Der Tag heute war einfach wundervoll! Ich weiß jetzt wie ich die letzten Tage in Jerusalem am besten genieße. Es hängt ganz stark von den Menschen ab, mit denen ich mich hier unterhalte und denen ich immer wieder, teils zufällig, teils beabsichtigt, begegne. Für die meisten wahrscheinlich keine wirklich neue Erkenntnis, für mich aber, die sich gerne in ihrem Zimmer oder Atelier verkriecht und am liebsten die Zeit alleine verbringt, tatsächlich eine Überraschung. Aber ich fange wohl am besten mal von vorne an.
Die Woche fing schon ziemlich turbulent an. Am Samstag ging ich vormittags noch einmal ins Israel Museum. Dort gab es eine neue Ausstellung von James Turrell, einem Lichtkünstler aus den USA, der dort einige Räume bespielt hat
Diesmal schaute ich mir auch den Skulpturengarten etwas genauer an. Was sich auch gelohnt hat!
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| Der "Schrein des Buches" Dort drin befindet sich die Thora, die vor ein paar Jahren in der Qumran-Wüste gefunden wurde |
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| Ein Modell des alten Jerusalems zur Zeit des zweiten Tempels |
Später am Abend traf ich mich mit Tamara, Eva und Evas japanischem Besuch Mitsu in der Bar, in der ich mir letzte Woche schon allein das Spiel Deutschland -Portugal angeschaut hatte. Der Barkeeper war so nett und hat mir während des Spiels ein paar Schnäpse ausgegeben und sich zu mir gesellt. Er war zwar gegen Ende des Spiels auf einmal für Portugal, mit der Begründung dass es ja sonst ein unfaires Spiel wäre (???), aber nichtsdestotrotz setzten wir vier uns dort vor die Leinwand und fieberten mit unseren Jungs. Das dieses Spiel ziemlich nervenaufreibend war brauche ich wohl nicht nochmal zu erwähnen. Aber der Abend nahm dann noch eine andere eher unerwartete Wende. Irgendwann setzte sich ein etwa 40-jähriger Typ auf den Stuhl neben mir und schaute sich ebenfalls das Spiel an. Bei dem ersten Tor für Ghana sprang er auf einmal auf, jubelte übertrieben laut herum und stieß fast den Tisch vor uns um auf dem mein Bierglas stand. Nachdem er dabei fast noch auf mich drauf gefallen wäre stieß ich ihn genervt mit einem nicht zu überhörenden "Fuck you!" weg, worauf sich der Barkeeper vor uns umdrehte um zu sehen was los war. Aber er beließ es dabei und schaute weiter das Spiel an. Nach ein paar Sekunden bemerkte ich, dass mein Rucksack nicht mehr neben meinen Füßen stand, sondern näher zu meinem Sitznachbarn gerutscht war, woraufhin ich ihn natürlich wieder zu mir zog und wieder neben meinen Füßen verstaute. Bei dem folgenden Tor für Deutschland jubelte der dann auf einmal mit uns mit, was mich ziemlich wunderte, worüber ich aber nicht weiter nachdachte. Einige Minuten später, in denen ich wie gebannt auf die Leinwand starrte, weil das Spiel so spannend war, kam auf einmal ein junger Typ zu mir und fragte mich "Hey, did you have a bag with you?", woraufhin ich natürlich sagte "Of course, I have a bag!", zu meinen Füßen schaute - und feststellen musste, dass meine Tasche weg war! Dem Typen, der meinen Sitznachbarn scheinbar beobachtet hatte, war sofort klar was los war und rannte ihm nach, ich natürlich hinterher. Ein paar Meter um die Ecke des Cafes kam irgendjemand zu mir und fragte ob das meine Tasche wäre, die dort auf einer Bank lag. Erleichtert stellte ich fest, dass es wirklich mein Rucksack war und das sogar noch alles drin war, vom Geldbeutel bis zum Reisepass. Der Dieb stand dort, von ein paar Leuten festgehalten und spielte natürlich den Unschuldigen. Sie hielten ihn dann in der Bar fest und warteten, darauf, dass die Polizei eintraf - was dann ganze 20 Minuten später erfolgte. Ich war irgendwie in einer komischen Verfassung. Konnte gar nicht richtig realisieren was für ein wahnsinns Glück ich hatte und setzte mich zurück an den Tisch um weiter das Spiel zu schauen. Als die Polizei dann endlich da war, verluden sie den Dieb hinten im Auto und ich musste vorne mitfahren um auf dem Revier meine Aussage zu dem Vorfall zu machen. Ich saß also auf dem Sitz vor dem Taschendieb, zum Glück mit einer Glasscheibe von ihm getrennt, während mein Knie an dem Maschinengewehr des netten Polizisten lehnte, der mir natürlich die üblichen Fragen stellte ("Where do you come from, what are you doing here..."). Das Polizeirevier entpuppte sich als ein Container auf einer Baustelle. Für ein paar Sekunden dachte ich wirklich das wäre alles eine Falle gewesen um mich dorthin zu locken. Aber als wir in den Container traten, warteten dort schon ein paar andere Leute. Ein paar blutjunge "Polizisten" oder einfach Wachmänner mit Maschinengewehren standen sichtlich gelangweilt dort und checkten ständig mit ihren Smartphones die Lage auf Facebook, während vor ihnen ein paar Ultra-Orthodoxe Juden saßen, teilweise in Handschellen, die, den Blutspuren auf ihren Hemden und den zerknitterten Hüten nach zu schließen, scheinbar eine Schlägerei hinter sich hatten, was den einen aber nicht davon abhielt, sich in Seelenruhe, soweit das mit seinen gefesselten Händen möglich war, Wasser einzuschenken und ein Brot zu essen. Der Polizist mit dem ich gefahren war versprach mir, dass ich die nächste in der Reihe sein würde, die ihre Aussage macht, was die anderen wartenden Leute dort aber absolut unbeeindruckt ließ. So wartete ich mit den Mädels und Mitsu, die netterweise mitgekommen waren, fast zwei Stunden darauf, dass ich endlich in den Raum gehen konnte, in dem das Protokoll aufgenommen wurde. Irgendwann kam "mein" Polizist wieder und sorgte dafür, dass ich wirklich als nächste dran kam. Die Polizistin, die meine Aussage aufnahm war sehr nett, aber auch sehr genau. Sie fragte nach jedem Detail des Geschehens, und ich konnte mich natürlich nicht mehr an alles erinnern weil es so unglaublich schnell ging. Aber gegen halb 3 Uhr morgens konnten wir endlich das Revier verlassen. Das Gute an dieser Situation war, dass ich so von dem schlechten Spiel der deutschen Nationalmannschaft abgelenkt und einfach froh war, meine Tasche noch bei mir zu haben...
Am Sonntag hatte ich ein Treffen mit Yossi, einem der Fashion design Studenten, denen ich versprochen habe für sie bei ihrer Präsentation Model zu stehen. Er ist einer, der es dabei ganz besonders ernst nimmt und alles perfekt haben will. Deswegen wollte er vorab einen Film drehen, den er am Montag bei der Präsentation zeigen wollte. Dieser Film sollte die Entwicklung zwischen seinem Entwurf vom letzten Semester zum jetzigen dokumentieren. Und so durfte ich meinen "Mädchentraum" erfüllen und ein mittelalterliches Kleid wie aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" anziehen. Allein schon für diese paar Minuten hatte sich das Mitmachen gelohnt!!!
Am Montag war dann der Tag der Präsentation. Yossi hatte mir angekündigt, er hätte eine Hairstylistin und eine Make-up-Artist extra für mich bestellt, die sich dann als normale Studenten entpuppten, was mir aber ziemlich egal war. Ich ließ alles auf mich zu kommen. Ich saß also dort in dem Umkleideraum, während die Mädels mir Haufenweise Make-Up ins Gesicht schmierten, ewig meine Lippen bemalten und meine Haare mit einer halben Tube Gel nach hinten kämmten. Als ich mich danach das erste Mal im Spiegel sah, war ich so erschrocken und schockiert - ich habe mich wirklich nicht mehr erkannt! Ich sah, meiner Meinung nach, aus wie eine Mischung aus Zombie, Gespenst und Vampir., vor allem in Kombination mit Yossis ziemlich futuristischem Entwurf bestehend aus Leggings, sehr extravagantem Jackett und den schwarzen Lack-Mörderschuhen! Alle um mich herum waren allerdings ziemlich begeistert von meinem Aussehen, was ich absolut nicht nachvollziehen konnte, aber an diesem Tag ließ ich einfach alles über mich ergehen. Nach der Präsentation, die natürlich auf hebräisch ablief, sodass ich nur erahnen konnte, ob es gut oder schlecht lief, ging es weiter zum Fotoshooting und danach konnte ich endlich raus aus dieser Maskerade. Ich habe bestimmt eine Viertelstunde gebraucht um mein Gesicht von der ersten Schicht Make-Up zu befreien. Und meine Haare musste ich gleich zweimal waschen um das Gel größtenteils wieder raus zu kriegen.
Danach ging es weiter mit der Präsentation von Inbar, einer anderen Studentin, die sich tausend mal bei mir bedankte und mich dann sogar mit einem kleinen Geschenk fürs Mitmachen überraschte. In ihrem Fall musste ich ein recht schönes altrosanes Abendkleid präsentieren und das Make-Up fiel auch etwas dezenter aus. Gott sei Dank! Nach ihr musste ich noch für Eva, meine Freundin aus Karlsruhe modeln. Sie war, vielleicht typisch deutsch, eher auf Natürlichkeit aus. Statt auf High Heels sollte ich barfuß gehen und statt Gel- oder Hochsteckfrisur ließ sie meine Haare einfach offen. Ihre Holz- und Hemdkonstruktion war ziemlich extravagant, aber die Jury war begeistert und ich war froh, dass ich endlich mal etwas von dem was sie sagte verstand, da sie natürlich wegen Eva auf englisch redete.
Es war letztendlich halb 7 als ich mit Eva und Mitsu endlich die Akademie verließ und ich war so geschafft von diesen paar Stunden wie schon lange nicht mehr. Ich kann gar nicht genau erklären was so anstrengend war, aber das werd ich bestimmt so schnell nicht wieder machen!
Heute morgen lief ich in die Altstadt um auf den katholischen Friedhof zu gehen und mir das Grab von Oskar Schindler anzuschauen. Da ich nicht genau wusste, wie man dort hinkommt, hatte ich mir vorher eine Wegbeschreibung aufgeschrieben, doch natürlich fand ich ihn nicht auf Anhieb. Also fragte ich mich durch, bis ich irgendwo in der Pampa stand und schon bei Google maps nachschaute wie ich nun am besten dort hin kam. Doch schon nach ein paar Sekunden stand auf einmal ein Mann vor mir der mir irgendwie bekannt vor kam und mich fragte was ich denn suche. Plötzlich fiel mir ein, dass es niemand anderes als David war, der Mann der mich vor einigen Wochen schon spontan durch die Dormitiokirche und das Davidsgrab geführt hatte. Er konnte sich, vor lauter Touris, nicht mehr an mich erinnern, zeigte mir aber natürlich gerne den Weg zum Friedhof. Wie ich ihn schon kannte, war er wieder sehr überschwänglich was seine Umarmung und Küsschen-links-Küsschen-rechts anging, aber in dem Moment freute ich mich einfach ihn wieder zu sehen. Er führte mich also direkt zum Grab, wo wir uns verabschiedeten und noch ein Erinnerungsfoto schossen
Ich schlenderte noch eine Weile auf dem schönen, kleinen Friedhof herum und genoss die Aussicht. Es gibt dort sehr viele arabische Gräber, und viele von ihnen haben Fotos oder Zeichnungen von den Verstorbenen auf dem Grabstein angebracht.
Nach meinem Besuch auf dem Friedhof, beschloss ich noch einmal in den Laden auf der Via Dolorosa zu gehen, in dem ich letzte Woche ein intensives Gespräch mit den zwei arabischen Brüdern hatte. Ich wollte mich verabschieden, da ich davon ausging, dass dies mein letzter, oder vielleicht vorletzter Besuch in der Altstadt war. So lud mich Haitham, der jüngere von ihnen zu einem frisch gekochten Tee ein und wir unterhielten uns wieder ewig über Gott und die Welt, die arabische und europäische Kultur und den Sinn des Lebens. Es hat wirklich Spaß gemacht mit ihm zu reden. Er hat so eine offene und ehrliche Art, dass ich mich total frei gefühlt habe ihm alles was mich bewegt und beschäftigt zu erzählen. Ich bin wirklich froh über diese Art von Begegnungen hier!
Nach diesem Besuch ging ich wie beflügelt durch die Gassen der Altstadt zurück zum Damaskus-Tor und setzte mich in die Tram. Mein nächster Punkt war ein zweiter und letzter Besuch in Yad Vashem, dem Holocaust-Museum. Eigentlich war ich viel zu gut gelaunt um in ein so trauriges Thema einzutauchen, aber da ich die nächsten Tage schon so ausführlich verplant habe, war es die letzte Chance für mich dorthin zu fahren. Auf dem Weg fuhren wir an einem Bus und an eine paar Häusern vorbei, die auf die Entführung der drei israelischen Jugendlichen hinwiesen
Yad Vashem war natürlich wieder sehr ergreifend. Man kann es einfach nicht in Worte fassen. Ich kann einen Besuch dort nur wärmstens empfehlen. Ich will nicht beschreiben was es dort zu sehen gibt, man muss es einfach selber erleben. Aber hier noch ein paar Eindrücke von der Architektur dieses Ortes
Danach fuhr ich wieder zurück in die Stadt, schlenderte noch über den Markt und ging spontan noch in den Second-Hand-Laden, an dem ich immer voll bepackt mit Obst und Gemüse auf meinem Heimweg vom Markt vorbei laufe. Der Besitzer ist ein Mittvierziger Amerikaner, der wegen seines boyfriends aus New York nach Jerusalem gezogen ist und "for fun" diesen kleinen Laden eröffnet hatte. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen was es so gab, aber natürlich fand ich wieder mal ein Kleid, dass ich unbedingt haben musste. Erst recht, als er mir sagte, dass es nur noch die Hälfte, nämlich 75 Shekel kosten sollte. Und wo sonst finde ich schon ein Kleid aus 100% Seide für 15 Euro! Also, nach einem kleinen Abstecher zum Geldautomaten und wieder zurück, durfte ich das Kleid mein Eigen nennen. Ich plauderte noch ein bisschen mit dem Besitzer und einer Freundin von ihm und verabschiedete mich dann.
Ich kann also nicht genau sagen was es ist, aber heute habe ich mich einfach rundum wohl gefühlt in dieser Stadt. Als wäre ich verliebt! Vielleicht ist es nur deshalb weil ich inzwischen alles mit dem Gedanken erlebe "es könnte das letzte Mal sein", oder einfach weil ich wirklich das Gefühl habe hier angekommen zu sein und mich absolut heimisch fühle - jedenfalls fühlt es sich einfach gut an durch die Straßen zu laufen, Leute zu treffen die mich inzwischen kennen und grüßen wie alte Freunde - und nach hause zu kommen, mit ein paar neuen gefundenen Schätzen, ob von der Straße, vom Flohmarkt, oder eben vom Second-Hand-Laden. Ja, ich genieße die letzten Tage tatsächlich in vollen Zügen!






















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