Freitag, 20. Juni 2014

Nur noch 9 Tage...


Die letzten Tage in Israel. Von allen Seiten höre ich ständig den Spruch "Genieß die dir verbleibende Zeit hier!" Was mich zu der Frage führt: Wie genießt man eigentlich richtig? Gar nicht so einfach zu beantworten, zumindest in meinem Fall. Ich habe zum Beispiel die paar Tage am See Genezareth als sehr spannend und abwechslungsreich empfunden und es war wunderschön von der Landschaft und endlich wieder am Wasser zu sein - und trotzdem war ich wahnsinnig froh und erleichtert, als ich wieder zuhause in Jerusalem war, in meinem süßen, kleinen Zimmer, an meinem Schreibtisch, mit all meinen geliebten Habseligkeiten um mich herum, in der ruhigen, schönen Nachbarschaft mit den vielen vertrauten Cafés und den Menschen denen ich hier immer wieder zufällig auf der Straße begegne. Ich bin vielleicht wirklich ein typischer Couchpotato. Der Satz "Zuhause ist es doch am schönsten" trifft es bei mir einfach. Und deswegen bin ich auch jetzt, wo mir nur noch 9 Tage verbleiben um die "Zeit zu genießen", immer wieder erleichtert und froh, nach einem Spaziergang durch die Stadt, wieder nach Hause zu kommen.

Aber trotzdem versuche ich natürlich inzwischen ganz bewusst jeden Tag etwas zu unternehmen und Dinge von meiner noch-to-do-Liste abzuhaken. So bin ich vor ein paar Tagen mit der Straßenbahn nach Shoafat gefahren, einem Stadtteil in Ostjerusalem, der an drei Seiten von der Mauer umgeben ist und in dem, laut mehreren Dokumentationen die ich gesehen habe, vorwiegend palästinensische Flüchtlinge leben. Als ich Itai von meinem Plan erzählt hatte dorthin zu fahren, meinte er es gäbe dort kaum etwas zu sehen, da inzwischen auch viele Siedler dort wohnen und es wie eine normale Wohngegend wirkt. Nichtsdestotrotz fuhr ich dorthin - und stellte fest, dass Itai recht hatte. Es war ziemlich unspektakulär, weswegen ich relativ schnell wieder zurück fuhr und am Damaskustor ausstieg um in die Altstadt zu gehen. Ich wollte ein paar Souvenirs für zuhause kaufen. Also schlenderte ich durch die labyrinthischen Gassen der Altstadt und stellte fest, dass ich die Atmosphäre und die Menschen dort auf einmal völlig anders wahr nahm als noch bis vor ein paar Wochen. Was wahrscheinlich daran lag, dass ich schon etwas wehmütig war und ständig den Gedanken im Hinterkopf hatte, dass dies das letzte Mal sein könnte. Gingen mir die ständigen Sprüche und Aufdringlichkeiten der arabischen Händler bisher meistens auf die Nerven, so empfand ich es diesmal als amüsant, nett und interessant. Ich unterhielt mich über eine Stunde mit zwei arabischen Brüdern in ihrem christlichen Souvenir-Shop auf der Via Dolorosa über den Sinn des Lebens, Spiritualität und die arabische Mentalität. Irgendwie nahm ich die Händler an diesem Tag viel mehr als Menschen wahr als bisher. Das mag bescheuert klingen, aber es ist einfach so, dass man nach dem zweiten Besuch in der Altstadt einfach nur noch genervt ist von der Aufdringlichkeit dieser Leute und sie daher mit völliger Ignoranz bestraft. Und ich glaube sie waren erst überrascht aber dann doch ziemlich erfreut, dass eine vermeintliche Touristin sich auch mal etwas länger mit ihnen abgibt, ohne dass es dabei um ein Verkaufsgespräch handelt.

Am nächsten Tag versuchte ich meinen Plan, endlich zum Tempelberg zu kommen, zum zweiten mal in die Tat umzusetzen. Da der Tempelberg für nicht-Moslems nur bis 13:30 Uhr zugänglich ist und ich durch mein nächtliches Arbeiten ja immer erst gegen 12 oder 13 Uhr aufstehe, habe ich diesen Besuch bisher immer vor mir hergeschoben. Aber dann vor einer Woche hatte ich den tollen Plan gefasst, bis um 7 Uhr durchzuarbeiten und dann direkt in die Altstadt aufzubrechen. Das mit dem Arbeiten hat auch funktioniert. Nur dummerweise spielte mein Rücken bei diesem Plan nicht so mit wie ich wollte. Als ich mich bückte um meine Schuhe zuzubinden, gab es auf einmal einen Knacks und der bereits vertraute Schmerz im Steißbein stellte sich ein. Nach ein paar Schritten auf der Straße wurde mir klar, dass ich diesen Plan vergessen konnte und zusehen musste, wie ich am nächsten Tag zu Schmerzmitteln und Wärmflasche kam. Da ich bereits vor etwa einem dreivierteljahr dieses Problem hatte, wusste ich, dass dies das einzige ist, was wirklich hilft.
Am nächsten Tag hieß meine Rettung Tamara, die im Gegensatz zu mir bestens ausgestattet war mit erste-Hilfe-Zeugs und so konnte ich nach ein paar Stunden auch schon wieder halbwegs schmerzfrei sitzen.
Aber am Mittwoch habe ich es dann endlich geschafft den Tempelberg zu besuchen. Der einzige Eingang für nicht-Muslime führt über eine improvisierte Holzbrücke, die über die Klagemauer verläuft. Es ist ein sehr eigenartiges Gefühl dadurch zu laufen. Als wäre es etwas sehr exklusives. Und am Ende wird man durch hunderte von aufgereihten Polizei-Schutzschildern begrüßt, falls die Lage mal wieder eskalieren sollte - sehr beruhigend.


Der Tempelberg ist eine riesige Fläche , auf der unter anderem der berühmte Felsendom mit der goldenen Kuppel steht. Zunächst stand dort der erste Tempel Salomons, dann der zweite Tempel, der später von den Römern zerstört wurde, und von dem heute nur noch die Klagemauer vorhanden ist, dem höchsten Heiligtum der Juden. 691 n. Chr. machte der Bau des Felsendoms das Areal zum islamischen Heiligtum und ist heute die drittheiligste Stätte des Islam. Neben dem Felsendom ist die El-Aqsa-Moschee, ein paar Meter weiter, die wichtigste Stätte für Moslems in Jerusalem


Ich weiß nicht wie es sonst ist, aber an diesem Tag war es extrem ruhig auf dem Tempelberg. Es waren nicht sehr viele Touristen dort, vornehmlich gläubige Moslems die dort beteten - und ein paar Jungs die neben dem Felsendom Fußball spielten. Die Atmosphäre dort war sehr warm und friedlich. Überhaupt nicht steif und streng wie ich es in den meisten Kirchen empfinde. Es war schön einfach dort herumzulaufen, die Menschen zu beobachten und die Stille nach dem Treiben auf dem Basar zu genießen.



Ständig präsent: Israelische Polizisten in Einsatzbereitschaft




El-Aqsa-Moschee

Nach meinem Besuch auf dem Tempelberg fuhr ich hoch an die Akademie. Ich hatte ein Treffen mit Yossi vereinbart, einem fashion-design-Studenten, dem ich Model stehen sollte bei seiner Abschlusspräsentation. Ich hatte bereits am vergangenen Montag für zwei andere Studentinnen Model gestanden (Fotos folgen). Eigentlich hasse ich es, wenn mich fremde Leute anstarren und an mir herumzupfen, aber irgendwie habe ich es in dieser Situation als gar nicht schlimm empfunden, was wahrscheinlich auch an den traumhaften Kleidern lag, die ich tragen durfte. Jedenfalls stellte sich heraus, dass Yossi ein Paar Plateauschuhe für mich gekauft hatte, von denen ich niemals für möglich gehalten hätte, dass ich ICH mit meinen Entenfüßen in ihnen laufen könnte. Aber nach ein paar Metern an Yossis Hand fühlte ich mich tatsächlich in der Lage in ihnen halbwegs normal das kurze Stück zwischen Ankleideraum und Präsentationsraum zu laufen.


An diesem Tag ging es erst um eine Vorbesprechung mit seiner Professorin. Die eigentliche Präsentation erfolgt am kommenden Montag. Nachher kommt Yossi nochmal zu mir um eine letzte Anprobe zu machen.
Später fuhr ich zurück in die Stadt, machte noch eine kleine Besorgung auf dem Markt und schlenderte dann zurück durch Nahalaot, einem Stadtteil hinter dem Markt, der geprägt ist durch seine kleinen Häuser und Gassen mit vielen Bäumen und Blumen. Dieser Ort galt früher als sehr arme Gegend, in denen zum Teil sehr große Flüchtlingsfamilien aus Europa untergebracht wurden. Heute ist er mitten im Zentrum und sehr beliebt bei Studenten und auch viele ultra-orthodoxe Familien leben hier. Unterwegs wurde ich von einem alten Mann angesprochen, Shabi, der mit seiner nagelneuen Canon Spiegelreflex herumhantierte und mich fragte, ob er ein paar Fotos von mir machen dürfte. Erst war ich skeptisch, aber nachdem er mir erklärte, dass er vor kurzem in Rente gegangen ist, nun ein neues Hobbie, Fotografieren, ausprobieren wollte, und für seinen Foto-Kurs ein paar Portraitaufnahmen von mir machen wollte, willigte ich ein. Natürlich waren die meisten Fotos, die er mir am nächsten Tag mailte, wie immer furchtbar, da ich einfach alles andere als fotogen bin, aber das allerletzte Foto gefiel dann tatsächlich sogar mir



Nachdem ich in dieser Nacht wieder sehr lange gezeichnet hatte, stand ich am nächsten morgen zu spät auf, um meinen Plan ins Museum zu gehen in die Tat umzusetzen. Stattdessen verbrachte ich diesen Tag vorwiegend mit Shoppen in Second-Hand-Läden und dem wöchentlichen Flohmarkt. Dort traf ich auch zufällig Eva und ihren derzeitigen Besuch aus Japan. Die beiden Luden mich für später zum Essen auf Evas Dachterrasse ein, was ich mir natürlich nicht entgehen ließ. Nach den köstlichen (vegetarischen) Spaghetti Carbonara gingen wir drei in die nahe gelegene "First Station", der ersten Bahnstation von Jerusalem, die seit Jahren schon außer Betrieb ist und die inzwischen zu Geschäften und Restaurants umgebaut wurde. Wir hatten vorgehabt uns dort das Spiel Japan - Griechenland anzuschauen, mussten allerdings feststellen, dass es dort nirgendwo übertragen wurde und  stattdessen ein künstlicher Strand mit Ballermann-Musik und wahnsinnig aufgetakelten Leuten auf uns wartete. Wir verzogen uns dann auf ein Baumhaus, das eine Gruppe von Künstlern, die dort ihr eigenes kleines Reich inklusive Bahnwaggon, hingebaut hatten. Es war wie eine Oase inmitten dieses ganzen Komerz'. Dort saßen wir also eine Weile und lästerten über die Party-Leute unter uns ab. Irgendwann war ich so müde, dass ich beschloss nach hause zu gehen. Eva und ihr Freund begleiteten mich noch. Als wir auf der Aza-Street ankamen, der Hauptstraße unweit von meiner Wohnung, standen wir irgendwann vor dem "Traditional Jewish Restaurant", in das Eva und ich schon immer einmal hingehen wollten. Bisher dachten wir allerdings, dass es vorwiegend für religiöse Juden war und unsere Anwesenheit dort vielleicht nicht erwünscht wäre. Aber irgendwann kam der Chef des Restaurants raus und fragte uns woher wir kommen und ob wir nicht reinkommen wollten. Also gingen wir hinein und er lud uns ein, ein paar Dinge aus seiner Küche zu probieren. So servierte er uns typische osteuropäische, jüdische Küche, einen Eintopf mit Bohnen, Fleisch und Klößen aus Mehl und Karotten und etwas, das aussah wie braune Würmer und "Jerusalemer Kugeln" heißt, das aber tatsächlich nach süßen Nudeln schmeckte. Echt interessant. Wir unterhielten uns noch eine Weile mit ihm, er stellte uns den anderen, ausschließlich ultra-orthodoxen Gästen vor, die ein wenig auf Jiddisch mit uns plauderten (die meisten konnten kein englisch) und lud uns ein, am Freitag noch einmal zu kommen, da er an diesem Tag immer ein riesiges Buffet für den Sabbat vorbereitete. Heute haben wir leider zu lange geschlafen, um hin zu gehen. Ich hoffe nächste Woche klappt es dann. Für mich die letzte Chance...

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