Am Samstag bin ich, natürlich nach einer durchgearbeiteten Nacht, mal wieder erst gegen halb 2 Mittags aufgestanden und fragte Itai, der ebenfalls die Nacht durchgemacht und auch noch nicht gefrühstückt hatte, ob er nicht Lust hätte, mir den von ihm gepriesenen "Süßigkeitenladen" zu zeigen, den er ein paar Wochen zuvor entdeckt hatte. Also besorgte er schnell von einem Kumpel einen Motorradhelm für mich und wir fuhren auf seinem neuen, gebrauchten Roller los in die Altstadt. Dort parkten wir den Roller vor dem Damaskustor und begaben uns in die große Masse an Touristen, hinein in die engen Gassen des Basars. Nach einigen Minuten kamen wir in einen kleinen höhlenartigen Laden, direkt neben der Treppe, die auf das Dach der Grabeskirche führt, mit einer Theke, vor der ein Araber gerade virtuos dabei war einen Blätterteig herzustellen. Nachdem Itai für uns bestellt hatte, wobei sein gerade erlerntes arabisch leider nicht verstanden wurde und er deshalb auf englisch weitersprach, setzten wir uns an einen Tisch und bekamen kurz darauf unseren "Tee Nana", Pfefferminztee mit wahnsinnig viel Zucker, und quatschten über Gott und die Welt. Es stellte sich heraus, dass der vermeintliche Süßigkeitenladen genau zwei Arten von Blätterteiggebäck herstellt. Leider hab ich den Namen vergessen. Jedenfalls gibt es einmal die Variante mit Nüssen, wovon Itai mir abriet, da sie scheinbar aus unerfindlichen Gründen etwas seltsam schmeckt, und die Variante mit Ziegenkäse. Ich konnte es mir nicht so genau vorstellen und dachte es wäre vielleicht so eine Art Apfelstrudel. Das Ergebnis, das wir nach etwa 20 Minuten auf Silbertabletts serviert bekamen, war aber etwas völlig anderes. Ein dünnes, quadratisches Blätterteigleibchen, eben gefüllt mit Käse, sirupbeträufelt und als Krönung mit Puderzucker bestäubt. Es klingt komisch, schmeckte aber fantastisch!
Danach brauchten wir allerdings noch unbedingt etwas Salziges und setzten uns in den nächstbesten Hummus-Laden. Die Bilder an der Wand sahen ganz vielversprechend aus, da der Laden damit warb seit 200 Jahren Hummus herzustellen. Als der dann schließlich serviert wurde, stellte Itai allerdings nach den ersten paar Bissen fest, dass seinen Ansprüchen nicht gut genug war. Für mich schmeckte er völlig in Ordnung, aber Itai ist, was Essen und Trinken angeht ein wahrer Feinschmecker! Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so viel Wert auf Qualität von Zutaten legt und mit so einer Präzision und Leidenschaft kocht wie er. Deswegen verabscheut er auch den Fertig-Hummus aus dem Supermarkt und geht nur in von ihm ausgewählte Restaurants oder Essensstände. Was allerdings meiner Ansicht nach nicht ganz dazu passt ist die Tatsache, dass er keinen großen Wert auf sauberes Geschirr legt. Jedes Mal wenn er abwäscht und ich das Geschirr dann weg räumen will, kann ich es im Grunde nochmal spülen, da es noch voll von Essensresten und Fettspuren ist...
Aber wie auch immer. Wir saßen also dort und aßen. Itai mal wieder in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit - was auch wiederum nicht zu seinem Feinschmeckerwesen passt. Er isst ca. dreimal so schnell wie ich, weswegen er auch irgendwann, während ich noch die Hälfte meines Hummus vor mir hatte, aufstand um draußen eine Zigarette zu rauchen. Als er wieder rein kam, gab es auf einmal einen großen Tumult an der Theke vor uns. Der Koch und die Angestellten des Ladens bildeten eine große Traube um eine kleine Frau und diskutierten aufgebracht mit ihr, während sie irgendetwas zu ihrem Mann brüllte, der etwas weiter hinter der Gruppe stand. Die beiden versuchten auf die Straße zu kommen, wurden aber von den Mitarbeitern verfolgt. Nachdem sie es endlich geschafft hatten aus dem Laden zu kommen und Itai den Koch fragte was denn los sei, stellte sich heraus, dass das Paar sich geweigert hatte zu bezahlen. Scheinbar hatte es ihnen, wie meinem Mitbewohner, auch nicht sonderlich geschmeckt...
Danach gingen wir wieder richtung Damaskustor um nach Hause zu fahren. Als wir auf den Platz vor dem Tor kamen, saß dort eine kleine Ansammlung von Arabern auf den Treppenstufen, die Parolen schrien und palästinensische Flaggen in die Luft hielten. Es waren vielleicht 20 bis 30 Leute, also wirklich nicht viele, die dort friedlich saßen und niemanden störten. Gerade als wir die Straße erreicht hatten und zu unserem Roller gehen wollten, kam auf einmal eine riesige Horde Polizisten auf uns zugestürmt, ausgestattet mit schusssicheren Westen, Helmen und Maschinengewehr, die in die Gruppe Demonstranten hineinpreschte und mit Granaten schoss, was natürlich Panik auslöste. Die Händler packten in aller Eile ihre Waren zusammen und rannten zusammen mit den Menschen auf dem Platz in alle Richtungen, nur weg von den Polizisten. Alle bis auf Itai, der sehen wollte was passierte und ruhig wieder zurück zu den Treppen ging, während links und rechts die Menschen an ihm vorbei drängten. Ich blieb stehen wo ich war und sah plötzlich einen alten Mann, der von zwei anderen gestützt wurde und ein Tuch vor sein Gesicht hielt aus dem das Blut hervorrann. Nach ein paar Sekunden kam Itai zurück und ließ auf dem Weg zu seinem Roller seine Wut über das Vorgehen der Israelis freien Lauf. Unterwegs rannten einige Polizisten an uns vorbei, die die weglaufenden Palästinenser einfangen wollten und sie teilweise im Klammergriff abführten. Itai fragte dann zwei Polizisten die nah bei unserem Roller standen, warum genau die Polizei den Platz gestürmt hatte. Die Begründung war schlicht, dass die Demonstration nicht angemeldet gewesen sei...
Wenn ich nicht schon vorher kritisch über die Behandlung der Israelis gegenüber den Palästinensern gedacht hätte, spätestens jetzt, nachdem ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie hart sie gegen friedliche Demonstranten vorgehen, und zwar ohne Vorwarnung, wäre mir wohl ein Licht aufgegangen. Es war wirklich unglaublich!
Später schaute ich im Internet nach, ob es irgendwelche Informationen zu diesem Einsatz gab und tatsächlich gab es einen kleinen Artikel, aus dem ich erfuhr, dass dieser Tag ein Gedenktag der Palästinenser ist (Itai nannte ihn übersetzt "Tag der Erde"), an dem im Sechstagekrieg 1967 einige von ihnen bei Aufständen gegen die israelische Besatzung gestorben waren. Und es wurden weitere Proteste für den Sonntag angekündigt, die aber scheinbar gleich von der israelischen Armee verhindert wurden. Ich habe jedenfalls von keiner weiteren Aktion gehört.
Am Montag hatte ich mein zweites Gespräch mit Joshua Borkovsky, der mich nach unserem Treffen letzte Woche noch einmal sehen wollte. Es war, wie schon beim ersten Mal ein sehr interessantes und erkenntnisreiches Gespräch. Am Ende lud er mich zu seiner Ausstellungseröffnung im Mai nach Tel Aviv ein und gab mir noch ein paar "Hausaufgaben" über die Pessach-Ferien auf. Eigentlich hasse ich es ja vorgeschrieben zu bekommen, was oder wie ich zeichnen soll, aber ich werds auf jeden Fall versuchen. Ich bin immer noch erstaunt und erleichtert, durch welch glücklichen Zufall ich mich für den meeting point mit ihm entschieden habe und nun sehe, wie viel mir seine Ratschläge und Sichtweisen auf meine Arbeit bringen!
Als ich nach Hause kam, saßen Itai und eine Freundin von ihm, Zliel, die wegen ihres österreichischen Freundes fast perfekt deutsch spricht, schon am Küchentisch und aßen Itais am Tag zuvor schon vorbereitetes Gulasch. Es sah zwar völlig anders aus, als ich Gulasch glaubte zu kennen, schmeckte aber nicht schlecht, obwohl ich natürlich nachsalzen musste. Itai hasst Salz und benutzt es ach so gut wie nie zum kochen. Als Dessert gab es von Zliel gebackene Sachertorte. Sie ist eine Meisterin im Kochen, und probiert, zu unserem Glück, ständig neue österreichische Rezepte an uns aus. Vor ein paar Wochen gab es bereits Spätzle mit Krautsalat und davor Kartoffelsalat. So lernte ich wieder einmal die Vorzüge meines Mitbewohners und seiner Freunde zu schätzen. Was hab ich doch für ein Glück!
Heute begann der Tag ziemlich stressig, da ich, nachdem mein Wecker um zehn vor acht klingelte, dummerweise wieder bis um halb neun weiter schlief und mich beeilen musste um noch pünktlich zum drawing-Kurs zu kommen. Allerdings wäre es vielleicht besser gewesen wenn ich ihn verpasst hätte. Es war dieses mal furchtbar langweilig. Arkadiusz zeigte uns drei Stunden lang Beispielee mit Filmen und Fotos von concept-Art-Künstlern, die er mochte. Klingt ganz interessant, aber nach einer Stunde waren alle erschlagen von der Vielfalt und außerdem war es in dem dunklen Raum auch noch wahnsinnig kalt, sodass alle offensichtlich froh waren, als es endlich vorbei war.
Um viertel nach eins hatte ich dann zum ersten Mal einen meeting point bei Tamar Getter, der auch diesmal tatsächlich zustande kam. Da ich schon einige Dinge über sie gehört hatte und sie bei dem ersten Treffen mit den anderen Studenten eine große Ehrfurcht in mir ausgelöst hatte, versprach ich mir sehr viel von diesem Gespräch. Nach zehn Minuten allerdings zeigte sich, dass sie tatsächlich so knallhart ist, wie Daniel mich anfangs schon gewarnt hatte. Ich zeigte ihr nur das Foto von meiner aktuellen Arbeit in Stuttgart, ein paar Detailausschnitte und erklärte ihr, wie ich bei meinen Zeichnungen vorgehe und was ich damit beabsichtige. Da sie ein wenig deutsch spricht, konnte ich zum Glück freier und lockerer mit ihr reden, weswegen ich mich um einiges sicherer fühlte, als bei meinen bisherigen englischen Versuchen meine Arbeit zu erklären. Aber das änderte sich ziemlich schnell nach ihren ersten Kommentaren. Sie fand meine Arbeit "schön, im Sinne von kitschig". Sie meinte unter anderem ich würde "selbstverliebt und narzistisch meine perfektionierte Technik zur Schau stellen und keinen Platz für Fragen offen lassen". Es klang echt hart, aber nicht böse oder arrogant, sondern wirklich konstruktiv, wenn auch natürlich knallhart, weswegen ich ihr auch weniger verletzt, sondern wirklich interessiert zuhörte. Natürlich war es irgendwie schmerzhaft so eine vernichtende Kritik zu hören, aber andererseits auch eine Abwechslung, da ich von den anderen Professoren hier bisher nur positives Feedback bekommen hatte. Nach einer Stunde mussten wir das Gespräch beenden, da schon der nächste Student vor der Tür wartete. Was mich ziemlich verwirrte war dass sie zum Schluss sagte, dieses Gespräch könnte als zwei Treffen gewertet werden, da es so lange ging. Ich müsste also den nächsten angesetzten Termin nicht wahrnehmen, worauf ich natürlich sagte, dass ich sehr daran interessiert bin sie noch des öfteren zu sprechen. Ich weiß nicht wie ich diesen Kommentar von ihr verstehen soll. Entweder sie geht davon aus, dass ich nur aus Pflicht zu ihr komme und deswegen froh sein würde einen Termin streichen zu können, oder sie hat einfach keine Lust mich noch ein weiteres Mal zu sehen. Klingt beides jedenfalls nicht sonderlich schmeichelnd. Schade.
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