Samstag, 8. März 2014

This Baklava is killing me...

Zitat eines Vorbeifahrenden: "The owner lives on the other side"
Eigentlich bin ich gerade gar nicht in der Stimmung zu schreiben. Mir ist ziemlich schlecht! Aber da in den letzten Tagen wieder so viel passiert ist, zwinge ich mich jetzt einfach zu dieser Berichterstattung.

Am Dienstag hätte ich meinen ersten Meeting Point bei Tamar Getter gehabt. Ich habe schon von ihr berichtet. Sie ist eine extrem toughe und beeindruckende Persönlichkeit, deswegen war ich schon etwas nervös während der 3 1/2 Stunden die ich zu warten hatte zwischen dem Ende des Drawing-Kurses und dem Treffen mit ihr. Ich ging also pünktlich um 16:30 Uhr zu dem vereinbarten Treffpunkt - und fand den Raum leer vor. Also wartete ich eine weitere viertel Stunde, bis ich mich entschied sie einfach anzurufen, da ihre Nummer praktischerweise auf der Liste mit den Terminen stand. Ich begann das Gespräch also mit "Hi, it's Ines from Germany. We should have a meeting point now. Where are you?" und sie antwortete, netterweise sogar auf deutsch, dass sie krank sei und dass Ehnad, die Sekretärin für die Kunststudenten, eine Nachricht an alle verschickt hatte. Also sagte ich ihr, dass ich keine Nachricht bekommen hatte und wann sie den Termin nachholen wolle. Leider wurde in dem Moment die Verbindung so schlecht, dass ich kaum noch etwas verstand und nachdem ich eine Weile nur noch "please repeat" entgegnen konnte, wurde die Verbindung entweder ganz abgebrochen, oder sie war so genervt von mir, dass sie einfach auflegte. Ich persönlich tippe auf Letzteres. Toll! Der erste Meeting Point und gleich verschissen!
Abends wurde ich dann von Lisa und einem ihrer Kommilitonen in der WG abgeholt. Sie kamen von einer Ausstellung im Israel Museum in Jerusalem und nahmen mich mit nach Tel Aviv, da wir zusammen Carlas letzten Abend in Israel feiern wollten. Also gingen wir erst in ein kleines Restaurant, in dem wir lustigerweise unsere Hebräischlehrerin Dinah trafen, die auch in Florentine, also im Süden von Tel Aviv lebt. Dort aß ich zum ersten Mal das von Itai als das einzig wirklich typische Israelische Essen bezeichnete Schakschuka. Eine Art Eintopf mit Tomaten, Paprika und Spiegeleiern oben drauf. Alle anderen Speisen die man hier als Einheimisch bezeichnet, wurden laut Itai von den Israelis nur von den Nachbarländern geklaut.
Später gingen wir dann noch in eine Bar, in der es von Hippies und Alternativen nur so wimmelte und wo auch Fainan sich wenig später zu uns gesellte. Er fuhr mich dann auch nach einer Weile wieder zur Central Station, von wo aus ich mit einem Sherut nach Hause fuhr.
Am Nächsten Tag war wieder etching (drucken) angesagt. Ich habe zum ersten Mal von einer Plexiglasplatte gedruckt. Das Ergebnis war ganz okay. Maya, unsere Lehrerin war ziemlich begeistert, aber ich hatte die ganze Zeit Sehnsucht nach meinen Bleistiften. Das Ritzen in die Platte war ziemlich mühsam und ungenau, da die Nadel des Öfteren einfach wegrutschte. Mir kam es vor wie ein riesiger Umweg zu dem was ich erzielte. Ich weiß, dass es gut ist verschiedene Techniken zu erlernen, aber ich habe das Gefühl, dass mich keine Druck- oder Maltechnik jemals zu so einem befriedigenden Ergebnis bringen kann wie beim Zeichnen mit Bleistiften. Aber vielleicht wird es nächstes Mal, wenn wir auf Zinkplatten radieren ja anders. Wer weiß!
Am Donnerstag stand ich mal wieder ziemlich spät auf, nachdem ich bis um 5 Uhr gezeichnet hatte und schaute mir zum Frühstück den Film über Hebron und die jüdischen Besetzer dort an, auf den Fainan mich nach unserem Ausflug dorthin aufmerksam gemacht hatte. Dies war ein Fehler. Ich war nach diesem Film so wütend und gleichzeitig traurig und frustriert, dass ich das dringende Bedürfnis hatte, alles über diesen Nahostkonflikt zu erfahren, damit ich endlich ganz genau verstehen und nachvollziehen kann, warum es so schwer ist diesen Konflikt zu lösen. Also fing ich an zu recherchieren und hatte nach einer Weile um die 30 Wikipedia-Artikel geöffnet. Nach stundenlangem Studium und ein paar vollgeschriebenen Seiten, hatte ich nicht einmal einen Bruchteil der Informationen zusammen, fühlte mich aber wenigsten etwas schlauer als zuvor. Leider war ich danach aber absolut nicht mehr in Feierlaune, weshalb ich meinen Partyabend mit Lisa in Tel Aviv absagen musste.

Gestern dann zog ich Nachmittags los richtung Markt. Auf dem Weg traf ich Eva, eine Austauschstudentin aus Karlsruhe, die, wie sich rausstellte für den nächsten Monat bei mir um die Ecke wohnen wird und mich einlud, mit ihr und den anderen Austauschstudenten nach Tel Aviv an den Strand zu fahren. Ich sagte ihr aber ab, da ich mich schon mit Itai verabredet hatte, einen neuen Süßigkeitenladen in der Altstadt auszutesten. Außerdem hatte ich nicht so viel Lust auf die Gruppe von Exchange students. Ich weiß auch nicht genau woran es liegt, aber ich bin wahnsinnig schnell genervt von dem Smalltalk und den Leuten. Ich kann nichts damit anfangen, erst recht nicht auf englisch.
Also zog ich weiter und machte noch schnell einen Abstecher auf dem Flohmarkt, von dem ich wusste, dass er jeden Freitag in der Nähe des Yehuda-Markets stattfindet. Nachdem ich meine Klamottensammlung mal wieder durch einen Rock erweiterte, sprach mich ein Typ an, der mich schon zwei Wochen zuvor dort angesprochen hatte. Er studiert Informatik (soweit ich das richtig verstanden habe) und arbeitet auf dem Flohmarkt, das heißt er baut die Zelte dort auf und wieder ab. Nachdem wir ein bisschen gequatscht hatten, lud er mich spontan ein, mit mir am nächsten Tag eine Tour durch die Altstadt zu machen, was ich auch gerne zusagte. Süßigkeitenladen und das Meer laufen ja nicht weg.
Dann gings also weiter richtung Markt. Da es schon relativ spät und am nächsten Tag Sabbat war, standen schon überall Kisten mit Obst und Gemüse herum, die die Händler nicht mehr verkaufen konnten und bei denen man sich nur bedienen musste. Also quasi legales Containern. Ihr könnt euch vorstellen was das für innere Luftsprünge in mir auslöste! Auf dem Markt traf ich zufällig Daniel, das Mädchen aus der Akademie, die ein Semester zuvor in Stuttgart studiert hatte, und die mich für den Abend zum Essen in ihre WG einlud, was ich mir natürlich auch nicht entgehen lassen wollte. Meine erste Einladung zu einem traditionellen Sabbat-Essen (auch wenn keins von den Mädels dort religiös war - egal!) Ein paar Minuten später traf ich Adele, eine französische Austauschstudentin ebenfalls aus der Akademie, der ich erstmal erklären musste, dass alles was auf dem Markt in den Kartons rum stand heute umsonst sei, und was sie ebenso begeistert aufnahm wie ich. Also zogen wir durch den Markt, bis unsere Tüten so voll waren, dass wir sie kaum noch tragen konnten. Dann wurden wir plötzlich von einem alten ultra-orthodoxen Juden angesprochen, der wissen wollte woher wir kommen und der, wie einfach jeder hier, natürlich sofort von seinen Reisen und Erfahrungen mit Deutschland und Frankreich erzählte. Am Ende lud er uns zu einem Gebet mit anschließendem Essen an der Klagemauer ein, dass am nächsten Tag stattfinden sollte.
Gestern war also ein sehr kommunikativer Tag. Und so stellte ich auch heute morgen wieder fest, nachdem ich fast den ganzen Tag, inklusive abends bei Daniel, nur englisch gesprochen hatte, dass ich alles was ich dachte, automatisch ins Englische übersetzte. Und so ging es heute weiter, nachdem ich mich mit Zef, dem Typ vom Flohmarkt traf und wir in die Altstadt gingen. Es war wirklich interessant, da er wie sich rausstellte eine große Leidenschaft für Geschichte hegt und es sogar ab nächstem Semester studieren möchte. So gingen wir zuerst in eine Kirche im Armenischen Viertel, die Maria-Magdalena gewidmet war.

 

Von dort aus weiter richtung Jüdisches Viertel. Auf dem Weg zur Klagemauer traf ich zufällig den orthodoxen Juden vom Markt wieder. Er erzählte uns, dass er gerade von einem Gebet an der Klagemauer kam und lud uns ein mit ihm aus seinem silbernen Becher Wein zu trinken und von seinem Brot zu essen. Scheinbar ein jüdisches Ritual am Sabbat. Danach gab er uns ein paar Einblicke in sein Leben. Er heißt Daniel, ist eine Art Rabbi und seine Frau, die inzwischen nach Kanada ausgewandert ist, konvertierte für ihn sogar zum Judentum über, konnte aber irgendwann die Regeln nicht mehr ertragen und hatte ihn mit ihren beiden Töchtern sitzen gelassen. Bevor er zum Militärdienst ging, war er scheinbar alles andere als religiös und ein Frauenheld. Erst als er in der Armee auf orthodoxe Juden traf, begann  er sich mit seiner Religon zu befassen. Mein erster Eindruck von ihm war der eines leicht verkorksten Greises, aber im Laufe des Gesprächs, stellte sich heraus, dass er ziemlich verrückt und fanatisch ist. Zwischendurch ergab sich eine hitzige Diskussion mit Zef, der ziemlich viel über das Judentum und die Bibel weiß, obwohl er sich selber eher als Buddhist bezeichnet. Es ging grob gesagt einfach um die Auslegungen der Bibel, die Regeln die sich die Ultra-Orthodoxen auferlegen und so weiter. So erzählte Daniel beispielsweise, dass er für seine 15jährige Tochter schon einen geeigneten Ehemann suchte, was mich natürlich auf die Palme brachte. Aber es war trotzdem schön mal wieder zu diskutieren, auch wenn ich nicht alles sagen konnte was ich gerne wollte, weil mir dazu einfach die englischen Vokabeln fehlten. Als Daniel aber anfing uns zu erklären, dass der Holocaust von Gott gewollt war, der die europäischen Juden bestrafen wollte, da diese zu liberal und westlich geworden waren, und dies sogar in der Bibel angekündigt worden wäre, wurde es uns zu viel und wir zogen weiter. Vorher lud er mich noch zu einer Tour durch den Stadtteil Mea Shearim ein, dem Teil der ausschließlich von Ultras bewohnt ist und in dem man, wenn man den Dresscode nicht befolgt sofort verjagt wird. Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich diese Verabredung einhalte...
Wir gingen also weiter zur Klagemauer und von dort aus ins Arabische Viertel. Nach einem kleinen Hummus-Snack ging es weiter durch und über die Dächer des Basars, von dort durch die Via Dolorosa "Jesus Leidensweg" und danach zeigte er mir wie man auf das Dach der Grabeskirche gelangte. Von dort aus noch einmal über den Basar, wo wir uns einen Teller voller Baklava gönnten. Leider habe ich mich daran total überfressen und mein Bauch gibt jetzt noch Stunden später äußerst bedenkliche Geräusche von sich. Schade, aber ich bereue nichts, es war köstlich!
Aber nachdem ich mich, nach diesem Hin und Her durch die Altstadt, mit meinem vollen Bauch nach Hause geschleppt hatte, fiel ich also erstmal auf mein Bett und machte einen kleinen Verdauungsschlaf.

Morgen geht es schon wieder dort hin, diesmal mit dem "Making of Jerusalem"-Kurs. Ich hoffe wir machen dort nicht genau die gleiche Runde...

  

 
Auch auf dem Dach der Grabeskirche sammelt sich der Müll - wie in dem gesamten Land

 
 
Moslems, die von einer Pilgerfahrt nach Mekka zurück kommen, bemalen traditionell  ihre Hausfassade, um von ihrer Fahrt zu berichten.

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