Nachdem ich es gestern mit dem Purim feiern etwas übertrieben habe, werde ich diesen Bericht über die vergangene Woche mit einer ziemlichen Matschbirne verfassen. Daher bitte ich etwaige grammatikalische Fehler oder sinnlose Faseleien zu entschuldigen.
Die letzte Woche begann nass. Am Sonntag hatten wir wieder mal den "Making of Jerusalem"-Kurs, bei dem wir uns diesmal in der Davidsstadt trafen, dem ältesten besiedelten Teil Jerusalems mit den archäologischen Ausgrabungen zur biblischen Geschichte. Als ich von zuhause aufbrach um richtung Altstadt zu laufen nieselte es nur ein wenig und ich fand es ganz angenehm, da es relativ warm war. Also ließ ich meinen, ein paar Tage zuvor auf der Straße vor meinem Haus gefundenen Regenschirm zuhause. Nach einigen Minuten bereute ich diese Entscheidung auch schon, da der Regen stärker wurde. Und als ich schließlich an unserem Treffpunkt ankam, war ich bereits von oben bis unten nass. Netterweise ließ uns Noah, unsere Lehrerin, dann noch gefühlte 5 Stunden im Regen stehen um uns die Geschichte der "City of David" zu erläutern, gemischt mit dem Gesang des Muezzin aus den Lautsprechern, der die Muslime an das Mittagsgebet erinnern soll. Noah kommentierte dies nur mit einem trockenen "Die Muslime müssen laut Koran fünf mal am Tag beten. Ihr seht, wir Juden sind besser dran - wir müssen nur dreimal." Die darauffolgende Führung durch die unterirdischen Gänge war ganz interessant, aber ich sehnte mich die meiste Zeit nur nach trockenen Klamotten und etwas zu essen, sodass ich recht froh war, als wir endlich wieder gehen durften.
Am Montag fing mein Tag wieder mal recht spät an, da ich die Nacht über wieder durchgearbeitet hatte. Ich finde es immer noch etwas seltsam wie sehr sich hier mein Tagesrhytmus verändert hat. Ich kann ohne Probleme bis 5 Uhr morgens oder sogar noch länger arbeiten, ohne wirklich müde zu sein. Da ich nur zweimal in der Woche Kurse um 10 Uhr habe, kann ich somit auch gut bis 12 oder 1 Uhr schlafen. Und so war es auch am Montag. Erst um 17 Uhr hatte ich einen Meeting Point. Also fuhr ich gegen 16 Uhr rauf zur Akademie und setzte mich noch eine Weile in die Mensa, da ich noch etwas früh dran war. Von dort aus sah ich zufällig meinen Professor in dem angrenzenden Künstlerbedarfsladen. Also ging ich zehn Minuten später zu dem Raum in dem das Treffen stattfinden sollte - und stellte fest, dass eine andere Klasse dort Unterricht hatte. Also fragte ich jeden Studenten den ich traf, in welchem Raum mein Prof. alternativ zu finden sein könnte, aber natürlich wusste keiner etwas. Das Sekretariat hatte bereits geschlossen, ich irrte wahllos durch das Gebäude und spähte in jeden Raum, wobei meine Wut mal wieder anschwoll. Immerhin hatte ich ihn ja Minuten zuvor noch gesehen! Gerade hatte ich den Beschluss gefasst einfach wieder nach hause zu fahren, als mich ein Fashion-Design-Student ansprach und mich fragte, ob ich für ihn modeln würde wenn er seine Abschlussarbeit präsentieren sollte. Er war schon der vierte Student, der mich das hier fragte. Vermutlich aus Mangel an großen Mädchen. Ich weiß nicht ob ich es schon erwähnt habe, aber die Israelis sind kein sehr hochgewachsenes Volk. Also tauschten wir Nummern aus und er beschwor mich, wenn mich noch jemand fragen sollte, zu sagen, ich sei schon ausgebucht. Ich musste mich echt zusammenreißen um nicht laut los zu lachen... Natürlich versuchte er mir daraufhin auch zu helfen meinen Prof. zu finden, aber ehrlich gesagt hatte ich schon gar keine Lust mehr auf ein Gespräch mit ihm und fuhr wenig später wieder zurück in die Stadt. Zuhause schrieb ich ihm dann eine Mail um ihn zu fragen wo er war und ob wir das Treffen nachholen könnten. Darauf bekam ich eine sehr nette Mail mit einer Entschuldigung seinerseits, dass er in einem völlig anderen Raum gewartet hatte und dass wir das Treffen in zwei Wochen nachholen könnten. Geht doch!
Am Mittwoch war dann wieder der Zeichenkurs. Unsere erste praktische Arbeit sollte eine "drapery", also ein Stillleben, eine Drapierung aus Stoff sein, zu der jeder eine entsprechende Vorlage mitbringen sollte. Ich hatte meinen Schal dabei, wusste aber eigentlich im Vornherein, dass ich gerne die Gardine in dem Atelier in dem wir uns trafen zeichnen wollte, die mir noch am spannendsten erschien, wenn dieses Thema überhaupt so etwas wie Spannung zulässt. Also setzte ich mich in Position und fing an zu zeichnen - und stellte nach ein paar Sekunden fest, dass sich auf einmal die ganze Klasse hinter mir platziert hatte und ebenfalls anfing diese Gardine zu zeichnen. Ich kam mir vor wie im Kindergarten und auch der Lehrer war ziemlich verwirrt. Während diesem stumpfen Abzeichnen fühlte ich mich ein wenig in die Vergangenheit zurück versetzt. Diese Art von Studie habe ich zuletzt während meiner Arbeit für die Bewerbungsmappe an der Aka gemacht. Also vor rund fünf Jahren. Es war ganz entspannend, aber ich verstehe noch nicht so ganz was genau der Lehrer damit bezwecken wollte, da er uns bisher immer erzählt hat, dass er uns keine Vorschriften machen will was wir zeichnen, sondern eher als Mentor im Hintergrund für uns da sein will. Also mal sehen wohin das führt.
Nachmittags ging ich dann ins Israel Museum, da mir Lisa eine Woche vorher von der Ausstellung eines zeitgenössischen Israelischen Künstlern vorgeschwärmt hatte. Da das Museum auf der Karte relativ nah an meinem Wohnbezirk liegt, beschloss ich zu Fuß zu gehen und lief so querfeldein durch einenhübschen, ziemglich großen Park. Als ich nach einigen Umwegen am Museum ankam, stellte ich mit Erstaunen fest wie gut die Sammlung und die Ausstellung wirklich sind. Und Lisa hatte recht. Die Retrospektive des 2008 verstorbenen Künstlers Gideon Gerchtman ist sehr zu empfehlen! Neben der Sammlung von jüdischen Künstlern, zeigt das Museum auch Gegenstände und Gebäude aus der jüdischen Kultur und so fand ich mich plötzlich in dem Innenraum der sogenannten Horb-Synagoge aus dem 18. Jahrhundert wieder, die vor einigen Jahren aus Horb in Deutschland nach Jerusalem überführt wurde. Dort waren neben mir noch drei ultra-orthodoxe Männer in meinem Alter, die sich auf Jiddisch unterhielten. Das erste Mal für mich, dass ich jemanden hier jiddisch sprechen hörte. Ich finde es immer wieder faszinierend zu erleben, wie sehr Israel mit Deutschland verbunden ist - ob es das will oder nicht. Überall finden sich Spuren deutschsprachigen Lebens, Kultur und Geschichte.
Als ich gerade wieder gehen wollte, stellte ich fest, dass sich in der Eingangshalle eine Menschenmenge gebildet hatte, die auf die Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel "Dresscode" wartete. Also beschloss ich ebenfalls zu warten, um mir die Ausstellung anzusehen - wenn ich schon mal dort bin. Irgendwann quatschte mich ein ziemlich zerzaust aussehender Mann an, der sich natürlich als Künstler herausstellte und der, nachdem ich ihm ein wenig von meiner Arbeit erzählt hatte, mich überreden wollte, meine Zeichnungen auf seiner Webside im Internet zu verkaufen, was ich dankend ablehnte. Meine Bilder kommen auf Fotos ohnehin schon so schlecht rüber. Aber er erinnerte mich daran, dass ich langsam mal anfangen sollte meine eigene Homepage zu erstellen, um Leuten die mich fragen was ich so mache wenigstens ein grobes Bild geben zu können.
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Am Mittwoch wäre wieder der Druckverfahren-Kurs gewesen. Wäre. Ich war also pünktlich um 10 in der Werkstatt und stellte fest, dass ich die Einzige dort war. Nachdem ein paar Minuten später auch Deborah, eine belgische Austauschstudentin kam und mit mir wartete, erfuhren wir, das der Kurs an diesem Tag ausfiel. Toll, ich hätte also ausschlafen können! Und scheinbar hatten alle anderen es auch irgendwie erfahren, außer eben mir, Deborah und Keenan, einen Kalifornier, den wir ein paar Minuten später auf dem Weg zur Mensa trafen. So langsam gehen mir diese nicht stattfindenden Kurse und und vor allem die Unkenntnis darüber echt auf die Nerven...
Also fuhr ich mit Deborah wieder zurück in die Stadt. Unterwegs stellte ich wieder einmal fest wie ärgerlich es ist, einfach nicht das sagen zu können was man will, weil mir einfach zu viele Vokabeln im Englischen fehlen. Es war also ein etwas zähes Gespräch und ich war relativ froh als sie ausstieg, obwohl ich sie echt mag, aber irgendwie war dieses "Gespräch" und auch der wieder mal andauernde Regen, äußerst frustrierend für mich. Also beschloss ich als ich zuhause war einen Kuchen zu backen. Auch für Itai, als Dank, dass er schon so oft für mich mit gekocht und auf sein Bier eingeladen hatte. Erst am Montag waren zwei Freunde von ihm zu Besuch, von denen ein Mädchen einen österreichischen Freund hat und deshalb Spätzle und Krautsalat für uns kredenzte. Göttlich!
Abends schrieb mir dann Zeff, der Student, der mich am letzten Samstag durch die Altstadt geführt hatte, ob ich Lust hätte am nächsten Tag mit ihm zu frühstücken und ein Kostüm für Purim, das jüdische Karneval, zu suchen. Damit wurde zwar mein Plan, die Nacht über wieder durch zu arbeiten über den Haufen geworfen, aber ich sagte ihm zu.
Leider führte er mich anders als erwartet nicht in ein einheimisches Café, sondern in eine typische Touri-Absteige in der Shoppingmeile vor der Altsdtadt, in dem wir in einer Schlange an der Theke unser Frühstück auf einem Tablett inklusive Orangensaft im Plastikbecher mit Strohhalm entgegen nahmen. Na vielen Dank. Ein Graus für eine Fast-Food-Verachterin wie mich. Aber okay. Da Zeff vor hatte als Beduine aus "Der Alchimist" zu gehen, gingen wir danach auf den Basar um nach einem passenden Gewand für ihn zu suchen. Es hätte ganz lustig sein können, nur durch den immer noch währenden Regen, und dem Schirm, der sich ständig in den Tüchern und Auslagen an den Ständen verhedderte, war es ziemlich nervig und ich war echt froh, als er endlich etwas Passendes gefunden hatte und wir danach in eine kleine versteckte "Belgische-Waffeln-Bar" gingen. Ohne Touris! Es geht doch!
Am Freitag, nach einer langen Nacht des Zeichnens, traf ich mich mit Annelies, einer holländischen Austauschstsudentin, um mit ihr ebenfalls ein Kostüm für Purim zu kaufen. Ich hatte überhaupt keinen Plan und wollte mich einfach von der Auswahl inspirieren lassen. Unser erstes Ziel war ein kleiner Kostümladen, der unter Anderem schwarze Hüte anbot, wie sie die Ultra-Orthodoxen Juden tragen - inklusive angenähter schwarzer Schläfenlocken. Verrückt! Danach gingen wir in einen Second-Hand-Laden, den ich schon ein paar Wochen zuvor entdeckt hatte, der von zwei reizenden Ladies betrieben wird. Und natürlich fand ich wieder mal Kleider. Und eine Sonnenbrille. Die Basis für mein Kostüm.In einem weiteren Kostümladen kam dann ein vermeintliches Katzen-Kostüm (im Nachhinein war es eher eine Maus), bestehend aus einem Haarreifen mit Ohren, einer schwarzen Fliege und einem Schwanz dazu. Annelies, die mir erzählte, dass sie früher nie als Prinzessin gehen durfte, erfüllte sich ihren Traum und kaufte sich ein quietschbuntes, kitschiges Diadem!
Danach lief ich mal wieder auf den Markt, da ich ja inzwischen weiß, dass es an diesem Tag sehr viel Obst und Gemüse umsonst gibt. Meine Ausbeute war auch wieder mal sehr erfolgreich und ich hatte Mühe die zwei Tüten zu tragen. Als ich schon wieder gehen wollte, traf ich zufällig Hannes, einen deutschen Austauschstudent, ebenfalls an der Bezalel, der mit Martina, einer Studentin aus Teschien dort war um Fotos zu machen. So beschlossen wir spontan in eine Bar zu gehen, bei der wenig später ein Live-Konzert stattfinden sollte. Auf dem Weg dorthin trafen wir noch fünf weitere Exchange-students, die sich uns alle anschlossen. Es war echt verrückt und lustig wie wir als kleine internationale Karawane in diese Bar pilgerten. Dort angekommen wurde es mir aber schnell wieder zu viel. Ich stellte wieder einmal fest wie nervig ich diesen Smalltalk unter den Austauschstudenten finde. Diese sinnlosen, inhaltsfreien, ständig gleichen Gespräche und Themen. Also machte ich mich kurz darauf schon wieder auf den Weg nach Hause. Auch wenn es vielleicht unsozial von mir ist, aber für mich waren diese Konversatonen einfach die pure Zeitverschwendung.
Am Samstag wollte ich eigentlich nach Tel Aviv fahren, um mit Lisa dort Purim zu feiern. Ein Blick aus dem Fenster genügte allerdings um meine Stimmung in den Keller zu ziehen. Und mir war an diesem Tag auch wirklich nicht mehr nach feiern. Also sagte ich Lisa ab, die darüber auch nicht gerade unglücklich war, da sie sich noch von einer anderen Party kurieren musste. Der Samstag sollte also ein typischer Gammeltag werden, weshalb ich mir meine bequemsten Klamotten anzog und wieder anfing zu zeichnen. Später am Abend schrieb mir Eva, eine Austauschstudentin aus Karlsruhe, dass sie zufällig Itai getroffen hatte, der gerade dabei war die Bar zu öffnen und ob ich Lust hätte später mit ihr dorthin zu gehen. Ich besiegte also meinen inneren Schweinehund und raffte mich doch noch auf. In der Bar stellte sich wieder mal heraus, wie einfach es doch sein kann englisch zu reden wenn man betrunken ist. Denn nachdem mich ein Mädel dort kurz gefragt hatte, wie man "Congratulations" auf deutsch sagt, fing ich plötzlich an, auf englisch los zu brabbeln, ohne wirklich groß darüber nachzudenken was, oder wie ich es sage. Faszinierend. Nach der Bar gingen wir noch in ein nahegelegenes Café, in dem Evas zukünftiger Mitbewohner als Koch arbeitet. Das Café war schon offiziell geschlossen, aber die Mitarbeiter saßen noch draußen und rauchten und unterhielten sich. Es war eine echt schöne Atmosphäre und der Besitzer "nötigte" uns dann noch seinen neuen, mit Teppichen und Decken zu einer Sofalandschaft verwandelten alten VW T1, der dort im Eingangsbereich geparkt war, probe zu sitzen. Der Campari aufs Haus und die Cookies taten ihr Übriges. Es war echt gemütlich! Und mir wurde klar was für ein Glück ich habe in dieser Gegend zu wohnen! Es gibt hier ein schönes Café nach dem anderen, und die Leute sind hier sehr viel lockerer und offener als im Stadtzentrum!
Am Sonntag fand nun die berühmte Bezalel-Purim-Party statt. Lisa wollte gegen Abend aus Tel Aviv hierher kommen und ich hatte Tamara, Eva und Annelies zum Vorglühen bei mir eingeladen. Als es gegen 19 Uhr klingelte, ging ich also davon aus, das es eins der Mädels ist das vor der Tür steht. Umso überraschter war ich also, als ich öffnete und mir ein ultra-orthodoxes Jüdisches Paar und ihre Kinderschar gegenüber stand. In voller Montur mit Kostümen, aber natürlich auch Schläfenlocken Hut und schwarzem Kaftan.Mein erster Gedanke war, dass es an Purim vielleicht eine ähnliche Tradition gab wie beim Halloween, dass die Kinder bei den Nachbarn Süßigkeiten einsammeln gehen. Aber wie sich rausstellte, wollten sie zu der Frau, die vor Itai und mir in der Wohnung gelebt hatte. Da mir das englische Wort für "Altersheim" natürlich nicht einfiel, konnte ich ihnen nur sagen, dass sie hier nicht mehr wohnte. Aber es würde mich doch interessieren, in welchem Verhältnis diese Familie zu der deutschen Vormieterin steht...
Später kamen dann aber auch die Mädels in ihren Kostümen und gegen elf Uhr zogen wir los zu der Party, die in einem Zelt in der "German Colony", im Süden der Stadt steigen sollte. Die Musik war toll, zumindest in dem Bereich in dem ausschließlich Electro lief, alle waren sehr aufwendig und lustig verkleidet. Irgendwann wurden mir von allen möglichen Leuten Getränke ausgegeben. Ich werde jetzt nicht weiter ins Detail gehen. Ich sage nur die Kombination von Bier und Shots ist immer noch nicht sehr empfehlenswert.... So war das Ende der Party leider nicht mehr ganz so schön für mich, aber wie gesagt, die Einzelheiten erspar ich euch.
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So viel zu der letzten Woche. Hoffentlich folgt auf den Winter der letzten Tage auch bald wieder der Frühling. Es ist ziemlich frustrierend zu hören wie schön warm es in Deutschland ist, während man selber in Jerusalem mit dicken Wollsocken neben seiner Heizung sitzt und bibbert.








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