Sonntag, 2. März 2014

Die grüne Wüste, Hebron und der Aufstand der schwarzen Gartenzwerge


Es ist wieder einiges passiert und ich hoffe, dass ich mich mit meinen Ausschweifungen nicht langweile. Ich versuche mich kurz zu fassen.

Gestern morgen kam Carla von ihrem Trip nach Ramallah zurück. Sie hatte dort einen Araber kennen gelernt, der in der deutschen Botschaft arbeitet, dadurch auch ganz gut deutsch sprach und der sie spontan zu seiner Familie nach Jericho einlud, wo sie dann auch die Nacht verbrachte.
So packten wir also nach ihrer Ankunft hier schnell ihren Rucksack und ihre Tasche voller Mitbringsel unter den Arm und machten uns auf Richtung Zion square, wo die Sheruts nach Tel Aviv warten - die einzige Fortbewegungsmöglichkeit am Shabbat. Bevor wir die Sheruts erreichten, wurden wir von einem Typen angesprochen, der uns anbot nach Tel Aviv zu unserer Wunschadresse zu fahren. Auf die Frage, wie viel es denn kosten sollte, sagte er ganz unschuldig "hmmm, 200 Shekel?". Er dachte wohl wir wären kleine Touris und könnte uns auf die Art abzocken. Ein normales Sherut kostet nämlich maximal 35 Shekel! Also stiegen wir dann in ein solches und kamen nach einer Stunde Fahrt und einem kleinen Fußmarsch durch das äthiopische "Ghetto" in Tel Aviv bei Lisa an.
Von dort fuhren wir dann wieder zu viert, also Lisa, ihr Mitbewohner Fainan, Carla und ich mit dem Auto in die Wüste, da Lisa von ihren Verwandten die in Israel leben gehört hatte, dass einmal im Jahr die Wüste voll von blühenden, roten Blumen sein sollte. Dort angekommen stellte sich allerdings heraus, dass meine Vorstellung von Wüste scheinbar etwas einseitig ist. Ich dachte, wie die meisten wahrscheinlich, an ein trockenes, steiniges Stück Erde. Was wir sahen war aber ein grünes, saftiges Land mit vielen Bäumen und einem kleinen See. Ich vergesse immer wieder, dass hier ja auch noch offiziell Winter ist. Im Sommer ist dieser Ort scheinbar völlig ausgetrocknet, aber zu dieser Jahreszeit blüht alles und hat mich total an Korsika erinnert. Nach einer Weile setzten wir uns ins Gras und machten ein kleines Picknick dort.
Ein Meer von Blumen sahen wir allerdings nicht. Es gab vereinzelt ein paar Blumen, über deren Sorte wir uns nicht ganz einig waren. Ich war für Klatschmohn, die anderen für Annemonen. Wie auch immer, sie waren ganz hübsch. Alles in allem ein sehr idyllischer Ort und eine schöne Abwechslung zur Stadt.

Fainan, der es liebt auf jedem Bild, dass man macht zu posieren
 

 



Als wir wieder aufbrachen war es so heiß, dass Fainan sogar die Klimaanlage anschmeißen musste. Ich hab das Gefühl, dass das ganze Land stetig warmes Klima hat, mit Ausnahme von Jerusalem, wo man sobald die Sonne weg ist, die Heizung anschmeißen muss!

Unser nächstes Ziel war Hebron. Eine der größten Städte im Westjordanland und ein Brennpunkt des Konflikts zwischen Juden und Palästinensern. Fainan erzählte uns, dass der arabische Markt dort vor einigen Jahren geschlossen wurde, als Folge von Einschränkungen für Palästinenser, was die Benutzung vieler Straßen im Stadtzentrum angeht. Normalerweise siedeln sich die Israelis im Westjordanland in eigenständigen Wohnsiedlungen an, in Hebron jedoch besetzten sie ab 1968 ganze Häuser im Stadtzentrum und fingen dann an, die Palästinensischen Einwohner zu diskriminieren. Im Zuge von einigen gewalttätigen Auseinandersetzungen, begann das israelische Militär kurz darauf, die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bürger einzuschränken, indem es manche Straßen für sie durch Stacheldraht und Tore absperrte


Schon als wir in die Stadt einreisen wollten, merkten wir, dass wir es hier mit einem Sonderfall zu tun hatten. Wir nahmen eine Abkürzung, die durch mehrere offizielle Schilder markiert war, auf denen stand, dass der Durchgang für Israelis verboten sei. Einige Minuten später, kurz bevor wir die Altstadt erreichten, wurden wir von einer Gruppe israelischer Soldaten angehalten, die uns einige Zeit am weiterfahren hindern wollten. Nachdem sie Fainan aber endlich seinen Ausweis zurück gegeben hatten, ging es weiter. Es sah so aus, als wüssten die blutjungen Soldaten selbst nicht genau, was sie dort eigentlich taten. Aber endlich kamen wir in der Stadt an und stellten das Auto vor einer Moschee ab. Um in die Altstadt zu kommen mussten wir dann nochmal durch eine Sicherheitskontrolle der Israelis und gelangten dann auf den ehemaligen Markt. Es sah sehr gespenstisch aus, all die verschlossenen Geschäfte, mit den vergammelten Markisen und Toren. Als wäre die Stadt ausgestorben. 

 



Wir gingen zu einer Moschee, vor der sich eine norwegische Touristengruppe bereits drängte. Und so schlossen wir uns ihnen spontan an. Dort drin bekam jeder weibliche Besucher erst einmal einen Umhang mit Kapuze angelegt. Andernfalls hätten wir sie wohl nicht betreten dürfen. Und so liefen die meisten von uns bald rum wie die Hobbits im Herrn der Ringe. 


Nach der ersten Station kamen wir in einen weiteren Raum der mit Teppichen ausgelegt war und den man deswegen auch nur barfuß betreten durfte. Wie es riecht, wenn sich eine Reisegruppe von ca. 30 Leuten die Schuhe auszieht muss ich wohl nicht erläutern. Ich war relativ froh, als ich wieder raus kam. 
Als wir wieder auf der Straße standen, wurde Lisa von einer kleinen Gruppe palästinensischer Kinder gemustert die dann kurz darauf auch stolz ihren vermutlich einzigen englischen Satz präsentierten "Whats your name?". Uns war vorher schon aufgefallen, wie viele süße und liebe palästinensische Kinder in den Straßen unterwegs waren. Leider sahen sie aber auch alle sehr vernachlässigt und verarmt aus. So als hätten sie schon viel erlebt und durch gemacht. Aber dennoch hatten sie kaum Berührungsängste und musterten uns auch äußerst neugierig, als wir uns auf die Treppen vor einem kleinen Bistro saßen und unsere Pizza und Shawawa (Döner) dort aßen. Man musste nicht lange dort sitzen und die Menschen auf der Straße beobachten, um zu erkennen, wie unendlich arm die Leute im Westjordanland sind. Zwischen den rostigen, zerbeulten Autos, tauchten auch immer wieder kleine ausgemergelte Pferde- und Eselwagen auf und es liegt noch mehr Müll herum als in Jerusalem. Die Israelis geben sich alle Mühe, die Palästinenser am am Aufstieg zu hindern, indem sie sie mit ewig langen Warteprozeduren und Umwegen schikanieren. Aber dennoch wirkten die Menschen dort sehr freundlich und offen. Vielleicht denken sie, dass wir Ihnen helfen können und versuchen deswegen, so wie wir es allmählich auch von Fainan vermuten, dass sie uns auf ihre Seite und gegen den Statt Israel ziehen wollen. Auf jeden Fall hat diese Stadt mich sehr beeindruckt und ich will unbedingt nochmal hinfahren. Itai hat auch schon angekündigt, dass er beim nächsten Mal mitkommen möchte. Er sagte heute morgen ganz nebenbei, dass er ein einziges Mal in der Stadt war - als Soldat.

Ich bin dann gestern Abend mit dem Bus zurück nach Jerusalem gefahren, da ich heute eigentlich den "making of Jerusalem"-Kurs gehabt hätte. Da jedoch heute die Demonstration der Ultraorthodoxen Juden stattfand und deswegen kaum Busse fuhren, wurde der Kurs spontan abgesagt und ich hatte somit genügend Zeit mir die Demo anzuschauen. 
Auf dem Weg in die Stadt fand ich zufällig einen kleinen Second Hand  Laden der von zwei sehr netten, älteren Damen betrieben wurde, die ganz entzückt von mir und der Tatsache waren, dass ich aus Deutschland kam. Erst fragten sie mich natürlich, ob ich aus Norwegen oder Schweden käme. Diese und die Frage ob dies meine Naturhaarfarbe sei, kriege ich jeden Tag mindestens einmal zu hören. Ich überlege ernsthaft, ob ich mir nicht für jeden Tag eine andere Nationalität zulegen soll... In dem Laden fand ich dann auch ein neues Stück für meine Sammlung an "Kleidern aus aller Welt" und erfuhr von den beiden Ladies, wo genau die Demonstration stattfand, nämlich an der Chords Bridge, dem neuen Wahrzeichen von Jerusalem, ein paar Minuten entfernt. Da auch die Tram nicht mehr dorthin fuhr, lief ich einfach der Masse ultraorthodoxer Juden hinterher und fand mich plötzlich in einem Strom schwarz-weiß gekleideter Menschen, untermalt von kitschiger, trauriger, jüdischer Musik, die aus mehreren Lautsprechern ertönte. Es war eine sehr eigentümliche Atmosphäre als ich auf dem Platz der Demo ankam. Die Männer standen auf der Straße und die Frauen drängten sich auf den Bürgersteigen. Fiel ich hier bisher nur durch meine Haarfarbe auf, so kamen diesmal meine Klamotten hinzu, die aus einem ärmellosen T-Shirt, einer knöchellangen schwarzen Hose und Sandalen bestand, da es heute um die 25 Grad warm war. Der Dresscode für die orthodoxen Frauen besteht aus einem hochgeschlossenen Oberteil, einem dunklen Rock der die Knie bedeckt, flachen Schuhen und für die verheirateten Frauen aus einer Kopfbedeckung oder einer Perücke. So fühlte ich mich ziemlich unwohl in dieser Menge und spürte die Blicke von sämtlichen Leuten um mich herum. Zwischendurch kam sogar ein Journalist mit seiner Kamera auf mich zu und wollte mich, als "Zuschauerin" sogar fotografieren, aber ich ergriff schnell die Flucht vor ihm. Und trotzdem wollte ich bleiben und mir dieses Spektakel anschauen. Nicht zuletzt auch wegen dem Dunst, der heute den ganzen Tag über der Stadt lag und ein eigentümliches Licht verbreitete und durch die traurige Musik, wirkte die Szenerie wie aus einem Geisterfilm.

Aufgenommen von einer Austauschstudentin, die dort wohnt

Ich saß dort also auf dem Bürgersteig und schaute mir die nicht enden wollenden Menschenmassen an, die an mir vorbei zogen, als mich plötzlich eine Frau auf hebräisch ziemlich barsch ansprach. Ich konnte nicht verstehen was sie sagte, aber ihre Geste sagte eindeutig, das sie wollte, dass ich meine Schultern bedecke. Gut, dass ich so perplex war. Meine Wut darüber konnte ich also nicht mehr an ihr auslassen. Ich finde es eine Frechheit, auf offener Straße von jemandem, der in der Gesamtbevölkerung eine Minderheit darstellt, gesagt zu bekommen, wie ich mich kleiden soll! Ich blieb dann also noch demonstrativ etwas länger als ich eigentlich wollte dort sitzen.



Irgendwann reichte es mir aber. und ich zog von dannen. Da ich keine Lust hatte den gleichen Weg auf dem ich gekommen war zurück zu laufen, bog ich irgendwann in eine kleine Seitenstraße ab und versuchte mich grob an der Richtung zu orientieren. Unterwegs kamen mir weiterhin Massen von Ultras entgegen. Dabei fiel mir mal wieder auf, wie die Männer sofort zur Seite oder auf den Boden schauen wenn eine normale, also westlich gekleidete Frau an ihnen vorbei läuft. Damit sie auch ja nicht in Versuchung und auf unanständige Gedanken kommen? Ich betone noch einmal, dass ich alles andere als anzüglich gekleidet war! Aber trotzdem fühlte ich mich unter diesen Menschen wie eine Aussätzige. Und dies beschäftigt mich eigentlich seit meiner Ankunft in dieser Stadt. Ich fühle mich hier einfach nicht so sicher wie in Europa. Nicht wegen dem Krieg oder aus Angst vor Anschlägen, sondern viel mehr, weil es so viele Orte und Gebäude gibt, in die man als Frau, ohne sich einem gewissen Dresscode zu unterwerfen, gar nicht hinein kommt, ohne abgewiesen oder diskriminiert zu werden. Und so stellt sich mir in jeder neuen Straße die ich betrete die Frage: darf ich hier überhaupt durchlaufen, so wie ich aussehe? Diese Unsicherheit ist ein dauerhafter Begleiter seitdem ich hier bin und ziemlich unangenehm. Jetzt weiß ich was Dina, unsere Hebräisch-Lehrerin meinte, als sie sagte, dass so viele nichtgläubige Menschen Jerusalem verlassen würden, weil sie diesen Druck nicht mehr aushielten...

Unterwegs, an einem nicht enden wollenden Strom von Reisebussen, vollbesetzt von Ultras, setzte ich mich kurz auf eine Bank um auf meinem Stadtplan nachzuschauen wo genau ich mich eigentlich befand, als sich ein Mädchen in meinem Alter neben mich setzte und in einem noch schlechteren Englisch als meinem fragte, was ich von der Demonstration halte (sie war übrigens keine ultra-orthodoxe). Ich erklärte ihr, wie seltsam die Situation für mich war und sie erklärte mir, dass sie es genauso empfand und dass einige Männer ihr sogar gesagt hätten, sie solle auf die andere Straßenseite, "die Seite für die Frauen" wechseln. Unglaublich!!! Die Ultraorthodoxen bilden gerade mal 10% der Bevölkerung in Israel, aber versuchen nichtsdestotrotz ihre Weltanschauung anderen Leuten aufzuzwingen. 

Ich lief dann einfach weiter, ohne genau zu wissen wo ich mich befand und war deshalb selbst überrascht, als ich mich plötzlich in einer Parallelstraße von meiner Wohnung wiederfand. Scheinbar ist mein Orientierungssinn doch nicht so schlecht. Selbst zuhause in meinem Zimmer konnte man die Gesänge, Gebete und Aufrufe der hunderttausenden von Demonstranten hören, obwohl die Demo am anderen Ende der Stadt statt fand. Es blieb also eine gewisse Gruselstimmung auch in Rehavia, meinem Stadtteil, mit diesem gedämmten Licht und dem nicht auszumachenden Chor von Stimmen in der Luft. 

Aber jetzt ist es Gott sei Dank wieder ruhig. Und so kann ich heute Nacht endlich wieder durcharbeiten, da ich morgen, nachdem ich den Malkurs ja von meinem Stundenplan gestrichen habe, auch keinen Kurs habe...


Auf dem Weg nach Hebron

Ein paar weitere Eindrücke von der Demo

 

  



Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen will - Fainan hat mir diesen Link zu einem Film von einem kritischen israelischen Journalisten über die Siedler in Hebron geschickt: https://www.youtube.com/watch?v=A5kfE5uDEBY

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