Nach dem ersten Portrait von Keenan, einem Freund aus San Francisco, und einer kleinen, missglückten Studie von Annelies (den Hut habe ich dazu gedichtet), hatte ich allerdings schon genug, und verbrachte den Rest der Stunde vorwiegend damit, aus der knallenden Sonne zu flüchten um nicht verbrannt zu werden - leider ohne Erfolg, wie mein roter Nacken bezeugen kann. Irgendwann fing ich an, die Klasse beim Zeichnen zu fotografieren, was Arkadiusz dann zu einem Gruppenfoto motivierte
Am Ende des Kurses wusste keiner so richtig wie man nun auseinander gehen sollte. Wir saßen also in unserem Stuhlkreis, bis "die Amis" sich irgendwann ein Herz fassten und sich in aller Form bei Arkadiusz für den "awesome" Kurs bedankten und ihm am Ende noch die Hand schüttelten. Annelies, Adele aus Frankreich und ich sahen uns nur an und verließen schnell den Raum um diesem peinlichen Getue zu entgehen...
Eigentlich hätte ich am Nachmittag noch einen letzten Meeting Point bei Tamar Getter gehabt, der Professorin, die mich bei unserem letzten Treffen so niedergemacht hatte. Allerdings bekam ich am Montag eine SMS mit der Nachricht, dass der Termin wegen Krankheit ausfällt. Nachdem ich zuerst etwas enttäuscht war, schließlich hatte ich mir, auf Empfehlung von Drora Domini, einer anderen Professorin hier, vorgenommen ihr dieses Mal Paroli zu bieten, sah ich es dann doch als Zeichen an und war recht froh, dass das Treffen ausfiel. Wahrscheinlich hätte es mich nur wieder niedergeschlagen und verunsichert.
Also fuhr ich nach hause und packte meine Reisetasche für die kommenden Tage. Lisa und ich hatten uns nämlich auf dem Flug nach Israel vorgenommen, den Tip meines Friseurs in Stuttgart in die Tat umzusetzen und am See Genezareth reiten zu gehen. Wir hatten uns für einen Halbtagesritt bei einem Reiterhof angemeldet und ein Hotelzimmer in Tiberias gebucht. Ich fuhr also am Dienstagabend nach tel Aviv zu Lisa, wo wir uns die Ausstellung der Masterstudiengänge der Bezalel anschauten. Es stellte sich heraus, dass mein Drawing-teacher Arkadiusz selber noch Student war und dort seine Abschlussarbeit präsentierte, was schon viel über die Bezalel-Akademie aussagt...
Am nächsten Tag fuhren wir beide mit dem Bus weiter 3 1/2 Stunden nach Tiberias, der größten Stadt am See Genezareth. Laut meinem Reiseführer eignete sich die Stadt am besten um das Gebiet rundherum zu erkunden. Als wir dort ankamen, unser schäbiges Hotelzimmer bezogen und uns auf die Suche nach dem Strand begaben, stellten wir allerdings schnell fest, dass Tiberias eine wahnsinnig hässliche, nur von Touristen und ultra-orthodoxen Juden beherrschte Stadt war.
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| "Hotel mit Meerblick" |
Nachdem wir etwa eine halbe Stunde lang am See entlangliefen und feststellten, dass alle Strände schon geschlossen hatten, fanden wir irgendwann eine öffentliche Stelle, an der man baden konnte. Es war zwar kein Strand aber wir waren so verschwitzt, das wir nicht lange fackelten und uns ins Wasser stürzten. Der See ist wirklich wundervoll zum baden!
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Einer der vielen, nicht öffentlichen Badestrände (durch Zaun fotografiert)![]() |
Am Abend machten wir einen Spaziergang durch die Stadt, in der Hoffnung auch ein paar schöne Ecken zu finden. Was sich leider als aussichtslos erwies. Die Stadt bestand tatsächlich nur aus Ramschläden, Fast-Food-Restaurants mit wahnsinnig lauter Disco-Musik, billigen Hotels und den passenden, fetten Touristen dazu. Wir waren irgendwann einfach nur noch frustriert und beschlossen kurzerhand in eine Shopping-Mall zu gehen und den Abend bei H&M zu verbringen. So kamen wir schließlich wenigstens zu ein paar neuen Klamotten und gingen nach etwa 1 1/2 Stunden nicht mehr ganz so unglücklich, zurück in Richtung unseres Hotels. Zum Abendessen setzten wir uns an die Straße und gönnten uns einen Shawarma (Döner). Die Stadt war so eine bittere Enttäuschung, dass man es eigentlich nur noch mit Humor sehen konnte.
Am nächsten Tag aber brachen wir auf zu unserem Horse-riding-Trip. Auf Anraten unseres Hoteliers, wollten wir uns für diesen Tag ein Auto mieten, um unabhängiger von Ort zu Ort zu kommen. Bei der Vermietung stellte sich allerdings heraus, dass kein Auto mehr frei war. Wir hätten es am Abend zuvor vorbestellen müssen. Strange! Also liefen wir zur Central Station, um den Bus zu nehmen - der natürlich nicht fuhr. Da wir einen Termin um 10 Uhr hatten und die Zeit dahin raste, wurden wir etwas nervös und fragten schließlich einen Taxifahrer, was denn die Fahrt zu der Farm kosten würde: 150 Shekel - etwa 30 Euro! Ist klar. Wir wünschten diesen Fahrer zum Teufel und versuchten es schließlich an der Straße. Tatsächlich fanden wir dann auch einen Taxifahrer, der uns für 90 Shekel zu der Farm fuhr.
Der Ritt war der Wahnsinn. Die 100 Euro für den Tag hatten sich auf jeden Fall gelohnt. Wir ritten im Western-Stil auf unseren Pferden Pellek und Nadia über die Hügel nach unten zum See, durchquerten Feigen-, Bananen- und Mangoplantagen, schwammen mit den Pferden im See und während Ben, unser Guide Kaffee und Tee für uns kochte, badeten Lisa und ich in unseren Schuhen und Klamotten im See. Übrigens habe ich eine Theorie wie Jesus es geschafft hatte über das Wasser des Sees zu laufen: Zwischendurch gibt es immer wieder Felsen und große Steine unter Wasser, auf denen man problemlos stehen und bestimmt auch laufen und dabei eine große Show abziehen kann!
Nach einem kurzen Snack mit Pita-Sandwich, Datteln und etwas zu Trinken, machten wir uns auf einer anderen Strecke wieder auf den Rückweg. Ben lud uns ein, am Abend nochmal auf die Farm zu kommen, wo ein Barbeque stattfinden sollte, was wir natürlich gerne zusagten.
Diesmal versuchten wir unser Glück als Tramper, um wieder nach Tiberias zu kommen. Nach ein paar Minuten war allerdings das einzige Auto das anhielt ein Taxi und der Fahrer nahm uns tatsächlich, nachdem wir ihn ein wenig bearbeitet hatten, für 12 Shekel pro Person mit in die Stadt!
Danach gingen wir zurück ins Hotel, zogen uns um und gingen, mit unseren Badesachen bepackt zu der nahegelegenen Hauptstraße. Diesmal wollten wir an die gegenüberliegende Seite des Flusses nach Ein Gev, wo einer der schönsten Badestrände sein sollte. Nach ein paar Minuten hielt auch tatsächlich ein Auto an und zu unserer Überraschung war es ein ultra-orthodoxer Jude, der uns bis zur Hälfte unseres Weges mitnahm, Von dort aus dauerte es nicht lange, bis wir wieder jemanden fanden, der uns bis zu jenem Strand mitnahm. Dort angekommen stellten wir zwar fest, dass es sich nicht um einen Sandstrand, sondern um einen Kieselsteinstrand handelte, aber es war auf jeden Fall um einiges schöner dort als an der Stelle wo wir am Tag zuvor gebadet hatten. An diesem Tag war es ziemlich windig und durch die Wellen erinnerte der See schon fast ans Meer. Es war herrlich!
Nach ein paar Stunden Aufentahlt am Strand und ein paar Minuten mit ausgestrecktem Finger an der Schnellstraße, fuhren wir wieder Richtung Tiberias, diesmal über die Nordseite des Sees. So hatten wir an diesem Tag einmal, für umsonst, den ganzen See umfahren. Itai hatte tatsächlich Recht als er meinte, es sei sehr einfach dort per Anhalter von A nach B zu kommen.
An diesem Abend versuchten wir also wieder auf die Horse Farm zu kommen. Nachdem allerdings diesmal kein Taxifahrer bereit war uns für unter 100 Shekel dorthin zu fahren, kein Bus mehr fuhr und unsere Hitchhiking-Versuche auch nicht fruchteten, es war ja schließlich auch schon gegen 9 Uhr, beschlossen wir nach ca. einer Stunde aufzugeben, deckten uns mit Falafel und Pizza ein, gingen in unser Hotelzimmer und schauten uns den einzigen deutschen Fernsehsender an: RTL. Ich habe schon so lange kein Trash-TV mehr geguckt, dass ich einigermaßen schockiert war und nach einer Weile wirklich Kopfschmerzen von diesem produzierten Müll bekam...
Am nächsten Tag checkten wir aus, kauften uns im Supermarkt ein paar Sachen zum Frühstück und machten uns noch einmal auf den Weg nach Ein Gev um dort ein letztes Mal schwimmen zu gehen. Natürlich wieder per Anhalter. Nach einem ziemlich üblen Einstieg mit einem israelischen Fahrer der uns, nachdem wir ihm mitteilten, dass wir Deutsche sind, mit ausgestreckter Hand und "Heil Hitler" begrüßte, und zwei Autos später, kamen wir schließlich im Kibbutz Ein Gev an, von wo aus es nur noch ein paar Gehminuten zum Strand waren. An diesem Tag war der See spiegelglatt und traumhaft zum schwimmen. Lisa, die sich am Tag zuvor bei dem Ritt ziemlich übel das Dekolleté verbrannt hatte, verbrachte die meiste Zeit damit als Ausgleich ihren Bauch zu bräunen, während ich in dem pipiwarmen See meine Bahnen zog.
Auf dem Rückweg bekamen wir dann noch eine unangenehme Seite des Trampens zu spüren. Einer der Fahrer, die anhielten erklärte Lisa, er würde uns mitnehmen, gegen eine gewisse Gegenleistung. Wie ekelhaft manche Menschen doch sind... Irgendwann landeten wir dann aber zum Glück in einem Auto mit zwei Straßenmusikern, die für uns extra ihre Rückbank frei räumten. Die Fahrten an diesem Tag waren geprägt von Gesprächen über die am Tag zuvor gestartete Fußball-WM. Die Israelis sind verrückt nach Fußball und vor allem nach der Bundesliga, da ihre eigenen Vereine scheinbar eher mittelmäßigen Fußball abliefern. Die beiden Jungs setzten uns also vor unserem Hotel ab, von wo wir schnell unser Gepäck holten und danach wieder zur Central Station liefen um mit dem Bus nach Jerusalem, bzw. Tel Aviv zu fahren. Alles in allem war es doch ein schöner Ausflug, auch wenn nicht alles so rosig war.
Jetzt sind es noch genau zwei Wochen bis ich das Land verlasse und mich auf den Rückflug nach Deutschland begebe. Ich fühle mich allerdings gerade so wohl hier, dass es mir äußerst schwer fällt, mich auf mein altes Leben in Stuttgart zu freuen. Ab nächsten Dienstag habe ich keinen Unterricht mehr und ich fühle mich inzwischen einfach total heimisch und richtig aufgehoben hier. Alles ist vertraut, ich kenne mich aus und weiß jetzt wie es hier zu geht. Am liebsten würde ich noch zwei Monate an meinen Aufenthalt dranhängen um dieses Gefühl vollkommen auszukosten und noch ein wenig das Land zu bereisen. Aber auf der anderen Seite wartet zuhause in Stuttgart eine Zeichnung auf mich die vollendet werden sollte und außerdem freue ich mich auf die Sommerausstellung der Akademie Mitte Juli. Ganz abgesehen davon, dass ich mich natürlich darauf freue die Familie und Johannes wieder zu sehen. Aber auf jeden Fall ist es schade, dass ich erst jetzt, in den letzten Wochen Israel und besonders Jerusalem ins Herz geschlossen habe. Zwischendurch gab es ja immer mal wieder Phasen in denen ich überhaupt keine Lust mehr auf die Stadt und die Menschen hier hatte. Es wird eine wahnsinns Umstellung sein, wieder nach Stuttgart zu kommen. Ich hoffe ich kriege es einigermaßen hin, ohne in ein tiefes Loch, oder die sogenannte "Erasmus-Depression" zu fallen...


















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