mann aus dem Auto neben mir, das natürlich ebenfalls warten musste, erklärte, dass das ganz alltäglich wäre. Wahrscheinlich stünde irgendwo eine herrenlose Tasche herum, was die Israelis sofort misstrauisch werden und sofort die Polizei anrücken lässt. "Welcome to Jerusalem!" Nach ca. 10 Minuten kamen die Polizisten dann scheinbar zu dem Schluss, dass es sich um keine Bombe handelt und die Straße war wieder passierbar. Also traf ich mich mit Tamara und wir gingen zu einem Supermarkt um uns dort mit Eva zu treffen. Da ich keine Lust hatte, groß etwas zum Grillen vorzubereiten, sondern eigentlich Lust auf etwas Süßes hatte, schaute ich mir nur die Auswahl an Fertigkuchen und Keksen an und entschied mich am Schluss, nachdem der Preis dort so günstig war wie in keinem anderen Supermarkt bisher - für Nutella mit Pita! Also machten wir uns auf Richtung Lifta, was laut Itai nahe der Central Station liegen sollte. Nach ein paarmal Fragen, fanden wir auch schließlich den Weg. Es ging einen Trampelpfad immer weiter hinab ins Tal. Eva und Tamara war es alles andere als geheuer, zumal es immer weniger Lichtquellen gab und uns ab und zu ein paar Ultra-Orthodoxe aus der Dunkelheit entgegen kamen, die auch nicht gerade vertrauenerweckend wirkten. Aber irgendwann erreichten wir die Plattform mit dem Pool, wo schon Hannes und Wolfram, zwei deutsche Exchange students, dabei waren einen alten Einkaufswagen zum Grill umzufunktionieren. Nach einer Weile und einer kleinen Igel-Rettungsaktion meinerseits, waren wir schließlich eine Gruppe von etwa 15 Leuten aus aller Welt und suchten fleißig nach Feuerholz, was aus Ermangelung an Bäumen ziemlich schwierig war. Gut, dass die Jungs Kohle gekauft hatten, so dass man nach einem kleinen Feuer aus dünnen Stöckchen, die Glut zum Grillen benutzen konnte. Also fingen alle an ihr Gemüse zu schnippeln, wobei sich herausstellte, dass Tamara, ganz german-like, am besten ausgestattet war mit Alu-Folie, Sparschäler, Salz und was weiß ich noch, während ich mein Nutella mit dem Pita-Brot dipte und letztendlich an diesem Abend das halbe Glas leerte. Es war eine echt schöne Atmosphäre dort. Es wurde sogar gesungen und Gedichte (auf holländisch) rezitiert. Leider wurde es ziemlich schnell kalt und wir waren alle viel zu dünn angezogen, da es tagsüber um die 25 Grad warm war. Also beschlossen wir irgendwann in eins der leerstehenden Häuser umzuziehen, die durch die Sonne noch ziemlich erwärmt waren. Es war eine ziemliche Tortur im Dunklen, durch das Gestrüpp zu dem erwählten Haus durch zu dringen, aber die Mühe lohnte sich. Ein paar Jungs waren schon voraus gegangen und waren dabei in dem Haus, in dessen Dach eine kleine Öffnung für den Rauch war, ein neues Feuer zu entfachen. Irgendwann saßen wir also im Kreis ums Feuer und brieten "Würschtel" am Schaschlickspieß, die ein Italiener mitgebracht hatte. Sie schmeckten "interessant"... Als Lichtquelle diente uns ein kleiner kabelloser Beamer, den eine Französin mitgebracht hatte und auf dem ein paar Filme von ihr liefen, während ein paar Tschechinnen spontan anfingen Lieder aus ihrer Heimat zu singen Es war wirklich etwas ganz besonderes und ich bin echt froh, dass ich mich aufgerafft habe, obwohl ich ja sonst eher gegen diese großen Gruppentreffen bin. Gegen Mitternacht haben Tamara, Eva, eine Französin und ich uns dann wieder auf den Weg in die Stadt gemacht. Dabei liefen wir noch über den Yehuda-Markt und ich stellte zu meiner Begeisterung fest, dass die Händler dort alles Obst und Gemüse, das sie nicht mehr verkaufen konnten, einfach auf den Tischen liegen gelassen hatten. Also schnappte ich mir einen Karton und füllte ihn schnell mit einem Haufen Zucchini und Äpfeln. Ich glaube Eva und Tamara fanden das etwas befremdlich, da sie wahrscheinlich Wert auf extrem frisches Gemüse legen, aber für mein Containerer-Herz war es, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt ein inneres Blumenpflücken!

Heute hatte ich mir vorgenommen nach Silwan zu gehen, einem südöstlich gelegenen Stadtteil, der durch das Kidrontal von der Altstadt getrennt ist und ausschließlich von Palästinensern bewohnt wird. Als ich nach einem kleinen Umweg über einen Hügel mit schönem Blick auf das Tal dort ankam und in dem kleinen Gassen- und Treppenlabyrinth eintauchte, war es ein ziemlich eigenartiges Gefühl für mich dort zu laufen. Außer mir waren fast nur Kinder auf der Straße, die mich mit großen Augen anschauten und ab und zu versuchten mit mir zu reden, was aber an ihrem schlechten Englisch leider scheiterte.



Zwischendurch tauchten auch immer mal wieder Männer oder Jugendliche auf, die mich mit einem neugierigen "Welcome!" begrüßten. Irgendwann, im Herzen des Häusergewirrs, als ich gerade dabei war ein Foto zu machen, kam ein Junge auf mich zu und fragte wo ich hin möchte. Als ich ihm erklärte, dass ich einfach nur herum lief, kam sein Vater kurz dazu und meinte das wäre "No good idea, because it can be very dangerous". Als ich ihn nach dem Grund fragte, wusste er allerdings keine Antwort. Ich lief also weiter, wenn auch mit einem etwas mulmigerem Gefühl.
Nach einer Weile kam ich an eine Mauer mit einem schönen Blick auf die gegenüberliegende Altstadtmauer und ein paar kleine Jungs gesellten sich zu mir. Einer von ihnen trug einen Korb, aus dem er mir kurz darauf ein kleines Tütchen mit etwas zu Essen anbot. Ich nahm es natürlich gerne an, worauf er die Hand ausstreckte mit dem Kommentar "One Shekel". Ich gab ihm fünf  (ca. 1 Euro), da ich kein kleineres Geld hatte und beließ es natürlich dabei. Ich weiß nicht genau was es war, aber es schmeckte köstlich. Es sah aus wie eine Mischung aus Mais und hellen Bohnen und war mit Zitronensaft und Petersilie gewürzt. Ein perfekter Snack für zwischendurch. Also ging ich weiter und setzte mich irgendwann in eine Öffnung innerhalb der Mauer, wo sich nach kurzer Zeit wieder zwei neunjährige Jungs zu mir gesellten. Erst wirkten sie ganz nett und neugierig, bis mir der eine von beiden seine Hand entgegenstreckte und in einem immer dreister werdenden Ton "Money!" von mir verlangte. So nicht! Also machte ich mich wieder los, als dieses kleine Würstchen mir doch tatsächlich im Laufen einen Klaps auf den Hintern gab. Wäre ich nicht in der Unterzahl und auf fremdem Territorium gewesen, hätte ich anders reagiert, aber in dem Moment wollte ich nur möglichst schnell das Weite suchen, nicht aber ohne ihn vorher zu verfluchen. So viel zu der Annahme, dass alle palästinensischen Kinder so süß und lieb sind...

 

 

 


Ich lief also weiter richtung Ölberg, vorbei an ein paar Gräbern im Kidrontal und setzte mich ein paar Minuten vor die "Kirche der Nationen", die übrigens auch "Todesangsbasilika" genannt wird. 



Es war so furchtbar heiß an diesem Tag, dass jeder noch so kleine Gang durch die Sonne eine Tortur war. Die Kirche war belagert von russischen Touristen, deren Reisebusse vor dem Eingang eine ganze Kolonne bildeten. Um zu dem Portal zu gelangen, musste man erst den Garten Gethsemane durchqueren, der Ort, an dem Jesus nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern zum Beten kam. Bevor ich zu dem Eingang der Kirche kam, sprach mich ein Mann an, der meinte mich gerade in Silwan gesehen zu haben. Es stellte sich heraus, dass er Palästinenser ist dort wohnt und nun seinem "Beruf" als Souvenierverkäufer vor der Kirche nachging. Nachdem er eine Weile versuchte mich zu einem Kaffee einzuladen, worauf ich überhaupt keine Lust mehr hatte, schaffte ich es schließlich mich loszureißen und in die Kirche zu gehen, wo ich die Kühle und die Stille eine Weile genoss. 


Bitte keine Pistolen oder Blumen in der Todesangstbasilika

Danach machte ich noch die obligatorischen Abstecher zum Mariengrab, einer Krypta, in der angeblich Maria, also Jesus Mutter beerdigt worden sein soll und in die "Grotte von Gethsemane", wo die Jünger nach dem letzten Abendmahl geschlafen haben sollen, während Jesus in den Garten ging um Gott zu bitten dass er doch bitte "diesen Kelche an ihm vorüber gehen solle". Alle diese Orte waren spirituell gesehen nicht gerade spektakulär für mich. Und dennoch fand ich es faszinierend zu sehen, dass diese in der Bibel erwähnten Orte auf einmal zum Leben erweckt wurden. Nicht, dass ich jetzt davon überzeugt bin, dass alles dort so statt gefunden hat wie es in der heiligen Schrift beschrieben ist, aber interessant war es schon. 
Mein letzter Sightseeing-Punkt sollte auf der Spitze des Ölbergs sein um den Blick über den jüdischen Friedhof auf die Altstadt zu genießen. Nach 2/3 des Anstiegs war ich allerdings zu kaputt um weiter zu gehen. Mein Wasser war alle und nach einem Blick auf die Touristenmassen auf dem Berg beschloss ich, dass der Blick von meinem Standpunkt aus auch schon atemberaubend genug war. Nach einer kurzen Rast zwischen den Steingräbern machte ich mich also wieder auf den Abstieg und weiter richtung Altstadt durch das Löwentor. Unterwegs genehmigte ich mir noch einen frisch gepressten Orangensaft bei einem netten Araber, der in einem, mit Müll vollgestopften, kleinen Raum saß und sich mit seinen Papageien unterhielt.


Danach war ich zwar etwas gestärkt, hätte aber trotzdem gern den Bus nach Hause genommen, was leider nicht mehr möglich war, da es schon nach 17 Uhr und somit der Sabbat angebrochen war. Also ging ich weiter zu Fuß. Ich nahm natürlich den Weg über die Straße an dem Architecture Department der Bezalel, auf der fast täglich auf einer Bank Bücher zum Verschenken ausliegen. Tatsächlich lagen noch genau zwei Bücher dort, als ich vorbei kam und als ich sie sah, musste ich erstmal spontan lachen: Ralph Giordano "Deutschland und Israel: Solidarität in der Bewährung -Bilanz und Perspektive der deutsch-israelischen Beziehungen"...

Begrüßungsschild in der Grotte von Gethsemane
Mein erster Gedanke war, dass sie aus sieht wie die Mutter aus "Life of Brian"

Dienstag, 25. März 2014

Grabeskirche und die Sache mit den Meeting Points

Am Sonntag trafen wir uns mit dem "Making of Jerusalem"- Kurs am Jaffa-Gate, also am Eingang zur Altstadt und gingen von dort aus in das christliche Viertel zur Grabeskirche, oder auch "Sepulcher church" - ein Wort bei dem ich mich IMMER verhaspel, was dann bei meinen englischsprechenden Mitstudenten für einige Lacher sorgt. Da ich schon zweimal in jener besagten Kirche war und ich Noah, der Lehrerin aufgrund des lauten Geräuschpegels von Touristen um uns herum und ihrer sehr schnellen Art zu reden, kaum verstand, habe ich mich gestern noch einmal hingesetzt und mich im Internet über die Geschichte dieses Ortes schlau gemacht. Ich wusste schon im Vorfeld, dass es eine Art Kleinkrieg zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen innerhalb der Kirche gibt, aber das es so verrückt ist, hätte ich nicht gedacht!
Also es ist so, dass die Kirche auf dem Ort gebaut wurde, an dem Jesus sowohl gekreuzigt, als auch begraben worden sein soll. Allerdings haben die Römer damals einen Tempel über jenem Ort gebaut um die Anhänger Jesus davon abzuhalten einen Reliquienkult daraus zu entwickeln. Erst 326 nach Christus gab Kaiser Konstantin den Bau der Basilika  in Auftrag. Nach einigem Hin und Her ist die Kirche heute in der Hand von insgesamt 6 verschiedenen Konfessionen, nämlich:
- Griechisch-Orthodoxen
- Römisch-Katholisch (vertreten durch den Franziskanerorden)
- Armenisch-Apostolische Kirche
- Syrisch-Orthodoxen
- Kopten
- Äthiopisch-Orthodoxen

Letztere leben in einer Gruppe von Mönchen übrigens auf dem inzwischen einsturzgefährdeten Dach der Kirche. Dieses wird allerdings auch von den Kopten beansprucht. Und dieser Streit verhindert letztendlich auch die Renovierung des Daches. Ich habe bei meinen Recherchen gelesen, dass ein Gericht sogar zwischen den beiden Parteien schlichten musste und einem äthiopischen Mönch sein recht zusprechen musste, mittags auf dem Dach zu sitzen und die Sonne zu genießen. Eben jenen habe ich bei meinem letzten Besuch sogar abgelichtet, ohne diesen Hintergrund zu kennen.



Aufgrund dieser und anderer Streitigkeiten zwischen den Konfessionen, befindet sich der Schlüssel zur Kirche auch schon seit Jahrhunderten im Besitz zweier muslimischer, und somit unparteiischer Familien, die morgens die Kirche auf- und abends wieder abschließen.
Da die verschiedenen Konfessionen um jede Nische in der Kirche als ihr Territorium kämpfen, bleiben die Geistlichen auch Nachts dort. Und jedwede bauliche Maßnahme ist natürlich aufgrund der komplizierten Besitzverhältnisse mit Komplikationen verbunden. Als das absurdeste Beispiel ist eine Leiter zu nennen, die im 19. Jahrhundert dort aufgestellt wurde und die inzwischen nutzlos geworden ist. Da nicht eindeutig geregelt ist, welche Konfession dazu befugt ist sie zu entfernen, wird sie wohl noch die nächsten hundert Jahre dort stehen und vergammeln...

Jene Leiter unter dem zweiten Fenster

Und nicht nur der Besitz innerhalb der Basilika ist genau geregelt, sondern auch die Zeit wer wann wie wo und wie lange beten darf. Ab und zu führt der Streit dann auch zu Handgreiflichkeiten, wie dieses Video zeigt



Also ich versuche ja Religion zu respektieren. Nicht zuletzt weil ich selber aus einer sehr religiösen Familie stamme. Aber hier fällt mir das, je häufiger ich in die Altstadt gehe, tatsächlich immer schwerer. Dieser Kleinkrieg zwischen den verschiedenen Konfessionen ist für mich der größte Kindergarten den ich seit langem gesehen habe. Vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass sie im Grunde alle an das gleiche glauben und nur wenig voneinander unterschieden, was ihren Glauben angeht. Einfach lächerlich. Es könnte so einfach sein, wenn jeder sich mit der Tatsache zufrieden geben würde, dass es einen Gott gibt (oder meinetwegen auch keinen) der über allem steht. Punkt. Warum dieser Streit um irgendwelche Orte an denen vor zweitausend Jahren ein Mensch angeblich irgendwelche Dinge bewirkt hat? Und selbst wenn er sie bewirkt hat. Was hat man davon einen Stein abzuknutschen auf dem vielleicht sein Leichnam gelegen hat, wenn kurz darauf seine Vertreter auf Erden aufeinander losgehen?!

- Themawechsel -
Gestern hatte ich nun endlich meinen ersten Meeting Point, nachdem ich ja vorher zweimal das Pech hatte vor verschlossenen Türen zu stehen. Mein Treffen mit dem Professor Joshua Borkovsky war echt interessant. Ich zeigte ihm ein Foto meiner aktuellen Arbeit in Stuttgart und meine hier angefangene Zeichnung und er stellte mir einige Fragen, über die ich bisher noch nie richtig nachgedacht hatte. Es war wirklich ein gutes Gespräch, nur leider waren 30 Minuten viel zu kurz, was er auch bestätigte und weswegen er auch meinte, als schon der nächste Student vor der Tür stand, dass er mich gern nochmal nächste Woche sprechen würde und zwar so, dass nach mir keine weitere Person dran kommt um ihm dann auch meine anderen Zeichnungen zu zeigen. Es war wirklich toll und überraschend so gutes Feedback zu bekommen. Zumal ich den Meeting Point mit ihm ja eigentlich nur als Notlösung ausgewählt hatte, nachdem ich den Painting-Kurs gecancelt hatte. Umso glücklicher und motivierter war ich daher nach dieser Besprechung!

Heute dann im Drawing-Kurs hat Arkadiusz, unser Lehrer, dann versucht uns die Konzeptkunst näher zu bringen indem er uns unzählige Fotos und teilweise auch Videos zeigte, was echt interessant war. Über die Pessach-Ferien will er uns dann eine kleine Aufgabe geben um unser eigenes "Konzept-Kunstwerk" zu schaffen. Klingt ziemlich bescheuert, aber bitte, ich bin sehr gespannt was dabei herauskommt. Nicht zuletzt weil es ein paar Mädchen in diesem Kurs gibt, die - auch wenn ich jetzt wieder gemein und arrogant klinge - einfach auf einem völlig anderen künstlerischen Niveau sind, als es die Kunstakademien in Deutschland oder Europa generell akzeptieren würden. In dem Sinne dass sie "hübsche" bunte Landschaftsbilder und surrealistisch anmutende, symbolbeladene Selbstportraits anfertigen, die nicht einmal gut gemalt sind. Als Arkadiusz mit seiner Einführung in die Konzeptkunst fertig war, blieb noch ein bisschen Zeit bis zum offiziellen Unterrichtsende und da er uns vorher unter anderem das Video von John Lennons "God" gezeigt hatte, meinte er wir könnten ja noch ein "Schlusslied" auf Youtube anhören. Woraufhin eins dieser "Oh my god, it's SO beautiful, I LOVE it!"-Girls dann tatsächlich vorschlug, den Soundtrack von Forest Gump anzuhören... Arkadousz überging diesen Vorschlag Gott sei Dank gekonnt und suchte schließlich selbst etwas aus.
Um 16:30 Uhr sollte ich dann meinen nächsten Meeting Point mit Tamar Getter haben, jener Professorin die beim letzten Treffen krank war, was ich nicht mitbekommen und die ich deswegen lach langem Warten angerufen hatte, was in einer ziemlich peinlichen Situation endete... Also wartete ich die 3 1/2 Stunden zwischen dem Drawing-Kurs bis zu meinem Termin - um dann von ihr zu erfahren, dass aufgrund der überzogenen Gespräche mit den Studenten vor mir, keine Zeit mehr für mich übrig blieb. Super! Aber das Treffen wird nächsten Dienstag nachgeholt und sie hat mir versichert, dann sogar 45 anstatt der vorgesehenen 30 Minuten meine Arbeiten zu besprechen. Ich bin gespannt und hoffe, dass sie sich dann nicht mehr an diese komische Deutsche erinnern kann, die sie vor ein paar Wochen am Telefon so belästigt hat...

Samstag, 22. März 2014

Ramallah


Heute nur ein kurzer Bericht.
Nachdem ich am Donnerstag spontan die ganze Nacht mit meinem werten Herrn Freund telefoniert habe und erst gegen 5:30 Uhr ins Bett gegangen bin, blieb vom Freitag dementsprechend nicht mehr viel übrig. Ich bin auf den Markt gegangen und hab sowohl auf dem Weg dorthin als auch zurück Annelies, eine holländische Austauschstudentin aus der Akademie getroffen. Diese Stadt ist wirklich klein...

Heute hatte ich mir vorgenommen nach Ramallah zu fahren, bin deswegen extra "früh" (2 Uhr) ins Bett gegangen - und hab trotzdem verschlafen. Ich weiß nicht woran es liegt (garantiert nicht an meiner Matratze) aber ich kann hier einfach viel länger schlafen, bzw. mehr Zeit im Bett verbringen als zuhause. Obwohl es hier doch eigentlich viel mehr Gründe gibt aufzustehen. Keine Ahnung. Jedenfalls wars dann doch schon wieder 12 Uhr als ich aufgewacht bin und 12:30 Uhr als ich endlich aufstand. Aber was solls. Irgendwann machte ich mich also auf Richtung Damaskus-Tor, in dessen Nähe sich der Arabische Busbahnhof befindet, und setzte mich in den Bus nach Ramallah.
Ramallah ist eine der größten Städte im palästinensischen Autonomiegebiet und liegt nur 15 km von Jerusalem entfernt. Dennoch hat es fast eine Stunde gedauert, bis wir im Zentrum der Stadt ankamen. Kaum dass ich aus dem Bus stieg und die Straße betrat, spürte ich auch schon die Blicke der Menschen um mich herum. Obwohl die Stadt zu einem sehr großen Teil von Christen bewohnt ist, sah ich vorwiegend muslimische Frauen mit Kopftüchern. So fiel ich natürlich wieder einmal auf mit meinen Haaren und meiner Knöchelfreien Hose. Und ich fühlte mich natürlich wie unter Beobachtung und ziemlich unfrei, während ich durch die sehr belebten Straßen lief. Viel hat Ramallah eigentlich nicht zu bieten. Daher beschränkte ich mich auf die Straßen rund um den Manarah-square, wo es von Geschäften jeder Art, Friseuren, Metzgereien und Märkten nur so wimmelt. Unterwegs kam ich mir manchmal wirklich vor wie im Film, wenn die Männer mich mit ihren Blicken verfolgten, teilweise sogar andere auf mich aufmerksam machten, mir nachzischten, Komplimente und immer wieder "welcome to Palestine!" zuriefen. Einerseits war es natürlich nett, andererseits aber auch extrem anstrengend. Ich hätte mich gerne einfach mal für eine Weile irgendwo hingesetzt und den Spieß umgedreht, also die Palästinenser beobachtet, oder einfach nur unsichtbar gemacht. Nur leider gab es absolut keine Gelegenheit dazu, da es weder Bänke oder Stühle, noch einladende Cafés dort gab. Die einzigen Cafés die ich sah, waren ausschließlich von Männern besucht und waren auch alles andere als gemütlich. Schade. Also ließ ich mich durch die Straßen treiben und ging zwischendurch immer wieder in kleine Supermärkte, um ein paar Dinge zu kaufen, wie Nudeln und Hummus, die in Palästina viel günstiger sind als in Israel. In einem Supermarkt fragte ich den Verkäufer, ob er wüsste wo ich gutes Olivenöl kaufen könnte. An meinem ersten Tag in Jerusalem, als ich mit Lisa durch den arabischen Basar ging, kaufte ich dort eine Flasche Olivenöl, da ich nicht wusste, ob Itai welches zuhause hatte. Als er das später sah meinte er, es sei gut, dass ich es dort gekauft hatte, da palästinensisches Olivenöl viel besser ist als das israelische, womit er übrigens recht hat. Ich hab bis dahin gar nicht gewusst wie gut Olivenöl schmecken kann! Also fragte ich wie gesagt den Verkäufer, ob er mir einen Laden empfehlen könnte, woraufhin er kurzerhand in das Regal neben sich griff und aus der hintersten Ecke eine kleine Plastikflasche, gefüllt mit, wie er sagte, von ihm selbst gemachtem Olivenöl von seinen eigenen Bäumen, hervorholte. Es roch köstlich und als ich ihn fragte was es kosten sollte, gab er es mir "as a gift". Ich liebe Geschenke!
Nachdem ich danach weiter durch die vollen Straßen des Stadtkerns lief, brauchte ich einfach mal eine Pause und bog irgendwann in eine Straße eine ruhigere Straße ein. Es war einerseits interessant, endlich einmal den Blick schweifen und die Stadt auf sich wirken lassen zu können, ohne ständig Gesichter zu sehen die einen anstarren, aber andererseits auch etwas unheimlich, da vereinzelt immer wieder kleine Gruppen von Männern an mir vorbei liefen, die keinen Hehl daraus machten, was sie über mich dachten... Was mir jedenfalls unterwegs auffiel: Die Stadt war noch zugemüllter als Jerusalem und das will was heißen. Das was wir in Deutschland über Plastikmüll wissen und dementsprechend versuchen auf Tüten usw. zu verzichten, ist hier absolut kein Thema. Ich habe das Gefühl, dass Plastikverpackung hier den Wert eines Gegenstands sogar erhöht. Unterwegs habe ich einen Stand mit Möbeln gesehen, der einen Holztisch mit passenden Stühlen, in einem Stück und komplett mit Plastikfolie zum Verkauf angeboten hat. Total absurd! Es wäre doch viel praktischer jeden Stuhl und den Tisch einzeln zu transportieren! Aber dadurch, dass sie alle zusammen verpackt sind, wird es wohl gleich aufgewertet. Und genauso ist es mit allem was man kauft. Teilweise versuchen sie einem, wenn man nicht lautstark protestiert, so wie ich, alles was man so kauft in ZWEI Plastiktüten zu tun. Frei nach dem Motto doppelt hält besser. Es wird allerhöchste Zeit, dass die Aufklärung über Plastik hier Einzug erhält. Es kotzt mich inzwischen wirklich an zu sehen wie achtlos die Menschen mit der Umwelt hier umgehen. Und ich kann es auch absolut nicht nachvollziehen, da doch jeder Idiot sehen müsste, dass es einen Ort an dem überall Müll herumliegt nicht gerade attraktiver macht...
Irgendwann reichte es mir dann und nachdem ich mir noch schnell eine kleine Portion Baklava kaufte, ging ich zurück zum Bus nach Jerusalem. Am Checkpoint dauerte es eine Weile bis wir auf die andere Seite kamen, da es einen ziemlich langen Stau gab, dadurch bedingt, dass Grenzsoldaten jedes einzelne Auto und jeden Bus auf Ausweise kontrollierten.

Aber jetzt bin ich wieder zuhaus und stelle fest, dass es auch weniger gutes Baklava gibt, obwohl es köstlich aussieht. Aber irgendwie schmeckt es so, als wäre außer Zucker kaum eine andere Zutat verwendet worden. Schade. Fazit: Ramallah ist eine Stadt in die ich so schnell kein zweites Mal muss.

Auf dem Weg nach Ramallah: Ostjerusalem und die Mauer













Und auf dem Rückweg am Checkpoint  geradewegs an der Mauer vorbei

 


Donnerstag, 20. März 2014

Mea Shearim und Mount Zion (Ölberg)

Gestern hatte ich mal wieder etching-course, was ziemlich dröge war. Wir bearbeiteten eine Zinkplatte, um diese dann zu lackieren und dann reinzuritzen, also radieren. Ich fing also an meine Vorlage, eine kleine Abbildung aus einem gefundenen Lexikon in die Platte zu ritzen, als irgendwann Maya, unsere Lehrerin zu mir kam und meinte, wir sollten uns bei unserem ersten Versuch auf "shapes" beschränken. Ich wusste erst garnicht was sie meinte, erfuhr dann aber von Keenan, einem Kalifornischen exchange student, den ich schon aus dem Hebräischkurs kenne, dass sie meinte wir sollten nur mit einer einfachen Form, einem Umriss arbeiten. Laaangweilig! Ich machte also an meinem ursprünglichen Plan weiter und redete währenddessen mit Keenan über unsere bisherigen Erlebnisse in Israel. Als er mir von seinen Ausflügen und Plänen erzählte, fühlte ich mich ziemlich schlecht, da er extrem aktiv ist und schon so viel von dem Land gesehen hat, während ich den größten Teil meiner Zeit hier mit Zeichnen verbringe. Also beschloss ich, motiviert von diesem Gespräch, in Zukunft nach meinen Kursen Ausflüge innerhalb und außerhalb der Stadt zu unternehmen.

Mein erstes Ziel war Mea Shearim, ein Stadtteil von Jerusalem, in dem ausschließlich ultra-orthodoxe Juden leben und daher berühmt berüchtigt ist für seine strenge Geschlechtertrennung. Als ich zuhause Itai von meinem Plan erzählte, meinte er ich sollte besser einen langen Rock anziehen, da ich sonst Probleme dort bekommen könnte. Glücklicherweise hatte ich mir vor ein paar Wochen zufällig auf dem Flohmarkt einen Rock gekauft, der über die Knie geht. Also konnte es los gehen. Auf dem Weg dorthin wurde ich immer nervöser. Ich hatte das Gefühl eine völlig neue Welt zu betreten und kam mir mehr denn je vor wie eine Aussätzige. Zwar verstieß ich mit meiner Kleidung ausnahmsweise mal nicht gegen die Vorschriften, aber meine Haare ließen mich natürlich eindeutig als Ausländerin erkennen. Aber es waren vor allem die Kinder, die mich mit großen Augen musterten, während die Älteren Ultras eher demonstrativ weg sahen, wenn sich unsere Wege kreuzten. Es war ein sehr, sehr eigenartiges Gefühl durch die Straßen dort zu laufen. Was mir als erstes auffiel, war der Schmutz. Es liegt nicht nur daran, dass ich es einfach von Deutschland gewohnt bin, dass die Straßen halbwegs sauber und aufgeräumt sind - hier ist es einfach dreckig! Und in Mea Shearim wurde dieser Eindruck noch gesteigert. Wie Itai mir schon vorher erzählt hatte, handelt es sich bei diesem Stadtteil um ein selbst erobertes Ghetto. Mich hat es fast schon an einen Slum erinnert. Abgesehen von dem Abfall und dem Müll der überall herumliegt, sind die Häuser am verfallen und teilweise so winzig wie für Zwerge. Dadurch, dass die ultra-orthodoxen aus Überzeugung moderne High-Tech wie Computer größtenteils ablehnen, kommunizieren und werben sie über Plakate, die an jeder Hauswand angebracht sind. Deswegen liegen auch überall am Gehweg Papierschnipsel und-Fetzen herum. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich irgendwelche Antipathien gegen Juden generell habe. Das habe ich natürlich nicht, sonst hätte ich mich wohl kaum für dieses Land entschieden. Aber bei ihnen ist das so eine Sache. Bevor ich hierher kam, war ich sehr fasziniert von dem Aussehen der Haredim, also der ultra-orthodoxen Juden. Als ich vor zwei Jahren in Antwerpen war, wo es eine der größten jüdischen Gemeinden in Europa gibt, habe ich zum ersten Mal überhaupt diese Art von Menschen gesehen und fand sie einfach interessant und spannend. Seitdem ich hier bin und viel über ihre Art zu leben gelernt und mitbekommen habe wie die meisten von ihnen so ticken, hat sich meine Meinung dazu aber gewandelt. Also hier ein paar Fakten für diejenigen die genauso wenig darüber wissen wie ich am Anfang:

- Ultra-Orthodoxe Juden nehmen die Thora wörtlich und halten sich strikt an ihre Gesetze

- Ultra-Orthodoxe haben eine klare Rollenverteilung: Der Mann geht nicht arbeiten, sondern widmet sich sein Leben lang dem Studium der Thora. Die Frau muss für den Unterhalt der Familie sorgen. Da sie im Durchschnitt um die 7 Kinder hat, reicht der Verdienst meist nicht aus, sodass sehr viele Familien von der Sozialkasse leben oder auf soziale Einrichtungen angewiesen sind.

- Frauen sind meist um einiges gebildeter als Männer, da sie länger zur Schule gehen, während die Männer sich schon sehr früh ausschließlich auf die Thorakunde beschränken

- In Israel machen die Ultras ca. 10% der Bevölkerung aus. In Jerusalem leben die meisten von ihnen. Dadurch, dass sie viel mehr Kinder bekommen als liberale Israelis wächst ihr Anteil aber stetig

- Ultra-Orthodoxe Juden sind gegen den Zionismus und lehnen den Staat Israel in seiner heutigen Form ab, da sie glauben, dass nur der Messias selbst den jüdischen Staat ausrufen darf

- Bisher waren die Ultra-Orthodoxen Juden vom Wehrdienst befreit. Dies soll sich allerdings mit einem neuen Gesetz bald ändern.

Die Demonstration vor zwei Wochen galt übrigens auch genau diesem neuen Gesetz. Sie wollten dagegen protestieren, dass ihre Söhne und Töchter, wie jeder andere Israeli zum Militär muss. Der alte Rabbi, den ich letztens getroffen und mit dem ich mich lange unterhalten habe, argumentierte dies übrigens damit, dass der Beitrag der Ultras für das Land darin bestünde, dass sie täglich für den Staat Israel beten würden...
Also vielleicht kann der eine oder andere nachvollziehen, warum sich meine anfängliche Faszination für diese Gruppierung inzwischen in eine Mischung aus Wut und gleichzeitig Belustigung verändert hat. Wut darüber, dass sie ihre Art zu leben auch auf alle anderen Bürger dieses Landes übertragen wollen. So gibt es zum Beispiel inzwischen in vielen Bussen die inoffizielle Regel, dass Frauen hinten sitzen müssen und Männer vorne. Hält sich eine Frau nicht daran, kann es vorkommen, dass sie angespukt, angeschrien oder auch geschlagen wird. Außerdem demonstrieren sie, wie ich selbst ja schon erlebt habe, wo es nur geht dagegen, dass andere Leute am Sabbat ihrer Arbeit nachgehen. Sie ziehen in Gruppen los, um vor Cafes oder Ständen auf dem Markt zu demonstrieren, die am Freitagabend oder Samstag geöffnet haben. Oder sie schreiben anderen ihre Kleiderordnung vor. Ich habe gestern eine Dokumentation von Arte zu genau diesem Thema gesehen, in der unter anderem gezeigt wurde, dass es Stadtviertel gibt, in denen die Ultras allmählich die Macht übernehmen und Werbung, auf denen Frauen abgebildet sind, von den Wänden und Bushaltestellen reißen und stattdessen ihre Plakate mit Geboten und Regeln aufhängen. Wer dieses Verhalten kritisiert, wird von ihnen als Nazi oder als Linker bezeichnet, was in ihren Augen genau so schlimm ist.
Andererseits bin ich manchmal amüsiert wenn ich sie auf der Straße sehe. Die Frauen tragen fast alle die gleiche Art von Perücke. Da nur der Ehemann das echte Haar sehen darf, bedecken alle verheirateten Frauen ihren Kopf mit einem Hut oder eben einer Perücke. Bei der Auswahl sind die meisten wohl nicht sehr wählerisch und entscheiden sich daher fast alle für einen klassischen Topfschnitt. Die Männer wirken mit ihren großen Hüten, den Schläfenlocken und den schwarzen Kaftans wie aus einer anderen Welt. Umso absurder ist es dann, wenn man sie, was nicht selten vorkommt, mit einem Handy, oder sogar Headset durch die Straßen laufen sieht. So lange es sich dabei um ein koscheres Handy handelt, also ohne Internetanschluss, ist das nämlich legitim. Und auch wenn es regnet, verzichten sie nicht auf ihren Hut. So sieht man viele Menschen bei schlechtem Wetter mit einer bunten Plastiktüte auf dem Hut durch die Straßen laufen. Am Freitagnachmittag ist der Markt übersät von Ultras, die die letzten Besorgungen für das Sabbatmahl einkaufen und dabei ihre Kinderwägen zu Einkaufswagen umfunktionieren.
Mea Shearim wirkte durch das alles wie aus der Zeit gefallen. Eine völlig andere Welt. Aber trotz allem faszinierend. Was mich allerdings extrem aufgeregt hat, natürlich neben der Tatsache, dass sich kein mensch um den Müll schert, war, dass überall auf der Straße Brot herumlag. Und zwar gutes Brot! Ich würde wirklich gern wissen warum...

 


 





Heute fing der Tag ziemlich gut an. Ich hatte einen Friseurtermin. Auch wenn die meisten es wahrscheinlich nicht nachvollziehen können, aber ich hatte in den letzten Wochen eine wahnsinns Angst um meine Haare. Ausgelöst wahrscheinlich durch ein Mädchen, dass mich auf dem Flohmarkt ansprach und mich fragte, wie ich meine Haarfarbe so schön hin bekäme. Ich sagte ihr natürlich, dass mein Friseur dafür verantwortlich sei, woraufhin sie meinte, dass sie ebenfalls dieses Farbe wollte, und dass sie jedes Mal nach dem Friseurbesuch enttäuscht wäre, weil der Friseur es nicht hin bekäme. Offengestanden sah ihre Haarfarbe wirklich eher gelb als blond aus und seitdem hatte ich einen Horror vor den israelischen Friseuren. Aber schließlich muss ich nach spätestens zwei Monaten den Ansatz nachfärben lassen, da ich ansonsten mit einem immer größer werdenden dunkelblonden Balken durch die Gegend laufe. Umso erleichterter war ich, als ich mich in dem Spiegel an der Decke (!!!) über dem Waschbecken (es war ein recht edler Friseur den ich gefunden hatte...) erblickte und feststellte, dass mein Ansatz ebenso schön weißblond geworden war wie es mein geliebter Gonzalo in Stuttgart nicht hätte besser machen können. Was vielleicht an seiner detaillierten Beschreibung des Färbevorgangs lag, die er mir aufgeschrieben und die ich natürlich weitergegeben hatte, gelegen haben könnte. Bitte verzeiht, dass ich mich so lange mit diesem Thema aufhalte, aber bei meinen Haaren kenne ich wirklich keinen Spaß! Und nun ist diese Ungewissheit, ob ich bald als Gelbschopf durch die Welt laufen muss endlich dahin.

Nach diesem Erfolgserlebnis ging ich kurz nach Hause um etwas zu essen und machte mich dann bald wieder auf, immer noch motiviert durch die Berichte von Keenan, richtung Osten. Ich wollte eigentlich auf den christlichen Friedhof, auf dem unter anderem das Grab von Oskar Schindler liegt. Auf der Karte sah es auch recht nah aus. Allerdings stellte sich bald heraus, dass die Karte die Höhenunterschiede natürlich nicht berücksichtigt und so wurde es ein ziemlich langer Marsch, bis ich mich auf dem Mount Zion wieder fand. Dort lief ich erst durch einen kleinen Park und stand dann plötzlich vor einer Kirche von deren Bedeutung ich erstmal keine Ahnung hatte, bis ich zufällig las, dass es sich um das Grab König Davids handelte. Das erklärte natürlich auch die Scharen von Touristen, denen ich schnell versuchte aus dem Weg zu gehen. Ich lief also einen kleinen Gang entlang und pausierte kurz an einer Mauer, als mich auch schon wieder jemand von hinten ansprach. Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich kann mich kaum irgendwohin setzen oder -stellen, ohne bald von einem Mann, gleich welchen Alters angequatscht und ausgefragt zu werden. In diesem Fall erklärte mir ein ca. 60-jähriger Herr, ohne dass ich vorher danach gefragt hatte, wo genau sich das Grab Davids befand, wo der Saal des letzten Abendmahls, die Domitiokirche usw. Ich sagte ihm, dass ich gar nicht die Absicht hatte mir das alles anzuschauen, aber nach einer Weile überwog doch die Neugier und ich ließ mich von ihm herumführen. In einer lustigen Mischung aus Englisch und Deutsch erklärte er, der ironischerweise auch noch David heißt, die wichtigsten Infos über den historischen Ort an dem ich mich befand.
Da möchte man eigentlich nur zu einem kleinen Friedhof und schon läuft man in eine der Haupttouristenattraktionen. Und ich erfuhr ganz nebenbei von ihm, dass der christliche Friedhof nur bis 14 Uhr geöffnet hatte. Natürlich wollte er mich überreden, mich nochmal mit ihm zu treffen, damit er mir noch andere Orte zeigen konnte. Aber allmählich bin ich ziemlich genervt von diesen Angeboten. Ich bin nach wie vor am liebsten allein unterwegs. Wie man sieht bekomme ich früher oder später sowieso einen Führer und Begleiter, ob ich will oder nicht...

"Shall I take ein photo from you?" Wenns denn sein muss. Also: ich, frisch erblondet, vor der Dormitiokirche. Übrigens ist dieses Linksautonomenoutfit inzwischen zu meinen Favoriten hier geworden - und trotzdem starren und quatschen mich alle an!
... während sich die niemals endenden Touristengruppen vor ihrem Eingang drängen

Nachdem ich ihn endlich los geworden war, setzte ich mich kurz vor die Dormitio-Kirche (anfang des 20. Jahrhunderts erbaut von Kaiser Wilhelm, blablabla...) um auf meiner Karte zu schauen wo genau ich bin, und vor allem wie ich es geschafft hatte hier zu landen - als mich schon wieder einer ansprach, diesmal der Verkäufer eines kleinen Standes mit Nüssen ein paar Meter neben mir. Nach dem üblichen Gequatschte ("where are you from, what are you doing here, how long will you stay, where do you live, oh! that's a nice place...") und der Einladung zu einem weiteren Treffen wurde es mir bald zu blöd, bzw. langweilte es mich nur noch. Immerhin weiß ich nun aber wie diese seltsame grüne, pelzige Frucht schmeckt, die ich schon oft auf dem Markt gesehen hatte und von der ich mich immer gefragt hatte wie sie heißt. Die Lösung: Almonds - Mandeln! Allerdings noch nicht ganz reif. Sie schmeckt einfach nur sauer, aber scheinbar ist sie hier sehr beliebt. Und am Schluss bekam ich dann sogar noch eine ganze Packung gebrannte Cashews geschenkt!

Daraufhin zog ich weiter, wie ich es am liebsten habe: völlig planlos, einfach dorthin wohin es mich treibt. Dabei lief ich an der äußeren Stadtmauer, am jüdischen Friedhof vorbei und schließlich weiter durch das Löwentor zurück in die Altstadt.

Da für alle drei Weltreligionen König David scheinbar eine große Rolle gespielt hat, baute natürlich auch jede ihr eigenes Gotteshaus an seinem Grab: Links Moschee, mitte Kirche, rechts Synagoge

Irgendwo dort vor den Touris soll sich das letzte Abendmahl abgespielt haben

Auch auf einem muslimischen Friedhof macht der Müll nicht halt

Ein etwas anderes "Kreuz" auf dem Dach über dem Abendmahlssaal

      
Direkt neben Davids Grab eine Erinnerungsstätte für Opfer des Holocaust


Ich weiß nicht warum, aber mitten auf diesem Platz vor Davids Grab stand dieser Ultra-Orthodoxe auf dem Stein mit seiner Thora in der Hand und seinem Handy am Ohr

Der jüdische Friedhof
Und etwas kitschiges zum Schluss: Reisebus vor Sonnenuntergang