Montag, 14. April 2014

Palmsonntag und Pessach

Gestern ging ich nochmal in die Altstadt, um die Sandalen umzutauschen, die ich am Mittwoch in dem Laden von Azmir gekauft hatte. Das Gespräch, das wir dort geführt hatten, war so interessant, dass ich aus Versehen die falschen eingesteckt hatte. Er war natürlich hocherfreut mich wieder zu sehen und lud mich gleich wieder zu einem Pfefferminztee ein. An diesem Tag waren um einiges mehr Touristen in der Altstadt, was natürlich an der Palmsonntagsprozession lag. Überall liefen Christen mit Palmzweigen durch die Straßen und die Via Dolorosa war mit den gelb-weißen Fahnen des Vatikans geschmückt. Aus diesem Grund war Azmir zwischenzeitlich auch immer wieder mit Kunden beschäftigt, weshalb ich schon wieder drauf und dran war wieder zu gehen, um ihn nicht bei seinen Geschäften zu stören, aber davon wollte er gar nichts hören und gebot mir immer wieder mich wie zuhause zu fühlen. Und so fanden wir, zwischen den Verhandlungsgesprächen von polnischen und griechischen Besuchern, auch immer wieder Zeit über die politische Lage des Landes und das Leben der Palästinenser zu sprechen. Nachdem ich mich am Tag zuvor mit Odded, dem israelischen Kollegen von Rosch über seine Sicht der Dinge unterhalten hatte, wollte ich wissen, was Azmir zu dessen Argumenten sagte. Odded hatte beispielsweise behauptet, dass 1948, als der jüdische Staat gegründet wurde, weitaus weniger Araber auf diesem Gebiet gelebt hatten als heute. Laut Azmir sei diese Aussage Blödsinn. Er zählte mir einige große Städte auf, um die herum es damals hunderte von palästinensischen Dörfern gegeben hatte. Vielleicht zu klein für die Israelis um sie zu erwähnen. Er erzählte mir außerdem, dass die Familie seines Vaters aus Baka stammte, und später von den Israelis von dort evakuiert wurden. Da fast alle von ihnen glaubten, dass sie bald in ihre Häuser zurück kämen, schlossen sie wie gewohnt ihre Häuser ab, und nahmen die Hausschlüssel mit. Dieser Schlüssel hängt nun in seinem Laden an der Decke


Seine Familie hatte noch Glück im Unglück, da sie recht wohlhabend war und sich schnell eine neue Existenz in Jerusalem aufbauen konnte. Andere Familien leben bis heute in der dritten Generation in Flüchtlingscamps, ohne Aussicht auf Verbesserung ihrer Situation. Azmir meinte der einzige Weg aus dieser Lage sei Krieg und er erwarte den Ausbruch des Krieges täglich. Natürlich habe ich darauf gleich insistiert und ihm erklärt, dass Krieg nie eine Lösung sei, aber er war ziemlich verbissen, obgleich er beteuerte, dass er sich den Krieg ebenso wenig wünsche, aber er sehe keinen anderen Ausweg um die Palästinenser von den Besatzern zu befreien. Ich habe das Gefühl, obwohl Azmir ein kluger und klar denkender Mensch ist, dass er auch unter dem Einfluss von radikaler Propaganda steht. Auf meine Frage, warum die Palästinenser 1948 eine Zwei-Staaten-Lösung abgelehnt hatten, meinte er, dass die Juden einfach nicht das Recht gehabt hätten, das Land zu teilen. Als ich ihm erklärte, dass die Juden damals nach dem Holocaust einen eigenen Staat brauchten, hat er versucht mir weiß zu machen, dass die Zahl von 6 Millionen ermordeter Juden eine Lüge sei und es in Wahrheit nur 60.000 waren. Ich bin darauf nicht näher eingegangen. Es hätte wahrscheinlich keinen Sinn gemacht darüber zu streiten. Es war auf jeden Fall ein hoch interessantes Gespräch, was ich hoffentlich demnächst fortsetzen kann.
Aber nach etwa einer Stunde verabschiedete ich mich von ihm, da ich eigentlich vor hatte mir noch einen Teil des Palmsonntagsumzuges anzuschauen. Scheinbar hatte ich diesen aber gerade verpasst, was mich jedoch nicht weiter störte. Ich schlenderte also noch ein wenig durch die Altstadt und wurde von gleich zwei Ladenbesitzern hintereinander darum gebeten etwas für sie auf deutsch zu aufzuschreiben: "Neueröffnung und wir sprechen deutsch!" und "Sonderangebot". Den zweiten Ladenbesitzer fragte ich dann, ob das ein neuer Trick sei, um daher schlendernde Touristen in seinen Laden zu locken, aber er beteuerte, dass es nur für die demnächst eintreffenden deutschen Oster-Touristen sei. Wie auch immer, einer der Verkäufer sprach erstaunlich gut deutsch, und er versicherte mir, dass er es nur von den Besuchern der Altstadt "aufgeschnappt" hätte, was mir äußerst schwer fiel zu glauben. Wer merkt sich schon einen deutschen Satz wie "Holla die Waldfee!"...?

Irgendwann verließ ich die Altstadt durch das Damskus-Tor und beschloss spontan noch einen Umweg durch das Gebiet hinter dem arabischen Busbahnhof zu machen, wo ich vorher noch nie war. Es war im Grunde nur eine belebte Einkaufsstraße, aber irgendwie fühlte ich mich seit dem Besuch bei Azmir noch verbundener mit den Palästinensern und um einiges wohler in ihrer Gesellschaft als unter den Israelis, obwohl ich mich optisch natürlich viel deutlicher von ihnen unterscheide. Aber die Palästinenser wirken in ihrer Art auf mich viel authentischer, freundlicher und offener als die meisten Israelis die ich hier kennen gelernt habe. Unterwegs kam ich an einem Tor vorbei, das zu einem Friedhof auf den Dächern führte. Es war eine sehr schöne Atmosphäre dort oben, und ich stellte mal wieder fest wie sehr ich Friedhöfe mag. Es war menschenleer und sehr friedlich dort, obwohl der Lärm der Straßen natürlich nicht zu überhören war. Aber nach all den vielen Eindrücken und den Gesprächen in der Altstadt, fand ich es äußerst angenehm eine Weile einfach dort zu stehen und inne zu halten



Danach machte ich mich auf den Weg nach Hause. Unterwegs fand ich mal wieder Unmengen an Essen. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwöhnt habe, aber am 14. April feiern die Juden das Pessach-Fest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Aus diesem Anlass säubern sie ihre Häuser von sämtlichen Getreideprodukten, bzw. Lebensmitteln, die länger als 18 Minuten mit Wasser in Berührung gekommen sind. Netterweise schmeißen die meisten Einwohner von Rehavia, also meiner Wohngegend, diese Dinge aber nicht einfach weg, sondern verpacken sie fein säuberlich in Tüten und stellen diese auf die Mauer vor ihrem Haus, damit kleine, ungläubige Studenten wie ich sie mitnehmen und verbrauchen können. Auf diese Weise habe ich in der letzten Woche wahnsinnig viel Brot, Nudeln, Mehl, Kekse, etc. gefunden, was natürlich wieder mal ein Highlight für mein Containerer-Herz bedeutet hat. Ich hoffe nur, dass Itai nicht allzu genervt sein wird, wenn er von seinem Urlaub nach Hause kommt und die mit Brot überfüllte Tiefkühltruhe vorfindet.
Aber nicht nur die Haushalte werden von Getreide gesäubert - auch die Supermärkte dürfen während dieser Zeit kein "Chametz", also die verbotenen Speisen, verkaufen. Während dieser Woche darf ausschließlich ungesäuertes Brot, das sogenannte "Matza" gegessen werden, das übrigens nach absolut garnichts schmeckt und die Konsistenz von Knäckebrot hat. Natürlich kann man weiterhin normales Brot bei den Arabern kaufen, aber Itai sagte, dass man ziemlich böse angeschaut wird, wenn man auf der Straße mit Brot erwischt wird. Ich würds ja zu gerne mal testen!

Nachdem ich gestern endlich mal wieder die Nacht bis um 6 Uhr durchgearbeitet hatte, stand ich heute gegen mittag auf und lief danach systematisch durch die benachbarten Straßen um ein paar weitere Pessach-Entsorgungen zu finden. Und ich brauchte nicht lange zu suchen. Neben zwei Kuchen, Keksen und Schokoriegeln, natürlich schön ordentlich verpackt, fand ich auch noch ein paar ausrangierte Klamotten. Itai erklärte mir nämlich auch, dass Pessach eine Art Neujahr für die Juden sei und dass deswegen viele Leute ihre Wohnung ausmisten würden. Es gab übrigens in den letzten Wochen auch sehr viele Zettel an schwarzen Brettern und Bushaltestellen, auf denen Leute "Cleaning for Pessach" anboten. Das heißt, die Wohnung auf Chametz absuchen und das Geschirr mit einer speziellen Methode dreimal abzukochen, so dass es auch wirklich rein ist von eventuellen Chametz-Rückständen. 
Unterwegs fand ich auch mehrere Spuren von verbranntem Brot und als ich um eine Ecke bog und Rauch sah, dachte ich erst dort würde jemand grillen, bis ich feststellte, dass es sich um eine Brandstelle handelte, auf dem gerade Chametz, also vorwiegend Brot verbrannt wurde, was die Ultra-Orthodoxen Juden scheinbar alle machen. Schon irgendwie makaber...


Als ich mich mit meiner Beute wieder auf den Weg nach Hause machte, traf ich sehr viele Menschen, alle vollbepackt mit riesigen Tüten und Körben voller Essenszutaten, die entweder gerade ankamen, oder gerade in Aufbruchstimmung zu ihren Familien waren. Ich selbst war zu einem Seder, also einem Festessen in der "German Colony" eingeladen. Die Einladung galt allen Exchange Students und wurde über die Akademie ausgeschrieben. Also machte ich mich gegen 19 Uhr auf den Weg dorthin. Die German Colony ist ein ziemlich nobler Stadtteil von Jerusalem und liegt ca. 15 Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt. Das Treffen fand in einer Art Gemeindesaal statt. Als ich dort eintraf fühlte ich mich ziemlich fehl am Platz, da ich scheinbar die einzige Studentin und Ausländerin dort war. Um nicht blöd in der Gegen rum zu stehen, folgte ich der Musik, die aus einem nahe gelegenen Raum drang und fand mich dort in einem Gottesdienst wieder, bei dem die Frauen und Männer von einem leicht durchsichtigen Vorhang in der Mitte des Raumes getrennt wurden und ununterbrochen hebräische Lieder gesungen wurden. Es war eine sehr schöne und lockere Atmosphäre dort. Man merkte schnell, dass es eine eher offene, liberale Gemeinde dort war. Als der Gottesdienst vorbei war, ging ich zurück in den Saal, der schon festlich geschmückt war für das Dinner und war sehr erleichtert, als ich dort ein paar andere Austauschstudenten von der Bezalel traf. Ich setzte mich also schnell dazu und landete neben einem sehr alten Mann mit weißem Rauschebart, Samuel,  der, wie sich rausstellte, in München geboren, mit drei Jahren nach New York emigriert war und nun seit den Siebzigern in Israel lebt. Erst unterhielten wir uns ein wenig auf deutsch, bzw. er auf jiddisch, später übersetzte und erklärte er mir den feierlichen Akt und die Bedeutung vom Pessach-Fest auf englisch. Nachdem die rund 50 Leute in dem Saal alle Platz genommen hatten, wurden Bücher ausgeteilt, aus denen jeder der wollte einen Abschnitt vorlesen durfte. Natürlich war alles auf hebräisch, bzw. aramäisch, aber dank Samuel wusste ich ungefähr um was es ging. Es waren Abschnitte aus der Bibel, die die Symbolik der Speisen auf den Tischen und die Geschichte des Auszugs aus Ägypten erklärten. Es wurden während des Seders, des Festmahls, 4 Becher Wein getrunken. Nach dem ersten Becher wurde ein Behälter mit Wasser gereicht, in dem jeder sich die Hände rein waschen konnte, danach durfte man eine in Salzwasser getauchte Kartoffel essen, als Symbol für die Tränen, die das jüdische Volk damals vergoss. Danach wurde das Matza gebrochen und mit gekochten Eiern, Salatblättern, Dips aus Datteln oder roter Beete und Leberpastete bestrichen. Die Bedeutung für all diese Speisen könnt ihr bei Wikipedia nachlesen ;) Ich dachte natürlich, dass es sich dabei um das Festessen handelte, und war daher umso überraschter, als plötzlich weitere Platten und Teller mit Speisen aufgetischt wurden. Es gab "gefillte Fisch", also zu einem Brei zerkleinerter und zu kleinen Klößen geformter, gekochter Fisch, Antipasti, Bratkartoffeln, Hähnchen- und Rindfleisch, Eiersalat, Gurkensalat, Tomatensalat, mit Datteln gekochte Möhren und zum Nachtisch Schokoladenkuchen und Obstplatten. Der Wahnsinn! Zwischendurch wurden immer wieder Verse aufgesagt, Lieder gesungen und Geschichten erzählt. Eine Frau erzählte, dass sie in einer ultra-orthodoxen Sekte großgezogen worden war, in der Frauen kaum besser als Dreck behandelt wurden und wie glücklich sie sei, nun in einer offenen Gemeinschaft Pessach feiern zu dürfen. Samuel, der dies natürlich für mich übersetzt hatte, erklärte, dass jeder der Lust hätte, etwas aus seinem Leben, oder eine kurze Geschichte erzählen durfte. Es war eine wahnsinnig schöne und entspannte Stimmung in diesem Saal. Fast jede Altersgruppe war dort vertreten und alle waren unglaublich offen und herzlich. 
Als das Fest offiziell beendet wurde, halfen alle mit die Tische abzuräumen und als ich die noch teilweise voll beladenen Platten mit Essen sah, konnte ich nicht wiederstehen und fragte schließlich eine Frau, was denn mit dem ganzen übrig gebliebeneb Essen passieren würde. Sie sagte, sie würden versuchen es an Bedürftige zu geben, aber wenn ich wollte, könnte ich so viel mitnehmen wie ich wollte. Sie klang ehrlich gesagt nicht sehr zuversichtlich und ich bezweifle auch, dass es etwas wie die Tafel in Jerusalem gibt, also packte ich einen Teller voller Äpfel und eine Box voller Fleisch - und löste so auf einmal eine Kettenreaktion aus, da plötzlich alle anderen um mich herum ebenfalls anfingen etwas von dem übrig gebliebenen Essen für sich einzupacken. Die Organisatoren waren auch augenscheinlich sehr glücklich darüber. Und als ich ging war immer noch haufenweise Fleisch übrig. Ich hoffe, dass sich dem noch jemand angenommen hat. Ich hasse es wenn Lebensmittel weggeschmissen werden, insbesondere Fleisch...
Auf dem Weg nach Hause verlief ich mich erwartungsgemäß in denen in der Dunkelheit für mich alle gleich aussehenden Straßen und fand mich schließlich in einer Straße umgeben von den prachtvollsten Villen wieder. Bisher war ich davon ausgegangen, dass Rehavia eine der schicksten Gegenden der Stadt sei, aber gegen die German Colony ist es ein Witz. Unterwegs hörte ich immer wieder Gesang aus den Häusern und traf Menschen die wie ich voll bepackt waren mit Tüten und Essensboxen. Wahrscheinlich auch geradewegs vom Pessach-Mahl heimkommend. Das und das Völlegefühl in meinem Magen erinnerten mich ziemlich stark an Weihnachten...








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