Mein erstes Ziel war Mea Shearim, ein Stadtteil von Jerusalem, in dem ausschließlich ultra-orthodoxe Juden leben und daher berühmt berüchtigt ist für seine strenge Geschlechtertrennung. Als ich zuhause Itai von meinem Plan erzählte, meinte er ich sollte besser einen langen Rock anziehen, da ich sonst Probleme dort bekommen könnte. Glücklicherweise hatte ich mir vor ein paar Wochen zufällig auf dem Flohmarkt einen Rock gekauft, der über die Knie geht. Also konnte es los gehen. Auf dem Weg dorthin wurde ich immer nervöser. Ich hatte das Gefühl eine völlig neue Welt zu betreten und kam mir mehr denn je vor wie eine Aussätzige. Zwar verstieß ich mit meiner Kleidung ausnahmsweise mal nicht gegen die Vorschriften, aber meine Haare ließen mich natürlich eindeutig als Ausländerin erkennen. Aber es waren vor allem die Kinder, die mich mit großen Augen musterten, während die Älteren Ultras eher demonstrativ weg sahen, wenn sich unsere Wege kreuzten. Es war ein sehr, sehr eigenartiges Gefühl durch die Straßen dort zu laufen. Was mir als erstes auffiel, war der Schmutz. Es liegt nicht nur daran, dass ich es einfach von Deutschland gewohnt bin, dass die Straßen halbwegs sauber und aufgeräumt sind - hier ist es einfach dreckig! Und in Mea Shearim wurde dieser Eindruck noch gesteigert. Wie Itai mir schon vorher erzählt hatte, handelt es sich bei diesem Stadtteil um ein selbst erobertes Ghetto. Mich hat es fast schon an einen Slum erinnert. Abgesehen von dem Abfall und dem Müll der überall herumliegt, sind die Häuser am verfallen und teilweise so winzig wie für Zwerge. Dadurch, dass die ultra-orthodoxen aus Überzeugung moderne High-Tech wie Computer größtenteils ablehnen, kommunizieren und werben sie über Plakate, die an jeder Hauswand angebracht sind. Deswegen liegen auch überall am Gehweg Papierschnipsel und-Fetzen herum. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich irgendwelche Antipathien gegen Juden generell habe. Das habe ich natürlich nicht, sonst hätte ich mich wohl kaum für dieses Land entschieden. Aber bei ihnen ist das so eine Sache. Bevor ich hierher kam, war ich sehr fasziniert von dem Aussehen der Haredim, also der ultra-orthodoxen Juden. Als ich vor zwei Jahren in Antwerpen war, wo es eine der größten jüdischen Gemeinden in Europa gibt, habe ich zum ersten Mal überhaupt diese Art von Menschen gesehen und fand sie einfach interessant und spannend. Seitdem ich hier bin und viel über ihre Art zu leben gelernt und mitbekommen habe wie die meisten von ihnen so ticken, hat sich meine Meinung dazu aber gewandelt. Also hier ein paar Fakten für diejenigen die genauso wenig darüber wissen wie ich am Anfang:
- Ultra-Orthodoxe Juden nehmen die Thora wörtlich und halten sich strikt an ihre Gesetze
- Ultra-Orthodoxe haben eine klare Rollenverteilung: Der Mann geht nicht arbeiten, sondern widmet sich sein Leben lang dem Studium der Thora. Die Frau muss für den Unterhalt der Familie sorgen. Da sie im Durchschnitt um die 7 Kinder hat, reicht der Verdienst meist nicht aus, sodass sehr viele Familien von der Sozialkasse leben oder auf soziale Einrichtungen angewiesen sind.
- Frauen sind meist um einiges gebildeter als Männer, da sie länger zur Schule gehen, während die Männer sich schon sehr früh ausschließlich auf die Thorakunde beschränken
- In Israel machen die Ultras ca. 10% der Bevölkerung aus. In Jerusalem leben die meisten von ihnen. Dadurch, dass sie viel mehr Kinder bekommen als liberale Israelis wächst ihr Anteil aber stetig
- Ultra-Orthodoxe Juden sind gegen den Zionismus und lehnen den Staat Israel in seiner heutigen Form ab, da sie glauben, dass nur der Messias selbst den jüdischen Staat ausrufen darf
- Bisher waren die Ultra-Orthodoxen Juden vom Wehrdienst befreit. Dies soll sich allerdings mit einem neuen Gesetz bald ändern.
Die Demonstration vor zwei Wochen galt übrigens auch genau diesem neuen Gesetz. Sie wollten dagegen protestieren, dass ihre Söhne und Töchter, wie jeder andere Israeli zum Militär muss. Der alte Rabbi, den ich letztens getroffen und mit dem ich mich lange unterhalten habe, argumentierte dies übrigens damit, dass der Beitrag der Ultras für das Land darin bestünde, dass sie täglich für den Staat Israel beten würden...
Also vielleicht kann der eine oder andere nachvollziehen, warum sich meine anfängliche Faszination für diese Gruppierung inzwischen in eine Mischung aus Wut und gleichzeitig Belustigung verändert hat. Wut darüber, dass sie ihre Art zu leben auch auf alle anderen Bürger dieses Landes übertragen wollen. So gibt es zum Beispiel inzwischen in vielen Bussen die inoffizielle Regel, dass Frauen hinten sitzen müssen und Männer vorne. Hält sich eine Frau nicht daran, kann es vorkommen, dass sie angespukt, angeschrien oder auch geschlagen wird. Außerdem demonstrieren sie, wie ich selbst ja schon erlebt habe, wo es nur geht dagegen, dass andere Leute am Sabbat ihrer Arbeit nachgehen. Sie ziehen in Gruppen los, um vor Cafes oder Ständen auf dem Markt zu demonstrieren, die am Freitagabend oder Samstag geöffnet haben. Oder sie schreiben anderen ihre Kleiderordnung vor. Ich habe gestern eine Dokumentation von Arte zu genau diesem Thema gesehen, in der unter anderem gezeigt wurde, dass es Stadtviertel gibt, in denen die Ultras allmählich die Macht übernehmen und Werbung, auf denen Frauen abgebildet sind, von den Wänden und Bushaltestellen reißen und stattdessen ihre Plakate mit Geboten und Regeln aufhängen. Wer dieses Verhalten kritisiert, wird von ihnen als Nazi oder als Linker bezeichnet, was in ihren Augen genau so schlimm ist.
Andererseits bin ich manchmal amüsiert wenn ich sie auf der Straße sehe. Die Frauen tragen fast alle die gleiche Art von Perücke. Da nur der Ehemann das echte Haar sehen darf, bedecken alle verheirateten Frauen ihren Kopf mit einem Hut oder eben einer Perücke. Bei der Auswahl sind die meisten wohl nicht sehr wählerisch und entscheiden sich daher fast alle für einen klassischen Topfschnitt. Die Männer wirken mit ihren großen Hüten, den Schläfenlocken und den schwarzen Kaftans wie aus einer anderen Welt. Umso absurder ist es dann, wenn man sie, was nicht selten vorkommt, mit einem Handy, oder sogar Headset durch die Straßen laufen sieht. So lange es sich dabei um ein koscheres Handy handelt, also ohne Internetanschluss, ist das nämlich legitim. Und auch wenn es regnet, verzichten sie nicht auf ihren Hut. So sieht man viele Menschen bei schlechtem Wetter mit einer bunten Plastiktüte auf dem Hut durch die Straßen laufen. Am Freitagnachmittag ist der Markt übersät von Ultras, die die letzten Besorgungen für das Sabbatmahl einkaufen und dabei ihre Kinderwägen zu Einkaufswagen umfunktionieren.
Mea Shearim wirkte durch das alles wie aus der Zeit gefallen. Eine völlig andere Welt. Aber trotz allem faszinierend. Was mich allerdings extrem aufgeregt hat, natürlich neben der Tatsache, dass sich kein mensch um den Müll schert, war, dass überall auf der Straße Brot herumlag. Und zwar gutes Brot! Ich würde wirklich gern wissen warum...
Heute fing der Tag ziemlich gut an. Ich hatte einen Friseurtermin. Auch wenn die meisten es wahrscheinlich nicht nachvollziehen können, aber ich hatte in den letzten Wochen eine wahnsinns Angst um meine Haare. Ausgelöst wahrscheinlich durch ein Mädchen, dass mich auf dem Flohmarkt ansprach und mich fragte, wie ich meine Haarfarbe so schön hin bekäme. Ich sagte ihr natürlich, dass mein Friseur dafür verantwortlich sei, woraufhin sie meinte, dass sie ebenfalls dieses Farbe wollte, und dass sie jedes Mal nach dem Friseurbesuch enttäuscht wäre, weil der Friseur es nicht hin bekäme. Offengestanden sah ihre Haarfarbe wirklich eher gelb als blond aus und seitdem hatte ich einen Horror vor den israelischen Friseuren. Aber schließlich muss ich nach spätestens zwei Monaten den Ansatz nachfärben lassen, da ich ansonsten mit einem immer größer werdenden dunkelblonden Balken durch die Gegend laufe. Umso erleichterter war ich, als ich mich in dem Spiegel an der Decke (!!!) über dem Waschbecken (es war ein recht edler Friseur den ich gefunden hatte...) erblickte und feststellte, dass mein Ansatz ebenso schön weißblond geworden war wie es mein geliebter Gonzalo in Stuttgart nicht hätte besser machen können. Was vielleicht an seiner detaillierten Beschreibung des Färbevorgangs lag, die er mir aufgeschrieben und die ich natürlich weitergegeben hatte, gelegen haben könnte. Bitte verzeiht, dass ich mich so lange mit diesem Thema aufhalte, aber bei meinen Haaren kenne ich wirklich keinen Spaß! Und nun ist diese Ungewissheit, ob ich bald als Gelbschopf durch die Welt laufen muss endlich dahin.
Nach diesem Erfolgserlebnis ging ich kurz nach Hause um etwas zu essen und machte mich dann bald wieder auf, immer noch motiviert durch die Berichte von Keenan, richtung Osten. Ich wollte eigentlich auf den christlichen Friedhof, auf dem unter anderem das Grab von Oskar Schindler liegt. Auf der Karte sah es auch recht nah aus. Allerdings stellte sich bald heraus, dass die Karte die Höhenunterschiede natürlich nicht berücksichtigt und so wurde es ein ziemlich langer Marsch, bis ich mich auf dem Mount Zion wieder fand. Dort lief ich erst durch einen kleinen Park und stand dann plötzlich vor einer Kirche von deren Bedeutung ich erstmal keine Ahnung hatte, bis ich zufällig las, dass es sich um das Grab König Davids handelte. Das erklärte natürlich auch die Scharen von Touristen, denen ich schnell versuchte aus dem Weg zu gehen. Ich lief also einen kleinen Gang entlang und pausierte kurz an einer Mauer, als mich auch schon wieder jemand von hinten ansprach. Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich kann mich kaum irgendwohin setzen oder -stellen, ohne bald von einem Mann, gleich welchen Alters angequatscht und ausgefragt zu werden. In diesem Fall erklärte mir ein ca. 60-jähriger Herr, ohne dass ich vorher danach gefragt hatte, wo genau sich das Grab Davids befand, wo der Saal des letzten Abendmahls, die Domitiokirche usw. Ich sagte ihm, dass ich gar nicht die Absicht hatte mir das alles anzuschauen, aber nach einer Weile überwog doch die Neugier und ich ließ mich von ihm herumführen. In einer lustigen Mischung aus Englisch und Deutsch erklärte er, der ironischerweise auch noch David heißt, die wichtigsten Infos über den historischen Ort an dem ich mich befand.
Da möchte man eigentlich nur zu einem kleinen Friedhof und schon läuft man in eine der Haupttouristenattraktionen. Und ich erfuhr ganz nebenbei von ihm, dass der christliche Friedhof nur bis 14 Uhr geöffnet hatte. Natürlich wollte er mich überreden, mich nochmal mit ihm zu treffen, damit er mir noch andere Orte zeigen konnte. Aber allmählich bin ich ziemlich genervt von diesen Angeboten. Ich bin nach wie vor am liebsten allein unterwegs. Wie man sieht bekomme ich früher oder später sowieso einen Führer und Begleiter, ob ich will oder nicht...
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| ... während sich die niemals endenden Touristengruppen vor ihrem Eingang drängen |
Nachdem ich ihn endlich los geworden war, setzte ich mich kurz vor die Dormitio-Kirche (anfang des 20. Jahrhunderts erbaut von Kaiser Wilhelm, blablabla...) um auf meiner Karte zu schauen wo genau ich bin, und vor allem wie ich es geschafft hatte hier zu landen - als mich schon wieder einer ansprach, diesmal der Verkäufer eines kleinen Standes mit Nüssen ein paar Meter neben mir. Nach dem üblichen Gequatschte ("where are you from, what are you doing here, how long will you stay, where do you live, oh! that's a nice place...") und der Einladung zu einem weiteren Treffen wurde es mir bald zu blöd, bzw. langweilte es mich nur noch. Immerhin weiß ich nun aber wie diese seltsame grüne, pelzige Frucht schmeckt, die ich schon oft auf dem Markt gesehen hatte und von der ich mich immer gefragt hatte wie sie heißt. Die Lösung: Almonds - Mandeln! Allerdings noch nicht ganz reif. Sie schmeckt einfach nur sauer, aber scheinbar ist sie hier sehr beliebt. Und am Schluss bekam ich dann sogar noch eine ganze Packung gebrannte Cashews geschenkt!
Daraufhin zog ich weiter, wie ich es am liebsten habe: völlig planlos, einfach dorthin wohin es mich treibt. Dabei lief ich an der äußeren Stadtmauer, am jüdischen Friedhof vorbei und schließlich weiter durch das Löwentor zurück in die Altstadt.
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| Da für alle drei Weltreligionen König David scheinbar eine große Rolle gespielt hat, baute natürlich auch jede ihr eigenes Gotteshaus an seinem Grab: Links Moschee, mitte Kirche, rechts Synagoge |
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| Irgendwo dort vor den Touris soll sich das letzte Abendmahl abgespielt haben |
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| Auch auf einem muslimischen Friedhof macht der Müll nicht halt |
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| Ein etwas anderes "Kreuz" auf dem Dach über dem Abendmahlssaal |
Direkt neben Davids Grab eine Erinnerungsstätte für Opfer des Holocaust
Ich weiß nicht warum, aber mitten auf diesem Platz vor Davids Grab stand dieser Ultra-Orthodoxe auf dem Stein mit seiner Thora in der Hand und seinem Handy am Ohr
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| Der jüdische Friedhof |
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| Und etwas kitschiges zum Schluss: Reisebus vor Sonnenuntergang |





















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