Freitag, 14. Februar 2014

Wie ich dank eines dicken Amerikaners ein Treffen mit Natalie Portman verpasste

Pünktlich zum offiziellen Beginn des Sabbat (kaum zu überhören durch die Sirene, die jeden Freitag zum Sonnenuntergang ertönt), kommt hier mein aktueller Bericht.
Aber erstmal muss ich erwähnen, wie schön gerade die Stille ist. Das einzige was man gerade hört (nachdem die Sirene gerade wieder erloschen ist), sind die zwitschernden Vögel. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen ich wohne auf dem Land. Welcome to Jerusalem! Den Spruch habe ich in den letzten zwei Wochen ziemlich oft gehört . Meistens war er auf eher negative Eigenheiten bezogen, wie das teure Essen, oder auf den Aufstand der Ultras vor dem Café, kurz nach meiner Ankunft. Aber jetzt genieße ich gerade diese Ruhe, die es nur am Sabbat gibt. Kaum ein Auto fährt, kein Mensch ist auf der Straße. Beinahe jeder Israeli wird nun zuhause bei Freunden oder Familie sitzen und das traditionelle Sabbat-Essen zelebrieren. Vielleicht schaffe ich es während meines Aufenthaltes hier auch einmal zu einem solchen eingeladen zu werden. Wer weiß!

Nun aber zu gestern: Die Kursregistrierung ging relativ zügig von Statten, da die Kunststudenten als einziges Department sich schon im Vorfeld per Mail für Kurse registrieren mussten. Daher ging es gestern nur noch um eventuelle Änderungen. Und so sieht mein Stundenplan für die kommenden 4 1/2 Monate aus:

Sonntag: 14 Uhr, The making of Jerusalem: a geographical history
Montag: 14 Uhr, Painting Workshop
Dienstag 10 Uhr, Drawing Workshop
Mittwoch 10 Uhr, Etching Workshop
Donnerstag, alle 2 - 3 Wochen 14 Uhr, Meeting point (Arbeitsbesprechung mit einem Professor)
Freitag 10 Uhr, Street Photography

Das wird eine harte Umstellung zur Aka in Stuttgart. So viele Kurse auf einmal habe ich seit Anfang meines Studiums noch nie belegt.

Blick auf einen Teil des Campus auf dem Mount Scopus
Nachdem der Hebräisch-Kurs gestern vorbei war, gab es für die Exchange-Students noch eine "Safety-Orientation". Lisa, die Glückliche, konnte sich diesen Vortrag sparen, da sie ja nicht in Jerusalem, sondern in Tel Aviv studieren wird. So fuhr sie in die Stadt zum Yehuda-Market. Morgens im Bus hatten wir zufällig ihre ehemalige Mitbewohnerin getroffen, die ihr erzählte, dass Natalie Portman dort gerade einen Film dreht. Und Lisa wollte sich die Chance ein wenig Groupie zu spielen natürlich nicht entgehen lassen. So wurden wir Austausch-Studenten in einen furchtbaren, fensterlosen Raum gepfercht und von Gai, dem ziemlich lackaffigen Zuständigen für das Safety-Gedöns über Dinge aufgeklärt wie, dass man beim Arbeiten am Computer gerade sitzen sollte, oder wie wichtig es ist beim Arbeiten mit Maschinen Ohrschützer und Schutzbrille zu tragen. Also Dinge, auf die wir ohne Gai natürlich niemals gekommen wären. Gekrönt wurde diese Farce noch von einem halbstündigen Video aus den 90ern, in dem ein dicker Amerikaner einem vor ihm sitzenden Publikum von seinem Arbeitsunfall erzählte, bei dem er sich 90 % seines Körpers verbrannte, was er natürlich auch gern demonstrierte. Mich persönlich erinnerte dieser Monolog sehr an eine Wahlkampfrede, in diesem Fall für Safety-Products. 
Nachdem das alles überstanden war, verließ ich, natürlich nicht ohne mich noch einmal dabei verlaufen zu haben, schnellstmöglich den Mount Scopus und fuhr nach Hause. Leider sind die Straßen in Jerusalem um die Mittagszeit so verstopft, dass der Bus beinahe eine Stunde von der Akademie bis zu mir nach Hause brauchte. Aber endlich angekommen, zogen Lisa und ich gleich wieder los richtung Central Station um nach Tel Aviv zu fahren. Lisa, die ja seit gestern in Tel Aviv wohnt, mit einem riesigen Koffer und ich mit ihren zwei großen Taschen beladen. 
Als wir im Bus richtung Tel Aviv saßen, stellten wir schnell fest, dass wir von deutschen Touris umgeben waren. Spätestens als ich von hinten eine Frau zu dem Paar vor mir sagen hörte "Willst du auch Hände waschen?" und ihr darauf eine Tube Desinfektionsmittel in die Hand drückte, war wahrscheinlich auch allen anderen Businsassen klar, um welche Nationalität es sich bei den lustigen Leuten mit Gürteltasche handelte. Und natürlich boten sie auch mir eine Runde an. Schließlich gibt es doch nichts wichtigeres als die Sauberkeit und wer weiß wer diese Stangen im Bus schon vorher angefasst hat? Ich verzichtete allerdings. Nachdem dann noch eine Tüte "Wer will Marmeladenkekse!" rumgereicht wurde, gaben sie aber auch Ruhe. 
In Tel Aviv angekommen, gingen wir erst in Lisas neue WG um das Gepäck abzuladen. Danach gings weiter zu der Vernissage die wir besuchen wollten. Ein Professor an der Aka in Stuttgart, der international auch recht bekannt ist, Christian Jankowski, feierte seine erste Ausstellung in Israel. Die Ausstellung war auch wirklich gut. Leider hatte er scheinbar keine Lust mit uns zu reden. Nachdem ich ihm nur kurz, peinlicherweise auf dem Klo ein schnelles "Hallo!" zurufen konnte, war er auch schon wieder von irgendwelchen "wichtigen Menschen" umgeben. Lisa und ich plauderten währenddessen ein bisschen mit Charlotte, die ebenfalls dort war und ebenfalls von der Aka in Stuttgart kommt, nun aber ein weiteres Semester in Tel Aviv studieren wird. Als sich die Vernissage ihrem Ende neigte, zogen wir drei los richtung Central Station, da ich ja zurück nach Jerusalem fahren musste, um den Hebräisch-Kurs am nächsten Tag nicht zu verpassen. Auf dem Weg dorthin gönnten wir uns noch einen "Burekas", eine mit Schafskäse und Oliven gefüllte Teigtasche. Daraufhin gingen Lisa und Charlotte nach hause und ich lief das letzte Stück zu der Station alleine, durch eine ghettoähnliche Gegend, die vorwiegend von Äthiopiern bewohnt wurde. Da kein Bus mehr nach Jerusalem fuhr, musste ich auf ein "Sherut" ausweichen, ein kleines Sammeltaxi, das, sobald es voll besetzt ist, zwischen den größeren Städten hin und her fährt. In dem Sherut saß ich neben einem Araber, der sich gerne mit mir unterhalten hätte, dummerweise aber kaum Englisch sprach. Nachdem wir feststellten, dass eine Konversation aussichtslos war, bot er mir aber an seine Pistazien mit zu essen, was er mir natürlich nicht zweimal sagen musste. 
Da ich nicht genau wusste, wohin in Jerusalem das Sherut fuhr, blieb ich einfach bis zur Endstation sitzen, in der Hoffnung, dass es sich dabei um die Central Station handeln würde. Der Fahrer sprach auch kaum englisch, schaffte es aber irgendwann mir beizubringen, dass er nicht mehr weiter fuhr. Weil es schon kurz vor ein Uhr nachts war, fuhren auch keine Linienbusse mehr und da ich auf seinen "Special Price" von 40 Shekeln für die Fahrt zu mir nach hause nicht eingehen wollte, ging ich kurzerhand, nach einer kurzen Orientierungsphase (ganz ohne Google map!!!) zu Fuß.

Heute Morgen um neun fand dann zum letzten Mal der Hebräisch-Kurs statt. Ausnahmsweise nicht auf dem Mount Scopu in der Akademie, sondern im Architecture department im Stadtzentrum. Nachdem der Kurs als großes Finale mit einem hebräischen Popsong aus den 70er Jahren endete, bei dem alle eingeladen waren mitzusingen, ging ich nochmal richtung Yehuda-Market, da ich gehört hatte, dass dort am Freitag alles billiger verkauft wurde. Auf dem Weg dorthin kam ich an einem Flohmarkt vorbei und erstand mit meinen letzten Geldscheinen von 90 Shekeln (ca. 18 Euro), zwei wunderschöne Kleider! 
Bei der Suche nach einem Geldautomat stellte sich leider heraus, dass meine Kreditkarte scheinbar nur in ein paar ausgewählten Automaten akzeptiert wird. Alle bei denen ich es versuchte, spuckten sie als "not accepted" wieder aus. Also darf ich morgen nochmal in die Stadt losziehen und den Automaten suchen, bei dem Lisa und ich letzte Woche erfolgreich Geld abgehoben hatten. 
Auf dem Markt war es so voll wie ich es noch nie erlebt hatte. Es war unheimlich anstrengend, sich durch die Menschenmassen in den Gängen zu quetschen. Allerdings waren die vielen Menschen auch hilfreich für mich als es darum ging unauffällig das heruntergefallene Obst und Gemüse vom Boden aufzuheben. Einmal flog mir eine Aubergine sogar regelrecht vor die Füße, versehentlich weggekickt von einem orthodoxen Juden. 

Zwischendurch wurde ich von einem jungen Typen angesprochen mit der Frage "Are you alright? You look so shocked!". Wie die meisten von euch wissen, schaue ich des öfteren angeblich traurig, böse, oder scheinbar auch schockiert, ohne es zu merken. Ich kanns einfach nicht ändern. Einfach ignorieren! 

Jetzt sitze ich in meinem Zimmer, dass mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen ist, auch wenn es zugegebenermaßen etwas eng ist, und werde gleich mit einer Zeichnung beginnen, die ich eigentlich seit meiner Ankunft hier schon anfangen wollte. Jetzt, wo ich die Wohnung endlich für mich habe (Itai ist scheinbar in der Bar und wiedersetzt sich demonstrativ den Regeln des Sabbat), versuche ich also langsam mal, mir einen kleinen, sehr improvisierten Atelierplatz einzurichten. 

Bis die Tage!

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