Sonntag, 23. Februar 2014

Aus arabischer Sicht

Gestern war ein sehr aufregender Tag. Am Abend zuvor rief mich Lisa aus Tel Aviv an und fragte, ob ich Lust hätte mit ihr, Fainan ihrem Mitbewohner und Carla, einer Freundin aus Stuttgart, die gerade zu Besuch da ist, einen Ausflug zu machen. So fuhr ich am Samstag morgen mit dem Sherut, einem Sammeltaxi, nach Tel Aviv und wir vier fuhren von dort aus weiter mit Fainans Auto richtung palästinensischer Grenze. Er wollte uns die Orte zeigen, in denen er mit seiner Familie gelebt hat, und in denen sie jetzt, nach der Vertreibung durch die Israelis angesiedelt hat. Schon auf der Fahrt machte er seinen Standpunkt über die Politik Israels und die Behandlung der arabischen Bevölkerung deutlich. So beschrieb er zum Beispiel die Provokation der Sicherheitsleute am Flughafen, die gezielt bei nicht jüdischen Israelis das Gepäck kontrollierten und allerlei Sicherheitsvorkehrungen trafen, die seinen jüdischen Landsleuten erspart blieben. An der Grenze in die West banks, also das Westjordanland, wurden wir ein paar Minuten von zwei schwer bewaffneten Grenzsoldaten aufgehalten, die uns mehrmals nach unseren Namen fragten und scheinbar nicht recht wussten, was sie damit anstellen sollten. Aber letztendlich ließen sie uns die Grenze passieren.
Unser erster Halt war Tulkarem, eine kleine Stadt nahe der grünen Linie. Wir waren dort die einzigen Touristen und wurden deswegen natürlich bestaunt als wären wir Aliens, was auch dadurch bestärkt wurde, dass Lisa ihre riesige Spiegelreflexkamera unentwegt zum Einsatz kommen ließ. 

Spontaner Autostop um eine weitere Kuriosität einzufangen
Mir ging dieses offensichtliche Touridasein recht schnell auf die Nerven und war froh, als wir uns bald in ein kleines Restaurant saßen und etwas aßen. Während ich mit Fainan einen Falafelstand suchte, machten Lisa und Carla die Bekanntschaft mit einer älteren Frau an ihrem Tisch, die zwar kein Englisch sprach, sich aber irgendwie mit ihnen verständigte. Als Fainan und ich dazu stießen, erklärte sie Fainan auf arabisch, dass sie sich freute, dass uns das Essen aus ihrer Kultur so gut schmeckte. Danach erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Leben und es stellte sich heraus, dass sie vier Söhne hat, von denen zwei bei politischen Aufständen ums Leben kamen und die beiden anderen kurz darauf verhaftet und in zwei verschiedene Gefängnisse an beiden Enden des Landes gesteckt worden waren. Diese Geschichte gab uns einen ersten Einblick in das Leben auf der "anderen Seite" des Landes. 
Später fuhren wir weiter um einen kurzen Stop bei Fainans Tante zu machen. Nachdem wir wahnsinnig herzlich von Fainans Cousine, die in unserem Alter ist und in Jerusalem Englisch studiert, empfangen wurden, saßen wir eine Weile mit der Familie im Wohnzimmer und sprachen über das Land und seine Eigenheiten. Es war, wie schon bei meinem Besuch in Bethlehem, sehr spannend einen Einblick in das Leben einer Familie im Westjordanland zu bekommen. Sie führen ein sehr modernes Leben, obwohl Fainans Tante ein Kopftuch trägt und auf den ersten Blick eher konservativ wirkte. Und wieder wurde mir klar, mit wie viel Vorurteilen wir doch alle behaftet sind.
Das nächste Ziel war die Stadt Baka (bin leider nicht sicher, ob ich das Wort richtig schreibe), in der Fainans Mutter heute lebt. Die Stadt ist seit Jahren von der Mauer geteilt.

Ein Teil der Mauer unweit des Hauses von Fainans Cousine

In einem Geschäft für Inneneinrichtung, in dem es die kitschigsten Dinge gab, die man sich vorstellen kann, trafen wir Fainans Mutter und seine Schwester, die in ein paar Wochen heiratet und deshalb die zukünftige Wohnungseinrichtung besorgte. Die Geschäftsinahaberin war eine arabischstämmige Frau, die aber in Münster aufgewachsen war und deshalb auf deutsch redete. Eine sehr kuriose Situation, in einem so kleinen, arabischen Ort mit einer Kopftuch tragenden Frau eine Konversation in perfektem deutsch zu führen. 



Danach holten wir noch eine andere Cousine von Fainan ab, die nur ein paar Häuser weiter lebte und fuhren mit ihr in die historische Stadt Caesarea. Unterwegs fuhren wir an dem Ort vorbei, in dem Fainan aufgewachsen war und der nun ein jüdischer Kibbutz war. Seine Heimatstadt wurde von jüdischen Siedlern besetzt und seine Eltern dadurch vertrieben. Die grüne Linie wurde daraufhin genau durch die Stadt gezogen, in der seine Familie heute lebt und so wurde sie mehr oder weniger zufällig zu israelischen Bürgern. Aufgrund dieser Geschichte ist es recht verständlich, dass Fainan einen ziemlichen Groll gegen den Staat Israel hegt. Dies wurde dann auch von seiner Cousine bestätigt. Nachdem wir eine Weile am Strand standen und das Meer betrachteten, setzten wir uns in ein Restaurant und redeten sehr lange über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Fainans Cousine arbeitet bei einer Organisation, die sich darum bemüht zwischen den beiden Völkern zu vermitteln und sie erzählte von einer Begebenheit eine Woche zuvor, bei der Schulklassen von beiden Seiten aufeinander trafen. Die israelischen Schüler wurden scheinbar so sehr von ihren Lehrern und Eltern in ihrem Denken manipuliert, dass die Situation eskalierte. Es sei unheimlich hart für sie bei solchen Streits noch ihrer Aufgabe als Übersetzerin von hebräisch und arabisch nachzugehen, wenn die Kinder sich gegenseitig Vorwürfe und Beleidigungen an den Kopf stießen. Es war ein sehr intensives und teilweise sehr trauriges Gespräch über ihre Sicht der Dinge und hat uns alle sehr nachdenklich gemacht. Nachdem ich Fainan auf den ersten Blick eher etwas suspekt und unheimlich fand, war ich wieder mal überrascht, wie sehr man sich von seinem ersten Eindruck in die Irre führen lässt. Seine Familie ist wahnsinnig offen, herzlich und engagiert! Und er selber viel nachdenklicher und sensibler als ich dachte. Ich persönlich war nach diesen vielen neuen Erkenntnissen und Erfahrungsberichten ziemlich betrübt und erschlagen. Dieser Konflikt nimmt je mehr man darüber erfährt immer komplexere Formen an und frustriert einen auch als Außenstehenden sehr. Zumal ich mich unweigerlich aufgrund meiner Herkunft und der Geschichte Deutschlands ein wenig mit verantwortlich fühle. Ohne den Holocaust hätte es diesen Krieg vermutlich nicht gegeben, oder hätte zumindest nicht diese Ausmaße erreicht...

Fainan und seine Cousine
Zurück in Tel Aviv fuhr ich mit Carla im Bus weiter Richtung Jerusalem. Heute sind wir dann zusammen in die Akademie gegangen und haben in dem "Making of Jerusalem"-Course einiges über die Geschichte der Bezalel Academy erfahren. So wurde z. B. von der Gründung, anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre dort deutsch gesprochen, da es vorwiegend deutsche Juden waren, die nach Palästina geflüchtet waren und die Universität dort gegründet hatten. Das Hebräische etablierte sich dort erst später, da die meisten Juden die Sprachen der Länder benutzten, aus denen sie stammten. 
Blick vom Campus auf die östliche Seite der Stadt mit der Wüste im Hintergrund...

... die andere Seite mit Blick auf das Stadtzentrum


Nach dem Kurs fuhren wir wieder in die Stadt auf den Markt, wo wir zufällig Daniel, eine ehemalige Austauschstudentin aus Jerusalem trafen, die letztes Semester in Stuttgart studiert hatte und eine Kommilitonin von ihr. So saßen wir eine Weile in einer kleinen Bar auf dem Markt, während um uns herum die Händler mit neuen Waren beliefert wurden. 
Es gibt eigentlich noch viel mehr zu berichten, aber das würde vermutlich zu sehr ins Detail gehen. Also bis die Tage!

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